Kapitel 15

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Tessa

"Wie wäre es mit Chips? Jeder LIEBT Chips, damit bist du auf der sicheren Seite." meint Ally, während sie sich einen Apfelschnitz in den Mund schiebt. "If meine, für eine Pfaty if daf doff eine gute Idee, oder niff?" plappert sie mit vollem Mund weiter, bevor sie einen Blick auf die Tafel wirft, auf der sich gerade die Überschrift der heutigen Vorlesungsfolien abzeichnet. Situationsbegriff und Struktur nach Goffman.

Ich nicke geistesabwesend, während ich auf meine Laptop starre. Das leere Dokument, auf das ich immer noch starre macht mir Sorgen, denn nach der letzten Mail von sophie, hatte ich zwar schon mehrmals versucht, einen neuen Text zu schreiben, doch tatsächlich stand ich vor dem, was man in den Kreisen der Autoren als "Schreibblockade" betitelte.

Ob es an der mangelnden Erfahrung meinerseits zu dem ganzen Datingthema, oder meinem Perfektionismus lag, ist bis jetzt noch ein Rätsel was ich versuche zu lösen, aber da mir die Zeit im Nacken sitzt, versuche ich seit jeder freien Minute irgendwas zu schreiben, dass man vielleicht ansatzweise als eine verwertbare, persönliche Kolumne verbuchen konnte. Dabei wusste ich nicht mal im Geringsten, was meine Chefredakteurin von mir erwartete. Denn weder die großen Liebesgeschichten, noch die peinlichen Date Stories waren etwas, womit ich dienen konnte.

In meiner Verzweiflung hatte ich an den vergangenen zwei Abenden die nächstbeste Quelle zu Rate gezogen, die mir einfiel: Sex and The City. Aber nach 16 Folgen, in denen ich Carrie Bradshaw und Co dabei zugesehen hatte, wie sie erfolglos versuchten ihr Liebesleben in den Griff zu kriegen, hatte ich nicht nur feststellen müssen, dass die Serie schlecht gealtert war, sondern auch, dass sich die Probleme, mit denen man sich als single Frau herumschlagen musste, in den letzten Jahren nicht geändert hatten. Ein Punkt, der mich nicht unbedingt darin bestärkt hatte, mich ins Datingleben zu stürzen. Wenn es vor zwanzig Jahren schon so kompliziert war, eine halbwegs stabile Beziehung zu führen, ohne Tinder und Co, wie sollte man es heutzutage fertig bringen, jemanden richtig kennenzulernen?

Deswegen habe ich es wahrscheinlich auch nicht geschafft, bisher einen Satz zu schreiben, der besser als meine ursprüngliche Idee ist. Und so starre ich auch jetzt einfach nur ausdruckslos auf mein leeres Dokument und versuche irgendwie meine Gedanken zusammenzunehmen.

"Ich bin dafür, dass wir vor allem Wein kaufen. Wein gehört zu jeder guten Einzugsparty. Und Vodka. Ohne Shots geht gar nicht - außerdem haben wir so lange nicht mehr richtig getrunken, wir müssen schließlich deinen Befreiungsschlag feiern, Tess." Meldet sich Vi zu Wort, die neben mir auf dem Stuhl sitzt und wenig angetan von der Vorlesungs-Thematik auf ihrem Telefon tippt. "Wenn es nur darum gehen würde zu trinken, könnten wir auch einfach in irgendeine Bar gehen," erwidere ich, ohne den Blick von meinem Laptop zu nehmen. "Das würde mir zumindest den Stress ersparen und euch die Hobbithöhle, in der ich zurzeit hause, plus ihre muffeligen Bewohner." Denn allein der Gedanke daran, dass meine Freundinnen auf meinen Bruder und Vincent treffen könnten, passt mir irgendwie nicht. Nicht, weil sie Aaron nicht kennen, aber die Reaktion meines zweiten Mitbewohners nach unserem komischen Gespräch hatte genug gesagt. Außerdem habe ich nicht vor, länger als notwendig in dieser WG zu wohnen, sodass es womöglich das Beste für alle beteiligten Parteien war, wenn ich Pandora in ihrer Büchse ließ, was im klartext bedeutete, dass ich die Welten zwischen Vincent und meinen Freundinnen nicht aufeinanderprallen lassen wollte. "Ach komms Schon T, das wird lustig." meint Ally in aufmunterndem Tonfall und greift nach dem nächsten Stück Apfel. "Du bist über Dylan hinweg, ich denke, allein das muss gefeiert werden." Viola nickt bekräftigend und tippt mit ihrem Ellenbogen gegen meinen Unterarm. "Und davon mal abgesehen, bringt es dich vielleicht auf andere Gedanken. Nach dem ganzen Chaos der letzten Tage hast du ein bisschen Ablenkung mit Alkohol verdient, ein bisschen abschalten. Kein Drama, keine Arbeit, keine Uni. Und was deine Mitbewohner angeht, die können wir uns auch schön trinken, vielleicht ist Vincent ja dann gar nicht so übel." Sie grinst und widmet sich dann wieder ihrem Telefonbildschirm. Allison beschäftigt sich mit ihrer Brotdose, während sie ein paar Zeilen auf ihren Block kritzelt. Dass unter Dozent, Mister Treiber seit einer guten Viertelstunde gelangweilt durch seinen Foliensatz klickt, scheint keinen von uns so wirklich zu interessieren. Auch wenn ich versuche, mit einem Ohr den Ausführungen zu folgen, schaffe ich es auch nicht richtig, mich auf das Thema zu konzentrieren - so viel zum Thema Multitasking Talente bei Frauen. Das muss an mir vorbeigegangen sein. Sonst hätte ich jetzt nämlich sicher nicht das Problem, dass mir die Uni und der Zeitstress im Nacken sitzen.

The BetWo Geschichten leben. Entdecke jetzt