Seine Mutter war schon wieder herausgegangen aus Jürgens Zimmer. Dieser konnte sich schon denken, was gleich kommen würde. Seine Eltern würden ihm ein für alle Mal klar machen, dass nicht die geringste Chance besteht, dass er jemals Mitglied der HJ sein wird. Außerdem würden sie ihm wahrscheinlich nicht erlauben, in den nächsten Monaten auch nur einmal rauszugehen, abgesehen von der Schule natürlich. Andererseits hatte er auch ein bisschen Hoffnung, da seine Mutter schon mehrmals angedeutet hatte, der Hitlerjugend zumindest die Chance geben zu wollen, bevor sie sie endgültig abstempelte. Über all das dachte Jürgen nach. Dann wurde sein Gedankengang unterbrochen. „Jürgen, komm jetzt", rief seine Mutter. „Wir haben nicht ewig Zeit, es geht hier schließlich um dich." Direkt machte er sich auf den Weg. Noch während des Laufens rief er seiner Mutter etwas zu, was sich wie eine Entschuldigung anhörte. Dann war er da. Sein Vater saß mit verschränkten Armen auf einem Sessel. Seine Mutter mit übereinandergelegten Beinen im Sofa daneben.
„Setz dich", sagt sein Vater mit hartem Ton. „Wir wollen dir einen Vorschlag machen." Ob du ihn annimmst, liegt ganz bei dir. Wir erlauben dir den Beitritt zur HJ, aber wir erwarten von dir, dass du nicht nur die Uniform selber bezahlst, sondern auch stets respektvoll gegenüber Juden bleibst. Dasselbe gilt für alle anderen Minderheiten. Außerdem erwarten wir von dir, dass du immer auf deine eigene Sicherheit achtest. „Wenn du merkst, dass du ausgegrenzt oder sogar misshandelt wirst, musst du sofort die Hitlerjugend wieder verlassen." Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Jürgen hatte die ganze Zeit an den Lippen seines Vaters gehangen. Erst jetzt scheint Jürgen verstanden zu haben, was sein Vater soeben gesagt hat. Er springt auf. Eifrig fängt er an zu nicken. „Aber vergiss nicht: Du musst dir erstmal das Geld zusammensparen." „Ich denke nicht, dass du schon so viel hast", fügt seine Mutter hinzu. „Und jetzt geh schlafen, es ist schon spät." Vergiss nie, dass wir immer versuchen, das Allerbeste für dich zu tun. Wir sind zwar der Meinung, dass die HJ nicht gut für dich ist, aber jetzt hast du die Chance, uns das Gegenteil zu beweisen. „Und jetzt abmarsch ins Bett." Ohne noch etwas zu sagen, verlässt Jürgen das Zimmer. Er hat ein Lächeln im Gesicht, das nicht durch schlimmste Nachrichten verschwinden würde. Erst einmal war Jürgen froh, die Chance zu bekommen, die er wollte.
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Jürgen Ohlsen - Mythen über Mythen aber keine Antworten
AdventureZunächst will einmal gesagt sein, dass diese Geschichte weder die Taten der Nationalsozialisten im Dritten Reich verherrlichen oder verharmlosen, noch die vielen Toten entwürdigend darstellen soll. Jürgen Ohlsen wurde am 15. März 1917 in Berlin gebo...