Das rosafarbene Zimmer

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Ich hatte mir das alles irgendwie anders vorgestellt. Irgendwie...einmalig, märchenhaft.

 Ich, Melanie; die junge Studentin, die in die Welt hinaus zieht, um fremde Kulturen zu entdecken und über sich hinaus zu wachsen! Sowas hört man doch immer, oder nicht? Wie klasse so ein Auslandsjahr ist, wie viel man da doch lernen kann. Schwachsinn. Mag sein, dass das bei den ganzen anderen "Abenteurern" da draußen so hinhaut. Bei mir nicht.

Da bin ich jetzt also. Irgendwo in Indien, im Haushalt einer recht gut betuchten Familie, die mich kaum ansieht, geschweige denn mit mir redet (wie soll ich unter solchen Umständen je mein klägliches Hindi verbessern?).. Und die es sich offenbar trotz all dem "Reichtum" nicht mal leisten kann, eine richtige Filteranlage zu installieren! Im Klartext heißt das: Ständig neues Mineralwasser kaufen, weil die Bakterien-Plärre aus dem Wasserhahn nicht mal zum Zähneputzen reicht...Geht es noch schlimmer?

Und jetzt, heute Abend, liege ich schon um kurz nach acht in meinem stickigen, unbequemen Bett. Ein Stück weit erkenne ich die Umrisse des Raums im Dunkeln, so dass ich nicht mal jetzt vergessen kann, in was für einem Loch ich hier gelandet bin. Durch das offene Fenster dringt Straßenlärm, Kinder quäken, Menschen reden durcheinander. Mein peinlich-schlecht eingerichtetes Zimmer liegt unweit dem meiner Gasteltern, geschmacklose, rosa gestrichene Wände, mal so gar nicht landestypisch! Kein Internet, kein Fernsehen, nur das Geplärre der ekligen Bettler von draußen, genauso wie der Gestank der frei herum laufenden Kühe. Meine Mutter sagt mir immer, ich wäre eine Prinzessin auf der Erbse, und dass ein Aufenthalt in einem Land wie diesem mir mal guttäte. Das ich nicht lache!

Sie hat mir Geld für mein neues Auto versprochen, wenn ich das hier bis zum Ende durchziehe, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich da mitspiele. Entnervt drehe ich mich in meinem Bett herum.

Und mir stockt der Atem.

Neben mir steht meine Gastmutter, die mir mit einem verkrampftem, unnatürlichen Grinsen im Gesicht zulächelt. Stumme Tränen glitzern in dem fahlen Licht auf ihren mageren Wangen. Ihre schwarzen Augen beißen sich förmlich in mir fest. Es ist das erste Mal, dass ich ihr direkt hineinsehe, schwarze Augen wie Kohlebrocken, unter denen noch Flammen toben...
Fast stoße ich einen panischen Schrei aus, -lächerlich, wie mir klar wird, es ist doch nichts!,- da zieht etwas mit einem Ruck meine Decke von mir. Meine Beine frösteln augenblicklich, ob vor Kälte oder nicht kann ich nicht sagen,...
Und dann ist da mein Gastvater. Auch er grinst auf diese absolut groteske Art und Weise, als er sich neben meine Gastmutter stellt und ihre runzligen Hände in seine nimmt, ohne, dass die beiden je den Blick von mir lösen oder auch nur mit einer Wimper zucken...Mit leicht geöffneten Mündern beginnen sie einen Singsang im Chor zu vollziehen. Ich weiche zurück, mein Bett knartzt, ich will nur weg von diesen Leuten, doch als ich die Hände schützend über mein Gesicht legen will, greift jemand danach und reißt sie mir über den Kopf und stülpt ein Tuch darüber...

Mitten in der Nacht wache ich schweißgebadet auf. Irgendetwas hat mich aufgewühlt, ein Traum? Schlechte Gedanken vor dem Einschlafen?
Aber hier ist es so viel dunkler. Keine Ahnung wo ich bin, den dämmrigen, rosa Raum habe ich jedenfalls verlassen.

Dann fällt mir alles wieder ein.
Was war das denn für ein Höllentrip?!!
Ich taste den Boden zu meinen Seiten ab. Hölzern, splitterig, rissig, und dann...

Dann kommt der Punkt, an dem ich den Winkel bemerke; an dem ich erkenne, dass das Holz eine Kante hat und dahinter auf beiden Seiten als Schräge, als Mauer, weitergeht,-
Der Punkt an dem ich begreife, dass das ein Sarg ist. Ich liege in einem Sarg und wurde bestattet...

Und im letzten wachen Moment, bevor ich nach Luft schnappe und in die Ohnmacht zu sinken drohe, höre ich dumpf, wie jemand entfernt spricht, und verstehe ein einziges Wort;

'Tochter'.

Tochter.
Mit einem Mal habe ich wieder die Stimme meiner Mutter im Kopf, wie sie mir nach dem Lesen vieler Reiseführer von den Besonderheiten dieser Gegend erzählt hat.. von der Geschichte des Landes, den Riten. Den kleinen Sekten, die noch immer, hier und da verstreut, selten, aber wenn ihr Kummer groß genug ist, zum Äußersten gehen,...
Und mit einem letzten Gedanken an das rosafarbene, leere Zimmer, in dem ich hier lebte,...
und die Person, der es einst gehört haben musste, und die wieder zu bringen nun mein Zweck ist, verliere ich das Bewusstsein..
Ich, das Menschenopfer.



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