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Ehe ich überhaupt in der Lage war zu reagieren, hatte er mich umgedreht und mich mit dem Rücken voran gegen den Tisch gepresst.
Die Klinge hielt er noch immer fest an meinen Hals gepresst, während er sich mit seiner linken Hand neben meinem Kopf auf dem dunklem Holz des Tisches abstützte.
Sein rechtes Knie, das er ebenfalls auf dem Tisch abgelegt hatte, drückte sich unangenehm in meine Taille hinein.
In diesem Prozess fiel mir das Knicklicht aus der Hand, rollte von mir weg, bis es schließlich einige Zentimeter entfernt zum Erliegen kam.
Trotz allem war es kein nennenswerter Verlust, da der Schein des Mondes und die Lichter der Party den Raum so erhellten, dass ich sein dunkles Haar problemlos von seiner schneeweißen Haut unterscheiden konnte.
In seinen Augen blitzte etwas auf, doch sein grimmiger Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.
Mein Atem ging flach, was würde er tun?
Würde er mich hier und jetzt umbringen?
Ich sah nach rechts, dann nach links, meine Situation war prekär, aussichtslos.
Ich musste hier irgendwie weg, aber wie?
Das Messer an meiner Kehle bewegte sich und etwas Kaltes traf an der Seite meines Halses auf die überhitzte Haut.
Ich zitterte.
Mein Herz pochte wie wild, sodass ich es sogar selbst hören konnte.
Ich biss mir auf die Unterlippe und mied seinen Blick. Ihm in die Augen zu sehen, wäre zu gefährlich. Vielleicht würde ich ihn unbewusst provozieren.

Er summte.
„Hmm, was stelle ich am Besten mit dir an?", fragte er fast schon amüsiert in die Stille hinein.
„Bezaubernd bist du ja, eigentlich eine Verschwendung dich töten zu müssen", seufzte er und klang dabei fast schon betroffen, doch wir wussten beide, dass es nur triefende Ironie war.
Plötzlich spürte ich eiskalte Finger an meiner Wange, die meine Haut streichelten und rang panisch nach Luft.
Ohne es verhindern zu können, sah ich zu ihm auf und erkannte sogleich, dass seine Lippen zu einem grausamen Grinsen verzogen waren. Meine Härchen stellten sich auf und mein Herz setzte einige Schläge aus. Er lehnte sich vor, bis seine Nasenspitze beinahe meine eigene berührte und zischte dann in einem Ton, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: „Du erzählst mir jetzt lieber, warum du dich hier hereingeschlichen hast und meintest, dass es eine gute Idee wäre. Und denk' nicht mal daran zu lügen."
Wie um seinen Worten Deutlichkeit zu verleihen, presste er die Klinge noch fester gegen meine Haut und ich spürte ein Brennen.
Ungewollt purzelte ein schmerzerfülltes Aufächzen über meine Lippen und ich kniff die Augen fest zusammen.
Ich schmeckte die Angst auf meiner Zunge und fühlte mich benebelt.
Warum tat ich das Ganze überhaupt?
Warum eigentlich immer ich?
Wäre es nicht simpler, sich einfach von ihm umbringen zu lassen?
Nicht mehr kämpfen zu müssen?
Einfach loszulassen?
Endlich zu ruhen?

Ich atmete tief ein und aus.

Dann fiel es mir wieder ein.
Das schmerzerfüllte Gesicht.
Der zerbrechliche Körper.
Die Kälte.
Mein Bruder.
Selbst wenn ich es nicht wollte, musste ich es tun, nicht für mich, aber für ihn.
Meine Entschlossenheit stählte sich und ich ballte meine Fäuste. Nahm wahr, wie die Kraft wieder durch meine Adern pumpte.
Ich konnte ihn nicht im Stich lassen.
Nicht nach allem, was er für mich getan hatte.
Meine rechte Hand wanderte unter meine dunklen Gewänder und ich öffnete mit neuer Resolution meine Augen.
Trotzig starrte ich ihn an und biss verbittert die Zähne zusammen.
Meine Fingerspitzen streiften gerade die Konturen der Spritze, doch da packte mich etwas am Handgelenk und rammte es kraftvoll neben mir auf den Tisch.
Er hielt mich fest.
Ich kniff erbost meine Augen zusammen und funkelte ihn feindselig an.

„Das geht dich einen Scheißdreck an", fauchte ich ihn giftig an und wand mich unter ihm.
So leicht würde ich mich nicht geschlagen geben, auch wenn ich bereits verloren hatte.
Auf einmal ging ein kleiner Ruck durch seinen Körper und nun drückte sich auch sein anderes Knie in meine Seite.
Das Lächeln auf seinen Zügen war wie weggewischt, stattdessen war seine Miene regungslos und auch seine Augen verloren jeglichen Ausdruck in ihnen.
Frigid, fast schon steinern sah er nun aus.
Doch immer noch frei von jedweden Makeln.
Das Messer, das er mir an die Kehle gehalten hatte, verschwand. Anstelle dessen schlang sich seine rechte Hand um meinen Hals und drückte fest zu.
Ich würgte und legte wie automatisch meine freie Hand an seinen Unterarm und versuchte seinen Griff zu entfernen.
Vergebens.
Er rührte sich nicht.

„Ich bin für gewöhnlich sehr geduldig, aber du strapazierst dein Glück. Stell' mich nicht auf die Probe, sonst wirst du es bereuen", flüsterte er, doch es tat der Gefährlichkeit keinen Abbruch.
„Du bist so verdammt reich, du könntest deine Toilette mit Geld tapezieren, als ob es dir wehtäte, wenn ein paar Wertgegenstände fehlen würden", keifte ich atemlos zurück. Es tat weh zu sprechen.
Nun zog er eine Braue in die Höhe und sah mich befremdet an.
„Reich? Geld? Geht es dir darum? Um Geld?", fragte er ungläubig.
Meine Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen.
„Worum sollte es mir denn sonst gehen?", fragte ich ebenso skeptisch nach.
„Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass du nur zum Gaunern hergekommen bist und nicht um jemanden umzulegen? Vorzugsweise mich?", verlangte er zu wissen und schnitt meine Atmung komplett ab.
Schwarze Punkte tanzten in meinem Sichtfeld und ich war wie paralysiert.
Ein kehliges Geräusch ertönte.
Kam das von mir?
Er lockerte seine Hand etwas.
„Ich bin zwar eine Diebin, aber doch keine Mörderin. Ich weiß nicht mal, wer du bist; du sahst einfach steinreich aus", beantwortete ich seine Frage. Meine Stimme klang selbst in meinen eigenen Ohren schwach.
Die schwarzen Flecken in meinem Blickfeld wurden größer.
Er zerrte mich an meinem Hals hinauf, sodass ich saß und löste seine andere Hand von meinem Handgelenk, um sie stattdessen um meinen Rücken zu schlingen und mich zu stabilisieren. Dabei rollte mein Kopf nach hinten und meine Lider flatterten.
Lange würde ich das nicht mehr durchstehen.
Sein Würgegriff ließ abrupt von mir ab und seine Hand glitt in meinen Nacken und hielt meinen Kopf aufrecht.
Er sah mir tief in die Augen, schien sie nach etwas abzusuchen, doch ich kämpfte nur darum, nicht das Bewusstsein zu verlieren.
Was stellte er sich so an? Woher sollte ich wissen, wer er war?
Klar war er reich, aber das hieß doch nicht gleich, dass er wichtig war.
Gottkomplex.

Alles drehte sich und mein Kopf fühlte sich merkwürdig leicht an.
„Wofür brauchst du das Geld?"
Wahrscheinlich war es eine Einbildung, doch er klang nicht so hart und unmenschlich wie zuvor.
Seine Stimme klang ... ja, sie klang fast schon sanft.
„Für meinen Bruder."
Seine Augen weiteten sich kaum merklich.
„Er hat dich angestiftet?!", knurrte er.
Er verschwamm vor mir und mir wurde immer schummriger zumute.
Ich war plötzlich müde, so schrecklich müde.
„Er liegt im Krankenhaus."
Dann wurde mir schwarz vor Augen.

~

Ihr Körper erschlaffte unter mir und sie sackte zusammen.
Ich hielt sie fest und stellte mich mit beiden Beinen wieder zurück auf den Boden, sie auf meinen Armen.
Wer war sie?
Sie schien nicht zu wissen, wer ich war, was in Anbetracht der Sache, dass es inzwischen jeder wusste, mehr als nur merkwürdig war.
Ein Grinsen kroch auf meine Lippen.
Trotzdem war es erfrischend jemanden um mich zu haben, der sich traute, mir zu widersprechen.
Noch dazu eine kleine süße Diebin wie diese.
Langsam verließ ich den Raum, den Blick dabei stets auf sie geheftet, und machte mich auf den Weg in meine Schlafgemächer.

Mein Entschluss war gefasst, ich würde sie behalten, bis mir der Spaß an ihr verging.

Querencia - Min Yoongi x Reader (Collab)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt