Kapitel 58

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Mit schlaffen Schritten tapste ich durch die Wohnung und suchte Patrick. Der Fernseher lief und er lag mit halb angewinkelten Beinen auf der Couch. Seine Augen sind geschlossen, seine Brust hebt und senkt sich gleichmäßig. Ich trat näher zur schlafenden Gestalt und legte mein Kleid auf dem Wohnzimmertisch ab. Vor ihm steht eine Flasche Scotch und er hält ein bereits geleertes Glas in seinen Händen. Wieso hat er getrunken?
Ich kniete mich an den Rand der Couch und löste das Glas aus seinem schwachen Griff, um es anschließend auf den Wohnzimmertisch neben uns zu platzieren.
So wie er dort lag musste es echt unbequem sein. Ich musterte ihn zugegeben bereits viel zu lang, aber eine braune, zerzauste Strähne insistierte mich förmlich dazu sie ihm aus dem Gesicht zu streichen. Mein Blick wendete sich von ihm ab um die Fernbedienung zu suchen, mit der ich nun den dröhnenden Fernseher ausschalten konnte.
Noch immer an das Sofa gelehnt wanderte mein Blick im Raum und blieb erneut bei der Scotchflasche stehen, die mich direkt vor mir verrucht anzufunkeln schien.
Nein. Nein, ich sollte nicht.
Patrick machte nicht den Anschein danach aufzuwachen und ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Ich bin in einem fremden Haus und die Langeweile quält mich.
Zugegeben, es war weniger die Langeweile, als meine allgemein prekäre Situation.
Also scheiß drauf. Ich nahm den Scotch und füllte das Glas bis zum Rand. Ich legte das kühle Glas an meine Lippen und nahm ein paar behagliche Schlucke, die mir mit meiner Speiseröhre auch jegliches Gefühlschaos wegbrannten.
Ohne das Glas beiseite zu stellen kramte ich mein Handy aus der Hosentasche. Acht verpasste Anrufe von meiner Mutter und zahlreiche Nachrichten von Manu und Clara. 'Geht es dir auch wirklich gut? Warum hast du mich vorhin beim Telefonieren so schnell abwimmeln wollen?' so in etwa wohl...
Ich nippte am Glas und kniff die Augen zusammen, rüttelte mich auf und stolperte zwei Schritte weiter zum Sessel, der mich knautschend auffing.
Patrick schlief tatsächlich wie ein Baby. Amüsant.

Würde ich meine Mutter zurückrufen oder Manu schreiben? Wohl eher nicht.
Ich hatte wirklich keine Nerven mir das Geschrei meiner Mutter anzuhören oder Manu eine Erklärung für mein 'nicht melden' aufzutischen. Arg. Ich nahm einen weiteren Schluck.
Wie ich mich dafür hasste. Noch ein Schluck.
Clara hatte gut reden. Sie hat einen großartigen Freund, immer gute Noten und erfüllt ihre gesamte Familie sicher mit Stolz. Ganz zu schweigen von ihrer allseits gut gelaunten Art. Noch ein Schluck.
Meine Mutter ist ständig auf der Arbeit. Gut. Ich hatte nie etwas dagegen, aber sollte es nicht anders sein? Sie scheint sich ja sogar um mich zu sorgen, warum ist mir das denn völlig egal? Noch ein Schluck. Meine Augen brannten und es wuchs eine immer lebendigere Wut in mir heran, die sich nicht beschwichtigen lassen wollte.
Okay, es hatte doch keinen Sinn in Selbstmitleid zu versinken. Ich massierte meine schmerzenden Schläfen und seufzte tief. Das hier würde eine lange Nacht werden.

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(GermanLetsPlay ff)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt