Vor dem Hauseingang verweilte ich einen Moment in gewisser Entfernung. Es war ruhig. Nichts zu sehen von den Männern meines Vaters. Langsam und vorsichtig ging ich an die Haustüre, drückte das Klingelschild bei Salsano. Die Tür gab ein Summen von sich, ich drückte sie auf und trat ein. Langsam ging ich in Richtung Treppenhaus, unsicher wo ich genau hin sollte. Doch dann sah ich seinen Kopf über den Handlauf ragen mit einem zusätzlichen „Hey, dritter Stock!", von ihm. Grinsend lief ich die Treppe hoch. Mit Alessio hatte ich bisher gute Schichten in der Arbeit gehabt. Er war ein lustiger Geselle, erwartete ein Kind mit seiner Freundin. Bestimmt würde er mir zuhören und vielleicht sogar helfen.
Oben angekommen ging ich in Richtung der offenen Wohnungstür und schloss diese dann hinter mir. Seine Wohnung war ein gemütliches Chaos. Er sah mich erst lächelnd an, dann wurde sein Blick ernst.
„Was ist denn mit dir passiert?", fragte er mit starkem Akzent auf Englisch. Er zeigte auf eine Türe. Unsicher ging ich auf diese zu. Es war nur sein Badezimmer. Verwirrt stellte ich mich vor das Waschbecken. Tatsächlich. Von meinem Sturz hatte ich einen komischen Fleck an der Stirn, an meiner Lippe hing ein kleiner Blutfleck. Hatte ich mir die Lippe aufgebissen? Bislang hatte ich nichts gemerkt.
„Missglücktes Date?", fragte er amüsiert und deutete auf meine linke Hand. Wie konnte mir das nicht aufgefallen sein? Es hingen immer noch Franks Handschellen an meinem Handgelenk. Weiter war er dank meiner Nachbarn nicht gekommen.
Ich seufzte, sah neben dem Damenparfüm auf seiner Ablage eine Haarnadel, mit welcher ich das Schloss nach einem kurzen Gefummel öffnete. Zum Glück hatte ich einer der vielen langweiligen Momente ein Tutorial hierzu gesehen. Mental dankte ich dem merkwürdigen Algorithmus auf YouTube.
„Das ist eine lange Geschichte", sagte ich erschöpft.
„Dann würde ich vorschlagen, wir gehen ins Wohnzimmer", schloss Alessio. Dort legte ich meine Tasche ab, ließ mich auf die Couch fallen.
Alessio ging kurz in die Küche, kam mit zwei Gläsern und einer Flasche Alkohol wieder. Was es genau war konnte ich nicht beurteilen. Das Etikett sagte mir nichts. Alkohol hatte in meinem Leben aber auch eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Er schenkte uns beiden ein und setzte sich mir gegenüber hin.
„Also, wie wäre es, wenn du ganz von vorne anfängst?", schloss er, als er das volle Glas vor mir abstellte.
„Okay, dass ich nicht leicht zu erzählen. Wie du weißt komme ich eigentlich aus Amerika. Sagen wir mal so: dort habe ich einen großen Bruder. Er ist sieben Jahre älter als ich. Seine Mutter starb bei einem Unfall als er fünf war. Da mein Vater meinte, mein Bruder soll nicht ohne Mutter aufwachsen, hat er sich schleunigst eine neue Frau gesucht. Diese war meine Mutter. Sie heirateten sehr schnell und nach einer gewissen Zeit kam ich dann auf die Welt. Mein Bruder konnte gut mit ihr, war aber mehr ein Papa-Kind. Ich hingegen konnte kaum mit meinem Vater und war eigentlich immer bei meiner Mutter. Sie wollte mich aber auch nicht in seiner Nähe haben, da er kein einfacher Mensch ist. Vor ca. zwei Jahren hat sich meine Mutter etwas zu Schulden kommen lassen. Und da mein Vater, wie bereits erwähnt, kein einfacher Mensch ist, möchte er sich gerne an ihr rächen, durch mich. Ich konnte gerade noch so fliehen und bin dann hier in Italien gelandet. Hier schlage ich mich seit zwei Jahren so durch. Aber die Leute, die mein Vater mit der Suche beauftragt hat, haben mich heute gefunden. Es war haarscharf, aber ich konnte fliehen. Jetzt wollte ich dich um Hilfe bitten, weil du der Einzige bist, den ich hier kenne."
Er sah mich ungläubig an. „Ist dein Vater Mafia oder wie darf ich das verstehen?"
Ich verzog das Gesicht. Das M-Wort. „Nicht direkt. Aber er ist nicht ganz legal unterwegs."
„Und damit kommst du zu mir? Was erwartest du dir von mir?", fragte er verunsichert.
Meine Stimme wurde leise. „Nichts Großes. Kann ich vielleicht heute Nacht auf deiner Couch schlafen?"
Alessio lachte, hob sein Glas hoch um anzustoßen, was ich ihm gleich tat. Dann nahm ich einen großen Schluck. Keine Ahnung was es war, aber der Alkohol brannte sich seinen Weg meinen Hals runter und ich genoss dieses Gefühl.
Mein gegenüber starrte sein Glas an und sagte: „Du hast ja eine Familie, da braucht man keine Feinde." Es wirkte nachdenklich, als ob er sich noch nicht klar war, ob er mich bemitleiden oder vor die Tür setzen soll.
Nach einer kurzen Pause sagte er: „Weißt du was? Eine Nacht sollte kein Problem sein. Aber Geld kann ich dir keins geben, du weißt ja, ich habe selbst nicht viel. Armanda, das Baby und ich müssen jeden Cent zweimal umdrehen." Ich nickte, leerte das Glas auf einen Zug.
„Du rettest mir so dermaßen den Hintern", sagte ich erleichtert.
Er stellte sein Glas wieder auf den Tisch, schüttelte den Kopf und sah mich grinsend an. „Wer hätte das gedacht: der amerikanische Kellner ein Mafioso."
„Ich nicht. Definitiv nicht! Sobald es ging war ich von daheim ausgezogen und an die Uni. Wollte studieren und nichts mit meiner Familie zu tun haben", fiel ich ihm sofort ins Wort. Ich war nicht so jemand wie mein Vater. Auf keinen Fall. Ich merkte immer mehr die Müdigkeit. Auf der Wanduhr war es vier Uhr. Eigentlich wäre ich schon längst im Bett.
Alessio stand auf, ging in Richtung Küche. Langsam fielen mir die Augen zu.
Ich rief vorsichtig in die Küche, wo denn Armanda war (nicht, dass ich sie jetzt aufgeweckt hatte). Es kam ein knappes „bei einer Freundin übernachten".
„Hey, ich würde mich gleich hinlegen wenn es dich nicht stört. War doch ein wenig viel heute", rief ich wieder in die Küche und machte mich gleich auf der Couch breit.
Ich bekam ein beiläufiges: „Ja klar Cillian. Ich geh dann auch gleich ins Bett."
So müde wie ich war konnte ich kaum die Augen offen halten. An so einem Abend würde ich bestimmt bald eingeschlafen sein. Moment mal. Hatte mich Alessio Cillian genannt? Unschlüssig dachte ich nach. In meiner Erzählung, hatte ich ihm gesagt, dass Eli Stewart nicht mein richtiger Name war? Oder hatte er es aus dem Zusammenhang erschlossen? Ich war verunsichert. Falls ich ihm gesagt hatte, dass ich eine Fake-Identität aufgebaut hatte, hatte ich ihm meinen echten Namen gesagt? Langsam driftete ich in den Schlaf, konnte mich nicht mehr darauf konzentrieren. Bestimmt könnte ich das morgen Früh klären.
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No Choice
Novela JuvenilSeit zwei Jahren befindet er sich auf der Flucht vor seinem Vater, denn in seiner Heimat ist seine Familie in Mafia ähnlichen Handlungen verstrickt. Als seine Mutter sich ein Verfehlung leistet, soll er dafür büßen. Kurzerhand hatte er die Flucht er...
