Hiyoris Grab

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Yato stand vor Hiyoris Grab. Ein einfacher großer Würfel aus grauem, poliertem Granit. Davor ein Granittischen, auf dem eine zartrosa Lotusblüte lag. Ihre Lieblingsblumen, wie Yato wusste. Er war sich sicher gewesen Yukine hier zu anzutreffen. Doch jetzt stand er alleine vor dem Gedenkstein. Das Loch in der Brust hatte sich, dank seines Wegweisers, begonnen zu schließen. Es schmerzte jedes Mal ein bisschen weniger, wenn er ihre Ruhestätte besuchte. Es war so friedlich hier und gerne hätte Yato noch ein kleinwenig verweilt, doch der Gedanke an seine geliebte Shinki ließ ihn keine Ruhe finden. Er wusste, er hatte Yukine verletzt und wie egoistisch es war, dennoch würde er es wieder tun. Deutlich spürte er Yukis Zerrissenheit. Yato befürchtete, dass sich seine Hafuri-Shinki gegen ihre Gefühle und gegen ihn entschied. Er könnte Yukine für immer verlieren. Aber der Glücksgott war bereit ihn freizugeben, wenn es seinen inneren Konflikt und die damit verbundenen Schmerzen von ihm nehmen konnte. Und was war mit seiner eigenen Zerrissenheit? Er legt die Hand auf Hiyoris Gedenkstein und war sich auf einmal sicher, sie loslassen zu können.

Er wollte sich gerade abwenden, als eine kleine Gestalt im Totengewand und mit Totenhaube hinter einem Grabstein vortrat. Ihr kindliches Aussehen täuschten Yato nicht. Er wusste, sie war brandgefährlich und er ohne seine Gotteswaffe machtlos. Er blickte sich fahrig um. War sie alleine gekommen. Sicher nicht. Wahrscheinlich lagen in den Büschen versteckte Masken, die nur darauf warteten ihn in Stücke zu reißen.

„Ah Yaboku! So alleine? Wer hätte gedacht, dass ich dich hier treffe. Wo hast du deine Hafuri gelassen?" In ihrer Singsangstimme schwang etwas Eiskaltes und Bedrohliches.

„Nenn mich nicht so, du teuflisches Miststück!", knurrte er mit all der Verachtung, die er für sie und seinen Vater aufbrachte.

„Das ist aber gar nicht nett von dir. Wo wir doch so etwas wie Geschwister waren."

„Tss, was willst du hier, Nora?"

„Ich habe auf Yukine gewartet. Auch wenn sich Vater vorerst aus diesen Gefilden zurückgezogen hat, will er ihn immer noch zu seiner Shinki machen. Ich hingegen würde den idiotischen Blindgänger gerne töten. Aber Vater erlaubt es nicht. So wie er es damals auch nicht erlaubt hatte, diese nutzlose Halb-Ayakashi Hiyori zu töten, die du so geliebt hast. Und im Gegensatz zu dir höre ich darauf, was unser Vater sagt.

Yatos Augen weiteten sich. Für einen Moment bekam er keine Luft. Hatte er sich verhört? Was hatte das zu bedeuten? „Sag, dass das nicht wahr ist!" Seine Stimme war ein gefährliches Grollen. In seinen Himmelsaugen loderte blaues Feuer.

„Herrje, habe ich dich jemals angelogen? Schade, ich dachte, du würdest dich freuen. Na was für eine Überraschung. Die Zeiten ändern sich, nicht war Yaboku. Dieses Grab ist leer. Hiyori lebt. Na ja, sagen wir mal, sie ist nicht gestorben."

Aus Yatos Gesicht war jegliche Farbe gewichen. „Nein, du lügst!"

„Was glaubst du, warum es dir nicht gelang ihre Seele zu finden? – Du wolltest sie zu deiner Shinki machen, nicht wahr? So wie es Vater dir einst geraten hatte. Selbst wenn sie eine nutzlose Halb-Ayakashi war. Und sie alles vergessen hätte, was sie dir bedeutet hatte. Aber vielleicht hast du es ja vergessen."

„Halt deine verdammte Klappe!"

„Du hast geglaubt, ich hätte sie erschlagen und Vaters Masken hätten sie verschlungen, nicht wahr?"

„Das kann nicht sein!" Sein Herz krampfte. Er schnappte nach Luft. Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

„Es war eine Leichtigkeit für Vater sie alle zu täuschen. Selbst dich Yaboku."

Mit geballten Fäusten trat er einen Schritt auf sie zu.

„Vorsicht Yaboku, du bist unbewaffnet", warnte die Nora. An ihrer Seite erschien eine Maske in Form eines Wolfes.

„Was hat dieses Schwein ihr angetan? Rede schon! Ich werde ihn umbringen." Yato zitterte vor Anspannung. Er wusste, dass die Worte der Nora nicht gelogen waren. Ein Schauder lief ihm über den Rücken bei der Vorstellung, dass sie die ganze Zeit in seinen Händen war.

„Nur zu, wenn du willst, dass sie stirbt. Aber das willst du nicht, hab ich recht? Hiyori, ihrem Bruder und deren Fähigkeiten das Jenseits wahrzunehmen, hast du es letztendlich zu verdanken, dass du jetzt Yato der anerkannte Glücksgott bist und nicht mehr Yaboku der Rachegott. War sie dir nicht mal der wichtigste Mensch im Diesseits?"

„Was will er?"

„Das sagte ich bereits. – Yukine. Übergib Vater deine Shinki und du bekommst sie zurück. Ein guter Tausch, findest du nicht? Du hast Zeit bis morgen."

„Niemals! Hörst du? Niemals!", brüllte er und stürzte sich auf sie. Doch im selben Augenblick waren sie und der Wolf verschwunden.

Mit einem verzweifelten Aufschrei brach Yato vor dem leeren Grab zusammen.

Noragami - Der Himmel muss wartenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt