"Gott, ich hätte nicht gedacht, dass ein Kinderbuch so spannend sein kann." Das Murmeln von Oberst Bauer durchbricht die Stille im Zuschauersaal und löst hier und da Gelächter aus. Ich sehe ihn an und nicke. "Ja, die Autoren dieses Buches haben gute Arbeit geleistet, nicht wahr?" Dann wandern meine Blicke wieder ins Leere, als die ersten Bilder aus meiner Erinnerung vor meinem inneren Auge auftauchen. Den Weg zu finden war für mich kein Problem, ich kannte ihn in und auswendig, auch wenn ich ihn nur ein einziges Mal hin und zurück gegangen war. Ausgestattet mit einem fotografischen und perfekten Gedächtnis, brauchte ich schon damals nicht mehr als einen Blick, um mir etwas zu merken und was einmal in meinem Kopf ist, verschwindet auch nicht mehr. Es waren andere Unwegsamkeiten, die mir das Leben und die Reise schwer machten.
"Trotzdem ist die Geschichte an vielen Stellen geschönt und es wird Zeit, einmal mit der Wahrheit heraus zu rücken. Ich erinnere mich an die Ruinen unserer Nachbarschaft, als wir diese verließen." Der Geruch von Verbranntem und das Gefühl von Hitze in der Nacht, die auf meine Haut traf und uns von dem Ort fort jagte, der bis dahin und für mein ganzes bisheriges Leben mein Zuhause gewesen war, ist wieder da und spiegelt sich mit Sicherheit für die Zuschauer auf meinem Gesicht wieder.
"Als Paps und ich den Weg nach Europa ausprobiert hatten, versuchten wir so viele Verstecke wie möglich ausfindig zu machen, die uns Unterschlupf bieten konnten. Wir haben versucht, das richtige Tempo zu finden und dabei auch zu berücksichtigen, dass Max jünger ist als ich. Doch keiner von uns wusste, wann es nötig sein würde, diesen Weg zu gehen." Zwei Jahre später wäre Max 6 gewesen, so alt wie ich, als wir den Probelauf machten, und das hätte sicher besser funktioniert, aber eine Vierjährige konnte zu wenig mit sich tragen, war zu langsam und brauchte mehr Pausen. "Ohne mich hättest du es schaffen können, oder?" Die atemlose Frage meiner Schwester auf meine Erklärungen bringt mich zurück ins hier und jetzt und dazu, sie in meinen Arm zu ziehen und ihr einen Kuss auf die Schläfe zu drücken. "Ach Maxine, ohne dich hätte ich es nicht schaffen wollen. Du warst alles, was mir geblieben war." Ein Raunen geht durch die Menge, doch schnell wird es wieder still, als ich den Faden wieder aufnehme.
"Mama hatte unsere Rucksäcke gut gepackt. Neben Wasser hatten wir auch Tabletten dabei, die uns ermöglichen würden, normales Wasser trinkbar zu machen, auch wenn es gefährlich war. Wir wären vermutlich krank geworden, aber wenigstens nicht verdurstet und in Europa, da war sie sich sicher, würde man uns heilen können." Ich seufzte und schüttelte den Kopf. "Sie hat sich Europa irgendwie als ein Paradies vorgestellt in dem alles gut werden würde." Dann zucke ich mit den Schultern. "Aber wie gut sie auch geplant und gepackt hatte, wir hätten es allein niemals geschafft." Ich werfe einen kurzen Blick auf das aufgeschlagene Kinderbuch um mich wieder auf die dort vorgegebene Reihenfolge zu fokussieren.
"Die Autoren dieses Buches wollten uns am Ende als kleine Helden da stehen lassen. Daher haben sie unsere Begegnungen ein wenig - geschönt." Ich grinse breit, als ich weiter rede. "Niemals hätten wir uns diesen Leuten wirklich genähert und um Hilfe gebettelt. Nicht weil wir zu Stolz waren, sondern weil wir ihnen genauso wenig vertrauten wie sie uns. Bei dem Ziegenhirten handelte es sich um einen alten Mann der 3 Ziegen in einem Stall gehalten hat. Wir sind dort eingebrochen und haben uns selbst bedient, als er uns dabei erwischte jagte er uns zu Recht mit Schimpf und Schande von seinem Hof." Ich schaue jetzt neugierig in die Gesichter meiner Zuschauer um zu sehen, ob wir nach dieser Offenbarung an Sympathie verloren haben, doch dem ist nicht so. Naja, hier sind auch nur Familie und Freunde anwesend, wie die Öffentlichkeit diese Neuigkeiten aufnimmt, werde ich erst später erfahren. "Aber den Trick uns auf der Reise vorzustellen, dass unser Wasser und unser Essen oder auch unser Schlaflager etwas besseres ist, haben wir tatsächlich häufig genutzt um uns von der harten Realität abzulenken." Ich zwinkere meiner Schwester zu, straffe dann meine Schultern und fahre mit meiner Erzählung fort.
"Die freundliche Holzsammlerin war eigentlich auf der Suche nach Essbarem in einer der wenigen Oasen die sich um einen Brunnen mit aufbereitetem Wasser gebildet hat." Meine Blicke wandern zum Tisch meiner Dads als ich erkläre: "Es ist den Soldaten zu verdanken, dass es überall in der Welt diese Oasen gibt, die es Reisenden von Ort zu Ort aber auch den Außenland-Bewohnern ermöglicht draußen zu überleben. Sie sichern diese Plätze, installieren die Anlagen für die Wasseraufbereitung und jagen diejenigen, die sie zerstören oder ausbeuten wollen." Die Männer nicken mir nur zu und ich erwidere diesen Gruß voller Dankbarkeit. Es ist mir ein Bedürfnis die Welt wissen zu lassen, wie wichtig Soldaten sind, nicht nur um die Stadt vor Bösewichten zu beschützen. Trotzdem komme ich zurück zum Punkt der Geschichte, an dem ich stehen geblieben bin. "Die Frau hatte uns mit unseren Händen in ihren Sammelkörben erwischt und alles Recht dazu, uns zu misstrauen. Doch statt uns zu verjagen hatte sie Erbarmen mit uns. Sie zeigte uns, was und wie man ernten konnte und lies uns mitarbeiten, bis ich darauf bestand weiter reisen zu müssen, damit wir den nächsten Unterschlupf rechtzeitig erreichen konnten."
Gerne hätte ich die Frau später noch einmal aufgesucht und mich bei ihr für ihre Freundlichkeit bedankt, aber dazu ist es nie gekommen. Mit einem innerlichen Achselzucken komme ich nun auf die Banditen zu sprechen. "Auch in der dritten Begegnung waren wir viel weniger heldenhaft als dargestellt, aber die Geschichte verlangte wohl nach etwas mehr Dramatik." Ein weiteres Zwinkern sende ich in Richtung des Oberst der laut grollend lacht und dann einvernehmlich nickt. "Wir waren in der Höhle als die Banditen dort auftauchten und belauschten sie, wie sie mit ihren Taten prahlten." Zum Glück hatte ich die Ratschläge meines Vaters ernst genommen und dafür gesorgt, dass wir uns nicht einfach in der Höhle ausgeruht haben, obwohl es viel Überredungskunst gebraucht hatte, Max erneut in ein Mauseloch zu bekommen. Das hat uns an diesem Tag mit Sicherheit das Leben gerettet. "Wir waren also im Grunde nur zufällig Gefangene und die Belagerer hatten keine Ahnung, dass sie uns am Weiterkommen hinderten."
"Die Autoren dieses Buches," ich deute auf das Kinderbuch, dass vor Maxine auf dem Tisch liegt, "wollten den Kindern, die es lesen, eine Lehre erteilen. Der Ziegenhirt sollte klar machen, dass man als bettelnder Taugenichts nicht mit Hilfe rechnen darf. Die Holzsammlerin sollte erklären, dass Vertrauen nicht einfach verschenkt wird und man sich erst einmal selber helfen muss, bevor man andere um Hilfe bittet und die Verbrecher sollten klar machen, dass überall Gefahren lauern und der Schutz der Stadt wichtig ist."
Ein Feuer entbrennt in mir bei dieser Erinnerung und ich bin sicher, es steht mir ins Gesicht geschrieben, als ich die Gelegenheit nutze, für etwas einzustehen, dass mir wirklich wichtig ist. "Aber ich wollte, dass sie auch eingestehen, dass der Schutz, den die Soldaten darüber hinaus bieten, ebenfalls wichtig ist." Erneut wandern meine Blicke zuerst zu meinem aktuellen Elite-Einsatz-Team und dann zu meinen Dads. "Das war ein Punkt, auf den ich bestanden habe, bevor ich ihnen erlaubt habe, unsere Geschichte zu benutzen." Maxine kichert und als fragende Blicke sie treffen, erklärt sie: "Den Tag an dem diese Leute bei uns waren um sich von Sam das Einverständnis für das Buch zu holen, werde ich nie vergessen. Sie war damals 13 und stolz, dass ihre Dads sie diese Entscheidung selbst treffen ließen und ich war neun und beeindruckt, wie sie vor diesen Erwachsenen ihren Mann stand."
Gequält sehe ich meine Zuhörer an, denn meine folgenden Wahrheiten werden nicht jedem gefallen, aber ich habe beschlossen, sie trotzdem zu erzählen. Die Soldaten nur als strahlende Helden zu zeigen wird nicht helfen, Leute wie Maxines Mom von der Wahrheit zu überzeugen, und die war und ist nun einmal, dass nicht alles schwarz oder weiß ist. "Tatsächlich bedeuteten die anrückenden Soldaten für uns Gefahr und Hoffnung zu gleichen Teilen." Meine Blicke ruhen nun auf dem General, denn er ist hier im Raum gerade der Vertreter der obersten Macht in der Armee und hat entsprechenden Einfluss einige Dinge zu ändern. "Es gibt da draußen Einheiten, die selbst nicht besser sind als die Verbrecher, die sie jagen sollen. Manche lassen sich nur bestechen, andere schlagen selbst Profit aus der Macht, die sie haben." Mein Blickaustausch bleibt nicht unbemerkt und eine Weile ist es totenstill im Raum, denn gerade habe ich meinen Vorgesetzten in aller Öffentlichkeit heraus gefordert, doch schließlich löst dieser die Spannung auf. "Sprich weiter!" Fordert er streng und bestimmt und zeigt damit die Bereitschaft, zuzuhören, ohne sich auf irgendwelche Schuldbekenntnisse einzulassen. Dankbar nicke ich ihm zu.
"Zum Glück gibt es auch die Guten und soweit ich es bis heute beurteilen kann überwiegen die nicht nur, sie kämpfen auch gegen diejenigen, die ihren Ruf zerstören. Damals trieb mich vor allem die Frage um, woran ich erkennen sollte welche Sorte von Soldaten ich vor mir haben würde. Und dann trafen wir zum ersten Mal auf meine späteren Dads." Ich lächle zu den Männern und Maxine nimmt ihren Part als Vorleserin wieder auf.
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Sam & Max ✅
AdventureDiese Geschichte handelt von Sam und Max Jakobi. Sie gehört zu meinem Buch "Die Scharfschützin" und ich empfehle daher, diese zuerst zu lesen. Zwar wird die Welt weitgehend im Vorwort beschrieben und soweit nötig auch innerhalb der Geschichte erkl...
