"Bea. Hab ich dir nicht längst gesagt, du sollst schlafen?"
Ich murmele müde vor mich hin, während ich um halb zwölf Abends auf der Bettkannte meiner sechsjährigen Tochter sitze. Eigentlich sollte sie längst schlafen, aber, wie auch schon die letzten Wochen, ist an diesem Abend etwas dazwischen gekommen. Bea hat schreckliche Angst vor dem Einschlafen.
"Mama, kannst du nicht hierbleiben?" flüstert sie wie jede Nacht, wenn ich sie umarme, mit diesem völlig aufgelösten, unruhigem Blick in den Augen. Ich streichle meiner Kleinen übers hellbraune Haar, dass meinem so sehr gleicht, und wünsche mir, diese Phase wäre bald auch mal wieder vorbei. Aber ich nicke natürlich, und trage sie dann vorsichtig mit zu mir ins Bett, weil das schließlich deutlich größer ist, und noch während ich Beas Zimmertür mit dem Fuß zuziehe, höre ich ihr leises Schnarchen auf meiner Schulter. Jede Nacht dasselbe. Abends legen ich und mein Mann Gustav sie ins Bett, sie schläft irgendwann ein, aber dann, mitten in der Nacht, fängt sie an, schrecklich zu schreien und zu weinen. Natürlich könnten wir sie einfach gleich in unserem Zimmer schlafen lassen, und oft tun wir das auch, aber es ist alles dasselbe, Bea träumt schlecht und hat Panik, und sie dann wieder zu beruhigen ist gar nicht so einfach.
Sie hat Alpträume, sagt sie, seit unser Nachbar, Herr Grarr neben uns eingezogen ist.
Herr Grarr ist ein älterer Herr um die sechzig, angeblich mit einem Mundgeruch wie um die 80 und vielleicht sogar einer Schminksammlung, um die viele junge Frauen ihn beneiden würden. Herr Grarr hat früher mal, bevor er zu dem griesgrämigen alten Misepeter wurde, der er heute ist, nämlich als Zirkusclown gearbeitet. So sagt man zumindest, denn er wohnt erst seit ein paar Jahren hier im Ort. Jedenfalls sieht man häufiger, wenn er die Rollläden nicht richtig herunterlässt, wie er am Fenster steht, und auf die Straße blickt, mit einem leeren Ausdruck in den Augen und verhärteten Gesichtszügen. Er tut mir leid, sicher ist er einsam, aber er hat schon etwas seltsames an sich, das gebe ich zu. Meine kleine Tochter glaubt, ihn einmal mit seinem Clowns-Kostüm am Fenster gesehen zu haben, und seitdem fürchtet sie sich furchtbar.
Aber damit ist jetzt Schluss! Zeit, dass wir alle mal wieder etwas mehr Schlaf bekommen!
Am nächsten Morgen also steht mein Entschluss fest, und ich öffne fröhlich die Tür. Ich habe eine sehr erwachsene Entscheidung getroffen und einfach Herrn Grarr von der Angst meiner Tochter erzählt. Ich hab so etwas noch nie gemacht, einfach bei fremden Leuten wegen etwas derartigem zu klingeln, und ich muss ehrlich sagen, dass mir dieser Mann nicht ganz geheuer ist, aber sicher trügt der erste Eindruck und wenn Bea sieht, dass ich mich nett mit ihm zum Kaffeetrinken verabrede, schwindet ihre Angst ganz schnell. So jedenfalls die Theorie.
Denn, als ich die Tür öffne, steht nicht der unhöfliche, merkwürdige Herr Grarr vor mir, sondern ein Clown, der entfernt an Herrn Grarr erinnert. Er hat große, rot umrandete Nasenflügel und ein aschfahles, weiß gemaltes Gesicht, er hat eine große, zottellige Haarpracht in grellem Orange auf dem Kopf und einen grotesk, fast schon bestienähnlich geschminkten Mund. Seine bunte Kleidung ist zerschlissen und befleckt. Am schlimmsten aber sind die Augen. Viel zu helle Augen, die mir im Gesicht unseres Nachbarn noch nie aufgefallen sind, aber schon immer da gewesen sein müssen, und die mich auf eine Art und Weise durchbohren, bei der ich ihm am liebsten die Tür vor der Nase zuschlagen will. Auf gar, gar keinen Fall werde ich diesen Horror-Clown auch nur in die Nähe meiner ohnehin schon schreckhaften Tochter lassen!
Herr Grarr grinst mich hinter der Fratze breit an, und mir läuft unwillkürlich ein Schauder über den Rücken. Ich will mir gerade eine Ausrede einfallen lassen, da höre ich hinter mir die neugierigen Schritte meiner Tochter. Das ist gar nicht gut. Bevor ich es aufhalten kann, ist Bea an meiner linken Seite aufgetaucht um zu sehen, wer zu Besuch da ist -und sie starrt ungläubig auf das Wesen, dass sich jetzt mit dem gleichen grauenhaften Ausdruck im Gesicht leicht zu ihr herunter beugt. Ich spüre, wie sie zurück weicht, sich an meinem Bein festklammert, und der Mann sagt, mit seltsam schriller Stimme: "Ich wollte dir nur schnell etwas überreichen, kleine Bea!". Er bückt sich schräg zu ihr herunter und drückt ihr aus roten Handschuh-Händen ein kleines Päckchen in die Hand. Dann nickt er mir noch einmal zu, und geht. Als die Tür zufällt, drückt Bea sich an meine Beine, und Gustav fragt, völlig entgeistert; "Was war denn DAS??"
Bea will das Päckchen an diesem Abend nicht aufmachen, und auch am Übernächsten und am Tag danach steht es unberührt auf unserem Wohnzimmerschrank. Aber irgendwann bin ich dann doch neugierig, was Herr Grarr unserer Tochter schenken wollte, um sie aufzumuntern, wenn er schon so sehr darin versagt hat, ihr ihre Angst vor Clowns zu nehmen.
Als ich das Paket öffne, stellt sich heraus, dass es sich um eine dieser Spieluhr-Kisten handelt, aus der eine kleine Clown-Figur springen soll, wenn man bis zum Ende spielt.
Nur, dass, als ich bus zum Ende spiele, etwas anderes passiert. Das schräge, schiefe Kinderlied dudelt zu Ende, dann öffnet sich eine Klappe, und ein Stückchen Spiegel kommt zum Vorschein, und als ich hineinblicke, bekomme ich fast einen Herzinfarkt. Aus der Scherbe heraus blickt mich die Fratze des Clowns an, als der Herr Grarr sich bei uns an der Haustür schon präsentiert hat. Sein Gesicht verzerrt sich zu demselben unheimlichen Grinsen, und, was wohl noch wichtiger zu sagen ist, es bewegt sich.
Vielleicht liegt es daran, dass ich schon ewig nicht mehr genug geschlafen habe, oder an den Ängsten meiner Tochter, die langsam auf mich abfärben, aber in diesem Moment ist mir alles egal, ich werfe die Spieldose zu Boden und schlage so lang mit meinem Schreibtisch-Stuhl darauf ein, bis nichts als Scherben übrig sind.
Meine Tochter hat mittlerweile schon bald wieder gelernt, besser zu schlafen. Stattdessen liege ich nachts wach und frage mich, was all das, zu bedeuten hat. Und ob ich, wenn ich die Augen schließe, wieder diese Kreatur vor mir sehen werde. Den Clown von nebenan...
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Halloween Countdown
Misterio / Suspenso{ Darfst du auch nach Halloween gerne noch lesen :D } ~Willkommen, ihr Nachtschwärmer! Ganz recht, die Zeit der offenen Friedhofstore und düstren Mächten, sie rückt heran! Noch eh der Mond ein halbes Mal wiedergeboren ist, schließt sich der Kreis u...
