Die nächsten Tage stand ich völlig neben mir.
Rondra löcherte mich mit Fragen über meinen Bruder. Ich beantwortete ihr alles was sie wissen wollte, mit abwesender Stimme. Jeder Moment fühlte sich an wie eine Ewigkeit, einzig die kostbaren Augenblicke, die ich mit Kailan verbrachte, vergingen wie in einem Wimpernschlag. Abends, wenn er von der Arbeit zurückgekehrt war, redeten wir bis tief in die Nacht. Manchmal über Neuigkeiten, was die Suche nach meinem Bruder anging, meist jedoch über den Mord und die Verdächtigen, da es viele Neuigkeiten nicht gab.
Er konnte mich schließlich überzeugen, dass Schotiji zumindestens nicht alleine die Herrin ermordet haben konnte. Ihm war wieder eingefallen, dass sie am Tag des Geschehens, die ganze Zeit in der Küche gewesen sein wollte. Schließlich verließ sie die Küche praktisch nie und wenn doch wäre es dem zuständigen Wachen, Rondra oder jemand anderem aufgefallen.
Ich argumentierte, dass der Wache doch auch mit ihr unter einer Decke gesteckt haben könnte, doch er sagte es wäre trotzdem wahrscheinlicher, dass sie jemand anderen die Arbeit hatte erledigen lassen. Für die Entführung einer Frau mitten in der Stadt, am hellichten Tag bräuchte man irgendeine Art von einem Fortbewegungsmittel. Am besten eine Sänfte oder eine Kutsche. Zu so etwas hatte sie keinen Zugang.
,,War der Komplize ein Fremder?" Fragte ich nachdenklich. ,,Ein zwielichtiger Mann der ihr half, da sie ihm Geld versprach?"
Kailan zog mich enger an sich. Ich saß auf seinem Schoß, mit dem Rücken an seiner Brust. Sicher, so etwas ziemte sich nicht, aber ich hatte mich geweigert mit meinen dreckigen Kleidern auf seinem Bett oder in einem Sessel Platz zu nehmen. Daraufhin hatte Kailan mich kurzerhand auf seinen Schoß gezogen und mein Körper hatte vergessen, dass er bewegungsfähig war. Es war Magie, die dieser Junge auf mich ausübte. Sein Herz pochte in seiner Brust gegen meinen Rücken, ich konnte es spüren. Es schlug schnell, doch meines schlug noch schneller.
Kailan klang konzentriert. ,,Es könnte sein, doch ich habe Zweifel. Wie sollte sie diese Leute kennenlernen? Sie geht nur aus dem Haus um einzukaufen und solche Leute lernt man nicht auf dem Markt kennen. Ich glaube, sie könnte nur mit anderen aus diesem Haus zusammengearbeitet haben. Denkst du nicht?"
,,Woher weißt du, wo man solche Leute kennenlernt? Wer sagt, dass sie sie nicht doch beim Einkaufen aufgesucht hat? Das ist das, was ich denke."
Er lachte leise und zog mir an meinen Zopf den Kopf in den Nacken. ,,Ich bin mir relativ sicher, meine Liebe, weil meine Arbeit darin besteht, solche Leute aufzusuchen. Man findet sie nur, wenn man weiß wo man suchen muss, glaub mir."
Ich zögerte. ,,Der Ort, wo wir uns zum ersten Mal gesehen haben, das Bordell... War das so ein Ort wo man solche Leute finden konnte?"
Er wiegte den Kopf hin und her. ,,Wie gesagt, ich war damals zum ersten Mal dort, und es ist mir wichtig, dass du das weißt." Seine Augen begegneten meinen, bis ich es nicht mehr aushielt und wegsah. Er fuhr nachdenklich fort: ,,Doch, ja, ich denke schon. Die Gruppe, mit der ich dort war, kannte ihn schließlich. Welche Leute ihn kennen, sagt schon einmal eine Menge über einen Ort aus."
,,Findest du?" Nervös knotete ich meine Finger. Ich wollte ihm schon länger etwas sagen. ,,In jedem Fall, danke, dass du deinem Vater von diesem Ort und von mir erzählt hast. Sonst wäre ich wohl immer noch dort. Ich bin jetzt schon viele Tage hier, aber habe dir noch nie wirklich den Dank gegeben, der dir gebührt."
Er grinste und sagte nur: ,,Mir gebührt kein Dank."
,,Dir gebührt sehr wohl Dank," hielt ich dagegen. ,,Und der beste Weg, der mir einfällt, um es zu entgelten, ist dir zu helfen den Mord deiner Stiefmutter zu sühnen."
Er lachte leicht auf und vergrub sein Kinn an meiner Schulter. ,,Das ist nicht nötig. Du musst gar nichts entgelten, Tialda, du musst gar nichts tun. Nur in meiner Nähe bleiben und bei mir, wenn das nicht zu viel verlangt ist."
Ich seufzte und schmolz von innen gleichermaßen. Was war dieses Gerede? Flirtete er, war es ihm Ernst? Ich konnte es nicht sagen, doch es war mir auch gleichgültig, so sehr wollte ich hoffen, dass es stimmte. Doch woher konnte ich das wissen?
...
Eines sonnigen Tages war das Warten plötzlich vorbei, ohne dass mich irgendjemand vorgewarnt hätte. Ich hörte, wie abends die Tür geöffnet wurde und wollte, wie sonst auch, zum Eingangsbereich gehen und Kailan und den Herrn, vorallem aber Kailan begrüßen, als mir auffiel, dass dort drei Personen standen.
Wie in Trance bewegte ich mich zu ihnen.
Der Junge hatte blaugrüne Augen. Die unserer Mutter. Nicht wie ich, die die dunkelgrünen unseres Vaters hatte. Seine Haare waren dunkelbraun wie meine, aber seine waren glatt und nicht gewellt. Er war gewachsen, doch erst nach dem Winter würde er wirklich jugendlich werden, seine Wangen waren noch die runden eines Kindes. Seine ehemals helle Haut war braun gebrannt, er trug ein typisches Dunja-Gewand in bunten Farben und war barfuß.
Langsam ließ ich die Augen über seine vertraute Gestalt wandern. Er hatte sich verändert, doch jeder Punkt in diesem Gesicht, das dem meinen so ähnlich war, war mir vertraut. Wie in Zeitlupe hob er das Kinn und sah mich an. Mir rannen Tränen über die Wange. In seinen Augen schimmerte es ebenfalls, doch er weinte nicht. Schon immer hatte er Weinen als ein Zeichen von Schwäche angesehen. ,,Tialda?!"
,,Tallis!" Schluchzte ich und fiel ihm endlich um den Hals. Voller Angst er könnte verschwinden betastete ich seine Schultern, doch er blieb direkt vor mir stehen, alles an ihm war warm und lebendig und echt. Seine Arme waren knochiger geworden und auch seine Wangenknochen stachen mehr hervor. Unter meinen Fingern spürte ich die Wölbungen und Wirbel seines Rückens. Ich schob ihn ein Stück von mir und musterte ihn besorgt. ,,Du bist dünner geworden! Wie geht es dir? Wie geht es Mutter? Was ist mit euch beiden passiert? Wo musstet ihr arbeiten?"
,,Mir geht es gut. Warum bin ich hier, warum bist du hier? Die Männer haben nicht gesagt, dass du hier bist. Tialda. Ich bin so verwirrt." Seine Stimme klang erstickt. Ich hatte in Leweinit gesprochen, doch er hatte auf Dunja geantwortet.
,,Sprichst du kein Leweinit mehr? Hast du es verlernt?" Geschockt starrte ich ihn an.
Er wechselte zu unserer Sprache. Seine Stimme klang stockend, als wären die Worte ungewohnt. ,,Doch, doch ich kann es noch. Wo denkst du hin." Er deutete ein spöttisches Grinsen an, was jedoch nur müde wirkte.
Ich fiel ihm erneut um den Hals, er wischte mir die Tränen aus den Augen. ,,Nicht weinen, Tialda."
Wie erwachsen er schon geworden war. Ich tupfte meine Augen ab und wandte mich etwas gefasster an meinen Bruder. ,,Jetzt erzähl! Was ist passiert seit wir getrennt wurden?"
,,Nun, Mutter und ich wurden zusammen verkauft, irgendwo hingebracht und mussten dann helfen eine Straße zu bauen."
Ich schlug die Hände vor den Mund. Das war harte Arbeit. Er war doch noch ein Kind!
,,Da waren wir sehr lange, doch dann kam heute Morgen ein Mann, hat mit den Aufpassern geredet und mich zu den Beiden dort gebracht." Er deutete auf Kailan und den Herrn, deren Anwesenheit ich beinahe vergessen hatte. ,,Wir sind den ganzen Tag geritten und kamen schließlich in diese riesige Stadt. Das hier ist Dun, nicht war? Wir sind in Dun?"
Ich nickte und strich ihm über den Kopf. Die Sonne hatte einige Strähnen seiner Haare gebleicht. ,,Und was ist mit Mutter?"
Er zögerte.
Ich ahnte Schlechtes. Ich ahnte das Schlimmste. Langsam ließ ich ihn los. ,,Tallis! Was ist mit Mutter?"
Er sah zu Boden. ,,Sie ist tot."
Meine Beine versagten. Ich merkte kaum noch, wie mir die Knie einknickten und Kailan an meine Seite hechtete. Alles wurde schwarz.
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Tialda
Ficción HistóricaDas junge Mädchen Tialda wird als Sklavin genommen, als das Volk der Dunja ihre Provinz erobert. Durch einige Umwege landet sie in dem Haushalt eines reichen Mannes, dessen zweite Frau entführt und unter mysteriösen Umständen getötet worden ist. Zus...
