Kapitel 16

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Vincent

"Worauf warten wir eigentlich noch?" fragt David, der schon seit geraumer Zeit unruhig mit den Drumsticks auf den Boden trommelt. Das dumpfe Klopfen der Holzstäbe auf dem Linoleum ähnelt fast schon einem Rhythmus der zu einem unserer Songs passen könnte und wenn ich nicht angepisst wäre, hätte ich mir einen Spaß daraus gemacht - doch mein Geduldsfaden ist inzwischen so kurz vorm Reißen, dass ich dem Brünetten nur einen finsteren Blick zuwerfe. Allerdings scheint mein Kumpel nicht zu bemerken, dass mir sein Getrommel gerade tierisch auf den Sack geht. Dabei kann David überhaupt nichts für die angespannte Stimmung, dafür ist allein Erik verantwortlich.
"Wir warten auf das achte Weltwunder," knurre ich missmutig und werfe einen bedeutungsschwangeren Blick in Richtung der Tür, als würde sie sich jetzt durch Zauberhand öffnen und Erik hineinschweben. Tut er natürlich nicht - trotzdem merke ich, wie meine Laune sinkt. David schaut fragend von unten zu mir hoch. "Ich meins ernst, können wir nicht einfach anfangen?" fragt er nun, doch statt ihm zu antworten, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, um, - bestimmt zum fünften Mal heute - , die Nummer meines ehemaligen Mitbewohners zu wählen. Seit einer halben Stunde warten wir jetzt schon auf ihn, dabei war die Probe lange genug vorher angesetzt gewesen. Es ist ja nicht so, dass wir uns auf einen wichtigen Auftritt vorbereiten müssten oder, dass das New Noise bereits in drei Wochen stattfinden würde und wir es bisher nicht einmal geschafft hatten, unser Set durchzuspielen.
"Klar doch. Fangen wir einfach an. Spielt sich nur ziemlich scheiße ohne Bass, aber hey, vielleicht lassen wir einfach alle Instruemente weg? Problem gelöst!" stoße ich aus, während ich dem Tuten am anderen Ende des Hörers lausche. Wie sehr ich diese Warterei hasse!
Unruhig tippe ich mit der Fußspitze auf den Boden. David runzelt die Stirn, hebt dann nur abwehrend die Hände und nuschelt irgendwas vor sich hin.
Aaron wirft dem Brünetten, der es sich auf dem Boden bequem gemacht hat, einen Blick zu, bevor er einen unsicheren Schritt in meine Richtung macht. "Geht Erik ran?" fragt er mich mit gedämpfter Stimme, woraufhin ich ihm einen genervten Blick zuwerfe und leise schnaube. "Keine Ahnung?! Ich höre genauso viel wie du - also aktuell gar nichts."
Aaron verdreht die Augen, doch als er den Mund öffnet, um mir wahrscheinlich einen ebenso patzigen Kommentar entgegen zu schleudern, tut sich am anderen Ende der Leitung etwas. Ich hebe die Hand und sehe Aaron lange an, als schließlich tatsächlich Eriks Stimme ertönt. Zu meiner Überraschung klingt er weder gehetzt, noch als wäre er sich irgendeiner Schuld bewusst. Fast schon überrascht. Leider sorgt sein Tonfall nicht unbedingt dafür, dass meine Wut abflacht.
"Oh, hi Vince, was gibts?"
Am liebsten würde ich durch den Hörer greifen und ihn erwürgen! Doch als ich den Blick meines Mitbewohners auffange, zwinge ich mich dazu, tief Luft zu holen, bevor ich so ruhig es geht antworte: "Ehm, witzig, dass du fragst." Ich mache ein paar Schritte durch den Raum. "Wir haben eine Band und seit einer halben Stunde Probe, falls du dich daran erinnerst."
Stille.
Mein Blick wandert von Aaron zu David, die mich jetzt neugierig mustern, doch Erik sagt immer noch nichts. Mein Magen zieht sich zusammen, trotzdem bemühe ich mich um einen neutralen Gesichtsausdruck.
"Hallo?"
"Sorry, Vince, ich .... ich hab total vergessen, dass wir heute Probe haben. In der Wohnung herrscht komplettes Chaos. Wir haben zu wenig Wandfarbe gekauft und dann musste ich nochmal in den Baumarkt, damit wir am Wochenende streichen können und Sarah ist durch den Spätdienst super eingespannt, ich brauche den Tag wirklich einfach Pause - das verstehst du doch, oder?" Ich spanne die Kiefer an. In meinem Inneren brodelt es, doch irgendwie schaffe ich es dennoch, meine Wut soweit unter Kontrolle zu halten, dass ich meinen Kumpel direkt anfahre.
Stattdessen stoße ich ein trockenes Lachen aus.
"Ach, und bei all dem Stress hast du vergessen, wie man ein beschissenes Telefon bedient? Shit, Erik, ich hab dich vier oder fünf mal angerufen! Und jetzt erzählst du mir, du hast Wandfarbe gekauft, obwohl wir seit 4 Jahren jeden Donnerstag proben? Alter, wir stehen kurz vor dem Festival - der Gig ist wichtig! - und du kommst mit so einer Ausrede?" Meine Stimme ist schärfer, als ich es geplant hatte, aber Eriks Worte machen mich saurer als ich gedacht habe.
Am anderen Ende der Leitung seufzt es leise. „Vince, es tut mir leid, okay? Aber es ist gerade einfach echt viel bei mir. Ich schaffe es heute nicht." Seine Worte sind ruhig, fast resigniert, und irgendwie macht mich das nur noch wütender.
„Ja klar, du schaffst es nicht", sage ich sarkastisch und lasse mich rücklings auf einen der abgewetzten Polsterstühle fallen. Meine Finger trommeln ungeduldig auf die Lehne, während ich versuche, mich zu sammeln. „Weißt du, wir haben alle viel zu tun, Erik. Aaron hat Prüfungen, David arbeitet in der Werkstatt, und ich jongliere meinen Unterricht und die Uni mit Proben und Gigs. Wir haben alle Stress. Aber wir sind trotzdem alle hier. Alle - außer dir."
Erik seufzt erneut.
"Ich weiß,...Aber... Es passt heute einfach nicht, okay? Es tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht hier weg." Ich beiße mir auf die Unterlippe und atme dann noch mal tief ein: "Fuck, ich check schon, dass es dir heute nicht passt. Aber wieso hast du nicht eher etwas gesagt? Wir hätten die Probe auch verschieben können, oder uns bei dir getroffen, oder dir geholfen, irgendeine Lösung hätten wir schon gefunden - aber das geht nicht, wenn du nicht den Mund aufmachst. Das New Noise ist wichtig für die Band, uns alle - wir können das nur als Team durchziehen."
Wieder herrscht einen Moment Stille, dann meint Erik gedehnt: "Ich muss jetzt echt Schluss machen. Das Schlafzimmer soll heute fertig werden."
"Fuck it, ist das dein Ernst?!" Nun ist meine Stimme laut, laut und eindeutig gereizt.
Aaron tritt einen Schritt näher, legt eine Hand auf meine Schulter und murmelt: „Vince, lass gut sein." Doch ich schüttle seine Hand ab, ohne ihn anzusehen. Ich warte. Die ersten Sekunden verstreichen, während ich die Pinnwand mit den albernen Postkarten anstarre, die an der Wand hinter den Drums hängt. Erik schweigt noch immer. Ich schnaube leise.
„Okay. Ich wünsch dir viel Spaß beim Streichen", sage ich schließlich und drücke auf den roten Hörer, bevor er etwas erwidern kann. Das Geräusch des endenden Anrufs hallt viel zu laut in meinen Ohren. Für einen Moment ist der Raum still, bis David schließlich leise pfeift.
„Na, das war ja mal charmant", meint er und steht auf, die Drumsticks noch immer zwischen den Fingern. „Aber er hat's wahrscheinlich verdient."
Ich lasse den Kopf in meine Hände fallen und presse die Finger gegen meine Schläfen.
„Ich verstehs einfach nicht", murmle ich. „Er lässt uns hängen, weil er das scheiß Schlafzimmer streichen muss?! Und er hält es nicht mal für nötig, sich zu entschuldigen oder uns abzusagen!"
Aaron zieht sich einen Stuhl heran und lässt sich neben mich auf das Polster fallen. Er spricht mit ungewohnter Sanftheit: „ Die Aktion war beschissen aber...Vielleicht.... hat er gerade wirklich Stress. Mit Sarah oder so. Er ist halt verliebt." Er zuckt leicht die Schultern. Ich schnalze hörbar mit der Zunge. "Verliebt mein Arsch! Die beiden sind seit fast 10 Jahren zusammen, du kannst mir nicht erzählen, dass er plötzlich vergessen hat, dass wir seine Freunde sind!"
Aaron seufzt tief, verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück. „Ich sag ja nicht, dass er im Recht ist, Vince. Nur... vielleicht läuft bei ihm gerade mehr schief, als er zugibt. Keine Ahnung, was da los ist, aber ihn zu verwünschen bringt uns auch keinen Bassisten her."
Ich hebe den Kopf und sehe ihn an. Aaron meint es nur gut, er hat genau so lange wie ich mit Erik zusammengewohnt, aber ich kenne ihn schon seit dem Kindergarten und langsam aber sicher ist mein Verständnis für das verhalten meines ältesten Freundes aufgebraucht, denn tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass er uns versetzt.
"Ich hab mit dem Idioten im Sandkasten gespielt - wenn er ein scheiß Problem hat, soll er es sagen verdammt!", stoße ich aus und ziehe energisch meinen Tabak aus der Hosentasche. „Er lässt uns hängen, Aaron. Immer wieder. Und wir tun so, als wäre das okay. Aber das ist es nicht."
David, der sich inzwischen hinter das Drumkit gesetzt hat, lehnt sich über die Snare und klopft mit einem Stock auf den Rand, als würde er meine Worte unterstreichen wollen. „Vince hat schon irgendwie recht. Klar, Erik ist cool und so, aber irgendwann reicht's. Das New Noise ist eine Riesenchance, und wenn er nicht mitzieht, verlieren wir mehr als nur die Zeit von heute."
Aaron hebt die Hände, als wolle er einen Streit schlichten, der noch gar nicht richtig begonnen hat. „Ich sag ja nicht, dass es okay ist. Aber denkt mal nach: Was machen wir, wenn er beim nächsten Mal wieder nicht auftaucht? Oder wenn er beim Festival nicht abliefert? Knallen wir ihm dann auch Vorwürfe um die Ohren, kicken wir ihn aus der Band und hassen uns auf ewig, oder überlegen wir uns vorher eine erwachsene Lösung?"
Das lässt mich innehalten. Aaron hat einen Punkt, auch wenn ich es ungern zugebe.
Ich habe gerade angefangen, den Tabak auf mein Pape zu bröseln, doch jetzt halte ich inne und drücke die Daumen gegen meine Schläfen.
„Bullshit. Wir kicken niemanden raus - schon gar nicht Erik.", sage ich schließlich. Meine Stimme klingt müde, und ich merke erst jetzt, wie viel Energie diese Wut gekostet hat. „Außerdem brauchen wir einen Bassisten. Das wissen wir alle. Aber ich habe auch keinen Bock mehr, jedes Mal hinter ihm herzutelefonieren nur weil dieser Penner seine Termine nicht auf die Reihe kriegt. Sonst bringe ich ihn doch noch irgendwann um!"
David klopft einmal laut auf die Snare, genug, um uns beide aus unseren Gedanken zu reißen. „Na gut, wie wär's, wenn wir heute ohne ihn das durchgehen, was wir können? Und dann klären wir das später mit Erik. In Ruhe. Ohne Morddrohungen." Er grinst schief.
Ich schnaube und schüttle den Kopf, aber ein winziger Teil von mir kann über den Kommentar lächeln.
Aaron nickt, steht auf und schnappt sich seine Gitarre. „Das ist der Plan. Und dann sehen wir, ob Erik sich wieder einkriegt, bevor wir uns endgültig überlegen müssen, wie wir mit ihm weitermachen."
„Von mir aus", brumme ich schließlich und zwinge mich zu einem Nicken. „Aber wenn er beim nächsten Mal wieder unentschuldigt fehlt, tauche ich seinen Kopf höchstpersönlich in die verfickte Wandfarbe."

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