Walk on Water

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Ich möchte euch eine Geschichte erzählen (nach Matthäus 14,22-34), die sich so oder so ähnlich vor 2.000 Jahren vielleicht tatsächlich zugetragen hat.


Darf ich mich vorstellen, ich bin Fischer, oder besser gesagt, ich war Fischer. Was jetzt mein Job ist..., da bin ich mir noch nicht so im Klaren drüber. Wir wandern viel, meine 12 Kumpane und ich. Ich hasse wandern...

Umso erfreuter war ich, als Jesus, mein bester Freund, gesagt hat, wir sollen schon mal an Bord gehen, er würde dann später dazusteigen. Also haben wir in Ufernähe gewartet, und gewartet, und er kam nicht, und kam nicht... Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht hat. Ihr müsst wissen, Jesus, das ist so'n Typ, der steht echt aufs Beten, dann vergisst er immer die Zeit. Oder er wurde mal wieder von irgendwelchen Leuten angequatscht, die irgendwas von ihm wollten, und er will immer allen helfen...

Naja, ich wollte jedenfalls noch länger warten, wurde aber überstimmt, also haben wir ohne Jesus abgelegt. Ich dachte ja, er würde sich 'n Ruderboot leihen oder so, und später zu uns stoßen; aber die Sonne war bereits untergegangen und ich musste den anderen Recht geben, Jesus hatte uns versetzt. Und ich dachte, ich könnte mich auf ihn verlassen. Dumm von mir.

Und dann ist zu allem Überfluss auch noch ein Sturm aufgezogen. So'n richtiger Sturm. Wir mussten unser Segel einholen, damit uns der Mast nicht durchbricht.
Wisst ihr, beim letzten Mal als wir in einen solchen Sturm geraten sind, hat Jesus doch allen Ernstes seelenruhig im Achterdeck geschlafen, als könnte ihn kein Wässerchen trüben, wortwörtlich. Als er dann endlich aufgewacht ist, hat er ein Machtwort gesprochen und der Sturm hat sich gelegt. Zack, einfach so. Als hätten Wind und Meer sich seinem Willen gebeugt. Und wir waren sicher. Er hat uns gerettet. Ja, so war das.

Jetzt aber waren wir allein, weil er uns allein gelassen hat, weil er uns vergessen hat. Die Nacht war so dunkel, der Sturm heulte und peitschte uns ins Gesicht, und die Wellen schlugen so hoch gegen unseren Bug... Wir würden es nicht schaffen, wir würden sicher kentern, das Boot würde sinken, und wir würden alle ertrinken. Also habe ich mich schlafen gelegt. Was? Ist ja nicht so, als ob ich irgendwas daran hätte ändern können. Vielleicht geht's ja schneller vorbei, wenn ich die Augen verschließe und das Elend nicht mitansehen muss.

Nach der vierten Nachtwache, so gegen 5 Uhr morgens, wurde ich dann von einem angsterfüllten Kreischen aus dem Schlaf gerissen. "Ein Gespenst! Da ist ein Gespenst!" Ich wollte Philippus gerade eine dramatische Bangbüx mit ein bisschen zu viel Fantasie nennen, da habe ich es auch gesehen. Eine Gestalt ging auf dem Wasser direkt auf uns zu! Wirklich, ich hab' es mit eigenen Augen gesehen, das ist kein Seemannsgarn; und ich kann euch sagen, mein Herz ist mir in die Hose gerutscht!

Aber dann... dann habe ich seine Stimme gehört: "Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!" Ich kannte diese Stimme, sie ist mir so vertraut wie keine andere. Jesus. Das war Jesus! Er hat uns nicht verlassen. Er hat mich nicht verlassen. Ich... ich bin ihm nicht egal.

In diesem Moment, ihn mitten in der Finsternis vor mir zu sehen, ich fühlte so viel Erleichterung, und Zuneigung zu ihm, und... und Glauben; die Gefahr hatte ich ganz vergessen, ich wollte einfach zu ihm, zu meinem besten Freund, ich wollte bei ihm sein. Also rief ich ihm zu: "Jesus, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser."

Und er antwortete: "Komm her!"

Nur diese Worte, aber sie waren genug. Ohne jede Furcht, ohne nachzudenken, kletterte ich über den Rand des Bootes, die Augen fest auf Jesus gerichtet. Ohne zu zögern, tat ich die ersten Schritte auf dem Wasser... Und es trug mich! Ich ging über das Wasser auf Jesus zu. Wie wunderlich. Erstaunt sah ich hinab auf das schwarze plätschernde Nass unter meinen Füßen. Konnte das wirklich sein? Trug mich das Wasser wirklich? Selbstzweifel nagten an meiner Zuversicht, an meinem Selbstvertrauen. Der Sturm heulte, die See brodelte und türmte sich vor mir auf. Ich erschrak. Meterhohe Wellen rollten auf mich zu, unter mir nichts als finstere Tiefe... Der Mut verließ mich; ich konnte an nichts anderes mehr denken als an die Gefahr.
Habe ich erwähnt, dass mein Name Petrus ist? Das bedeutet der Fels. Und wisst ihr, was ein Fels auf dem Wasser tut? Richtig, sinken! Ich meine, was habe ich mir denn nur dabei gedacht, einfach aus dem Boot zu steigen und über das Wasser zu stiefeln?! Ich kann das nicht, ich schaffe das nicht, ich habe keine Kraft mehr, ich bin nicht genug, ich bin nur ein Mensch, ich werde versinken... Und genau das tat ich, ich versank in die kalten, dunklen Fluten, tiefer und tiefer in den Abgrund, in die Dunkelheit... Das Wasser stand mir bis zum Hals, im finsteren Wellental konnte ich nichts mehr sehen; ich hatte solche Angst und schrie: "Jesus, hilf mir! Ich ertrinke! Rette mich!"

Ich bemerkte erst, dass ich meine Hände ausgestreckt hatte, als sie ergriffen wurden. Es war Jesus. Er nahm mich bei der Hand, und sofort fühlte ich mich gehalten. Er zog mich hinaus aus der Dunkelheit. "Oh, du Kleingläubiger", hörte ich ihn sagen, "Warum hast du an mir gezweifelt? Warum hast du an dir selbst gezweifelt, wenn ich doch so viel Vertrauen in dich habe?"

Ich konnte ihm keine Antwort geben. Und Jesus fragte nicht weiter, stattdessen hielt er mich bei der Hand und führte mich zum sicheren Boot, wo all unsere Freunde schon auf uns warteten. Die ersten Strahlen der Morgensonne brachen durch die Wolken am Horizont. Der Sturm hatte sich gelegt.


Musikempfehlungen:
Walk on Water 
– Eminem, Beyoncé
Schritte wagen – Clemens Bittlinger
Rückenwind – Martin Pepper
Hold My Hand 
– The Fray
Lean on me – Bill Withers
Waves of Grace – David Noble

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