,,Tialda! Ich möchte einen Spielkameraden!"
Überrascht sah ich zu Rondra. Ihre durchdringende Stimme hatte mich aus meinen Gedanken geholt, die sich wie allzu oft nur um ihren Bruder drehten. Die Feiertage waren ebenso plötzlich vorbeigegangen, wie sie gekommen waren, und die normale Routine im Haus war wieder eingekehrt. Sehr zu meinem Ärger, da sie bedeutete, dass ich Kailan, der mich während der freien Zeit ständig mit seiner Gegenwart verwöhnt hatte, jetzt nur noch morgens und abends sah.
,,Wie bitte, kleine Herrin?" Ich musste mich verhört haben.
,,Du hast es doch gehört, oder warum würdest du sonst so überrascht schauen? Ich möchte jemanden in meinem Alter mit dem ich spielen kann. Das Wort habe ich heute in einem Buch gelesen."
Ich seufzte. Trotz der Warnung von Kailan hatte sie mich schließlich so weit gehabt mit ihr zu Wiol zu gehen. Jetzt flochten wir dem weißen Pferd grade die Mähne ein und schmückten sie mit Blumen. Den rosanen natürlich.
,,Wie kommst du plötzlich darauf? Gefällt es dir nicht mehr alleine?"
,,Nein. Als ich letztens mit Vater in der Stadt war, habe ich überall Kinder in Gruppen gesehen, die gespielt und geredet haben. Es sah so aus, als hätten sie sehr viel Spaß. Viele waren jünger als ich, aber bei Weitem nicht alle! Warum sollten sie etwas haben, was mir verwehrt bleibt?" Sie zog einen Schmollmund. ,,Mein Vater sagt mir stets ich sei seine Prinzessin und sein größter Schatz auf der Welt und wie eine Göttin, und er sagt auch, dass ich alles auf der Welt haben soll, was ich mir wünsche. Jetzt wünsche ich mir jemanden zum Spielen, bevor ich zu alt dafür werde, ist das etwa nicht ein kluger Wunsch?!"
Neugierig sah ich sie an. ,,Du spielst also nie mit anderen Kindern?"
,,Würde ich es mir sonst wünschen, Dummerchen?!" Sie warf mir einen bockigen Blick aus den geschminkten Augen zu. ,,Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit. Meine Mutter hatte eine Freundin, die einige Male vorbeikam und ihre Tochter mitbrachte. Doch ich mochte sie nicht, sie war gemein."
Es schien, als hätte Rondra noch nie die Möglichkeit gehabt Kinder in ihrem Alter kennenzulernen. Wie auch, sie durfte ja das Haus nicht verlassen. Aber war das nicht erst nach dem Tod ihrer Mutter so?
,,Es fällt mir schwer zu glauben, dass du und Kailan immer nur alleine ward. Ich kenne es so, dass Kinder stets miteinander reden und spielen. Wie sonst sollte man Freundschaften formen. Was ist mit benachbarten Kindern, oder jenen auf der Straße? Sah dein Vater es schon immer nicht gerne, wenn du hinausgingst?" Formulierte ich meine Frage vorsichtig.
,,Als Mutter noch lebte, durfte ich manchmal hinausgehen, aber nicht alleine und ich durfte nicht mit den Kindern auf der Straße sprechen. Mutter meinte sie wären ein schlechter Umgang."
Mir tat es Leid, dass sie nie die Möglichkeit gehabt hatte, etwas mit Gleichaltrigen zu unternehmen. Als ich klein war, hatten mein Bruder und ich ständig mit den Kindern aus unserem Dorf gespielt und immer Spaß gehabt. Ich war sehr traurig gewesen, als ich mit etwa zwölf Jahren feststellt hatte, dass ich langsam zu alt dafür wurde. Mein Bruder spielte allerdings munter ohne mich weiter.
Plötzlich kam mir eine Idee. Eine verrückte, wahnsinnige Idee...
,,Sag, Herrin, würdest du nur ein Mädchen als Spielkamerad wollen, oder würde auch ein Junge gehen?"
,,Das ist mir völlig gleich! Du besorgst mir also jemanden, mit dem ich spielen kann?"
Ich rieb Wiol über den Hals. ,,Das kann ich noch nicht sagen, und in meiner Macht liegt es ohnehin nicht, aber wir werden heute Abend mit deinem Vater sprechen."
Rondra brach in Jubelschreie aus. ,,Danke, Tialda!"
Als wir schließlich wieder durch den Garten zurück zum Haus gingen, sah ich Salim, der allen Anschein nach Unkraut zupfte. Ich grüßte ihn und er nickte nur kurz ohne aufzusehen.
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Tialda
Historical FictionDas junge Mädchen Tialda wird als Sklavin genommen, als das Volk der Dunja ihre Provinz erobert. Durch einige Umwege landet sie in dem Haushalt eines reichen Mannes, dessen zweite Frau entführt und unter mysteriösen Umständen getötet worden ist. Zus...
