Ich war den ganzen restlichen Dezember damit beschäftigt, Ausreden dafür zu erfinden, warum ich Dag nicht anrief. Manchmal war es die Uni und wenn es nicht die Uni war, dann mein Nebenjob oder eine Verabredung mit Freunden. Jede Ablenkung war mir herzlich willkommen und ich ließ selbst an Weihnachten und Silvester die Finger vom Alkohol, denn ich merkte schnell, wie ich, sobald ich getrunken hatte, anfing, mich tierisch nach ihm zu sehnen.
„Wer ist das?"Ertappt sah ich von meinem Handy auf, mitten in die neugierigen, braunen Augen meiner Arbeitskollegin Thea.
„Niemand." Rasch drehte ich das Smartphone um. Ich hatte Dag auf Instagram gestalkt.
„Also jemand, den du heiß findest", stellte sie fest. „Wie heißt er auf Insta?"
„Er ist bloß irgendeiner von Iaras Freunden", tat ich es ab. „Ich habe ihn auf der Einweihungsparty getroffen."
„Etwa einer von ihren berühmten Freunden?" Sie stapelte die abgespülten Wassergläser wieder umgedreht auf dem dafür vorgesehenen Tablett. „Der muss ja einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen haben, wenn du ihn Wochen später noch ausspionierst."
„Geht so", murmelte ich und trank einen Schluck von meiner Rhabarberschorle, um mich gar nicht erst in einer dürftigen Erklärung zu verheddern.
„Na, meinetwegen. Du hast übrigens den Old Fashioned von dem Typen da vergessen." Thea nickte in Richtung eines Hipsters mit Sonnenbrille bei Nacht auf der Nase. Dass diese Kiffer sich immer in den umliegenden Bars noch weiter zuknallen mussten ... Seufzend schälte ich eine Orange und versenkte die Schale in einem schlichten Glas. Mit feinstem Whiskey übergoss ich das Eis darin und überreichte dem Gast seinen Drink, mit der Anweisung, er solle ihn brav noch drei Minuten umrühren.Circa drei Stunden später waren endlich genug Leute gegangen, um den Rest rauszuwerfen.
Während Thea die Kasse fertigmachte, räumte ich die Tische ab und den Geschirrspüler ein. Iara rief an, als ich gerade das letzte Glas an die Seite gequetscht hatte. Mit dem Fuß kickte ich die Maschine zu, bevor ich ans Telefon ging.
„Hey, Pari!", rief meine beste Freundin. „Wir sind im Atopia, kommst du nach?"
„Wer sind wir?", hakte ich kritisch nach.
„Mika und ich."
„Und wir vermissen dich", erklang es von meinem Mitbewohner. Seine dunkle Stimme hörte sich noch beruhigend unbetrunken an.
„Ich habe eh Schluss, bin gleich bei euch", versprach ich.„Nee", tönte Thea sirenenartig los. „Wir machen gerade Feierabend, Jungs."
„Ich bin nicht blind." Das war doch – Ich kannte die zwei Kerle. Oh, Mist.
„Er muss reiern und auf die Straße ist asozial, am Ende trittst du morgen rein." Automatisch ging ich hinter dem Tresen langsam auf Tauchstation, in der Hoffnung, sie hätten bisher nur Thea gesehen.
Pech gehabt. „Was machst'n du da? Alles in Ordnung bei dir?"
„Kniebeugen", redete ich mich raus und streckte die Wirbelsäule durch. „Hält die Gelenke gesund. Hallo, Dag", fügte ich noch hinzu. Er grinste, als er mich erkannte. Immer noch dasselbe Zahnpasta-Werbelächeln.„Ey, Iaras beste Freundin!" Vincent machte die Fingerpistolen. Thea, Dag und ich musterten ihn alle drei irritiert.
„Bin ich dir nich' mal mehr 'ne Begrüßung wert?", beklagte er sich.
„Du kennst ja nicht mal ihren Namen", warf Dag genervt ein.
„Doch, sie heißt was Komisches", erklärte er entschieden, stockte und hielt sich im nächsten Moment die Hand vor den Mund.
„Alter, dass du wenn dann immer gleich so volle Kanne übertreiben musst ..." Forsch packte Dag seinen Freund am Kragen von dessen Hoodie und schleifte ihn hinter die Theke zum Waschbecken, in das Vince sich lautstark übergab.Ich warf Thea einen unsicheren Blick zu.
„Guck nicht so, ich mach das ganz bestimmt nicht sauber", stellte sie ohne Umschweife zischend klar. Dag rettete Vincents Kapuze vor einer Dusche aus Erbrochenem. Der säuerlich beißende Geruch stieg mir in die Nase. Mir bleib keine andere Wahl.
„Passt die Kasse?", fragte ich Thea, die mit verschränkten Armen gegen den Turm leerer Bierkisten gelehnt auf mich wartete. „Ging auf", bestätigte sie gähnend.
„Dann fahr nach Hause, ich kümmere mich", meinte ich.
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie schlüpfte in ihre Bomberjacke und verabschiedete sich mit einem Küsschen von mir.
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Don't Enter the Friendzone
Fanfiction~ Auf der Suche nach uns selbst kann uns niemand begleiten. ~ Pari hat sich nie sonderlich für die Leute interessiert, mit denen Iara, ihre beste Freundin, sich sonst so umgibt. Die meisten von ihnen verdienen Unsummen mit ihrer Musik und treten deu...