•Kapitel 2•

461 35 20
                                    

Ich hätte mich ja noch von ein paar Leuten verabschiedet, doch erstens durfte ich das Haus nicht verlassen und zweitens gab es eh nicht wirklich jemanden.

Meine "beste Freundin" hatte mir bereits vor ein paar Jahren den Rücken gekehrt. Kaum dass sie und Diego, mein herzallerliebstes Bruderherz und zukünftiger Alpha zusammen gekommen waren. Da wusste man ja um wen es hier wirklich gegangen war...

Und so blieb mir nichts anderes übrig als zu warten.

Es war verwirrend. Mir war als könnte die Zeit gar nicht schnell genug verstreichen, denn das warten war einfach nur schrecklich. Diese Stille hier machte mich wahnsinnig, doch das was danach folgen würde war noch viel Schlimmer.

Eigentlich war es seltsam dass ich alles so ruhig aufnahm. Entweder hatte mein Unterbewusstsein es noch nicht vollends realisiert oder ich hing weniger an meinem Zuhause als ich dachte.

Mein Zeitgefühl verabschiedete sich komplett und ich driftete völlig in meine Gedanken ab, weshalb ich wie vom Blitz getroffen zusammenzuckte als ich die Stimme meines Bruders im Mindlink vernahm.

"Ich soll dich schon früher abholen, also beeil dich und komm runter ich hab kein Bock zu warten."

Ach ja, herzlich wie man ihn kannte. Familie war doch einfach was Schönes...

Früher waren Diego und ich eigentlich immer sehr gut klar gekommen, doch dann hatte er plötzlich einen Sinneswandel gehabt und verhielt sich beinah so schlimm wie mein Vater.

Seufzend erhob ich mir wieder vom Bett und schulterte meinen Rucksack. Erwidern würde ich auf diesen Befehlston nichts, ich war es Leid diesen Zickenkrieg noch weiter fortzuführen. Diego behandelte andere Personen zwar ebenfalls wie Scheiße, aber er war nicht so jähzornig und impulsiv wie unser Erzeuger.

Die Treppe knarrte mal wieder unter meinen Schritten und ich verdrehte genervt die Augen. Wie ich dieses Geräusch hasste...

Bevor ich mir meine Schuhe anzog ließ ich nochmal einen Blick durch die Wohnung schweifen, wobei mein Blick auf die kleine Bildergalerie im Flur fiel.

Ein wenig Platz hatte ich noch in meinem Rucksack, weshalb ich mich kurzerhand entschloss ein paar Fotos davon einzupacken.

Als erstes blieb mein Blick an einem etwas älteren Familienfoto haften, welches nur meine Mum mit Diego und mir als Kinder in ihren Armen zeigte.

Damals war es wenigstens noch so halbwegs schön gewesen...
Wir Kinder hatten viel Zeit mit unserer Mutter verbracht und diese Beziehung war sehr innig gewesen.

Doch in letzter Zeit war alles anders geworden. Mein Vater behandelte unsere Mutter wie eine bessere Küchenhilfe und schlug sie immer häufiger.

Wir waren die reinste Bilderbuchfamilie.
...Nicht.

Schnell steckte ich noch ein zweites Bild ein, dass meinen Bruder und mich, beide in Wolfsgestalt, beim spielen im Garten zeigte.

Eigentlich hatte ich mich noch weiter umsehen wollen, doch wurde die Haustür aufgerissen, weshalb ich beinah einen Satz zur Seite gemacht hätte.
Wann ich so schreckhaft geworden?

"Kommst du, oder soll ich dich vielleicht moch tragen?"

Motzte mein Bruder und sah mich auffordernd an.

Arschloch. Nur weil ich ihm zu langsam gewesen war.

Ich zog den Reißverschluss zu und sah dann wieder zu Diego, welcher mir den Weg zur Tür hinaus versperrte.

Dessen Blick huschte kurz zwischen den leeren Plätzen an der Wand und mir hin und her, bevor er sich kommentarlos umdrehte und mach draußen ging.

Ich folgte ihm, wobei ich zögernd und mit einem kaum hörbaren Seufzen die Tür hinter mir zu zog.

Ich würde hier nichts mehr vermissen außer vielleicht meine Mum um die es mir einfach nur unendlich Leid tat, doch irgendwie fiel es trotzdem schwer die eigenen vier Wände für immer hinter sich zu lassen.

Zu meiner Verwunderung blieb Diego sogar stehen und drehte sich nach mir um, weshalb mein Blick automatisch zu ihm wanderte.

Er sah fertig aus, verdammt fertig. Dunkle Ringe zierten die Haut unter seinen Augen und er wirkte ziemlich müde und mitgenommen.

Ich hätte ihn ja gefragt ob alles in Ordnung war, doch ich unterließ es lieber. Mit einer Antwort war eh nicht zu rechnen und wir hatten uns emotional einfach zu weit voneinander entfernt. Nicht zuletzt wegen ihm.

Als ob er meinen Blick bemerkt hätte wandte er sich hastig ab und nahm mir wortlos meinen Rucksack aus der Hand und schulterte ihn.

Ich wollte protestieren, unterlies es dann aber und folgte ihm ebenfalls kommentarlos in Richtung Rudelhaus.

Meine stolze Mine behielt ich bei, die sollten ja nicht denken dass sie mich so unterkriegen konnten.

Vor dem Rudelhaus parkte ein fremdes Auto, was mich leicht irritierte. Waren sie etwa schon da um mich abzuholen? Es sah fast danach aus.

Mein Bruder folgte mir und hielt mir am Rudelhaus angekommen sogar die Tür auf, wofür er einen schiefen Blick von mir erntete. Was war denn auf einmal mit dem los...

Ich ging einfach weiter nach drinnen, in Richtung Alphabüro, ohne irgendwem noch irgendwie Beachtung zu schenken.

"Du sollst im Gemeinschaftsraum warten. Anscheinend wirst du früher abgeholt, aber ich glaube sie besprechen noch etwas."

Na toll. Also war nicht mal etwas bestimmtes und man wollte mich einfach nur ärgern und meine Zeit verschwenden.

Mit einem Augenverdrehen wechselte ich die Richtung und steuerte auf eine Tür auf der rechten Seite zu.

Ich ließ mir extra ein wenig Zeit, schließlich hatte ich es nicht besonders Eilig in die Nähe dieses Monster zu kommen.

Doch gerade als ich den Raum betreten wollte, öffnete sich hinter mir die Tür und die Stimme von meinem Vater war zu hören.

"Perfekt, dann wäre das geklärt. Sobald ihr angekommen seid wird sie aus dem Rudel verbannt."

Ich schnellte herum und konnte meinen Schock gerade noch so verbergen.

Hatte er es wirklich derart eilig mich los zu werden? Da fühlte man sich ja gleich noch viel mehr wertgeschätzt als ohnehin schon.

Der andere Mann erwiderte noch etwas, bevor sie sich mir zu wandten.

"Da bist du ja endlich." Sagte mein Vater auch so gleich verächtlich und deutete anschließend auf den Mann neben sich.

"Der Fahrer ist schon schon da, also kann es gleich losgehen. Ich hoffe du hast alles, denn wir spielen mit Sicherheit nicht Dienstbote und schicken noch etwas hinterher."

Innerlich hätte ich am liebsten die Augen verdreht oder irgendeine bissige Antwort gegeben, doch ich unterließ es und nickte nur freundlich.

Der Chauffeur machte eine einladende Handbewegung Richtung Ausgang, wobei auch er nicht besonders freundlich aussah, doch ich folgte ihm einfach und ging nach draußen zum Auto.

Da der Typ es anscheinend nicht so mit Höflichkeit hatte und es nicht mal für nötig hielt sich mir vorzustellen, behielt auch ich meine eher abweisende Haltung bei und stieg kommentarlos ein.

Diego reichte mir noch meinen Rucksack nach drinnen, welchen ich mit einem knappen Nicken in Empfang nahm.

Kurz darauf wurde der Wagen gestartet und ich sah gerade noch wie mein Bruder zum Abschied kurz die Hand hob und dann von zu unserem Vater ins Haus geschliffen wurde.

Alpha Crescent Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt