Bis dass der Tod uns scheide

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Der Wind tobte vor Henrys Fenster. Schleuderte Äste und schmutzige Blätter gegen die Scheiben, wurde mal etwas sanfter, wütetete dann weiter. Henry wältzte sich derweil in seinem Bett umher. Nur zu gern hätte er sich über das scheußliche Wetter draußen und dessen Lärm aufgeregt. Aber im Grunde genommen wusste er selbst, dass er sowieso nie und nimmer hätte einschlafen können.

Der alte Mann seuftzte. Morgen schon würde es genau ein Jahr her sein, dass seine geliebte Frau Phillippa von ihm gegangen war. Ein Jahr, in dem kein Tag vergangen war, an dem er sie nicht zutiefst vermisst hatte, lag hinter ihm.

Er hatte damals eine aufwendige Trauerfeier angesetzt. Umfangreicher und pompöser, als all die vielen alten Parties, die seine Frau ihr Leben lang immer für die Nachbarschaft gegeben hatte. Dabei war Henry eigentlich ein ganz bodenständiger Mensch, und außerdem ja auch schon bei weitem nicht mehr der Jüngste.

Ja, Phillippa und ihr Mann Henry waren schon wirklich sehr verschiedene Menschen gewesen. Dennoch hatten sie sich überaus geliebt, genauso, wie man sich das bei seiner Hochzeit vorstellt.

So hatte Henry jedenfalls gedacht. Bis gestern.

Denn, wie er so in seinem Bett lag, und der schönen gemeinsamen Zeiten mit seiner Frau gedachte, fiel, dem oft etwas zersträuten Henry, wieder der gestrige Abend ein. Er versteinerte in seinem Bett regelrecht. Was hatte diese alte Giftziege ihm nur angetan?

Am letzten Abend, in Henrys Stammkneipe, hatte sich eine Katastrophe abgespielt. Er war immer noch fassungslos. Ein guter Freund und Kollege von damals, Martin, mit dem Henry fast 23 Jahre lang zusammen gearbeitet hatte, hatte in einem beschwippsten Zustand unter Tränen gebeichtet, eine Affäre mit Phillippa gehabt zu haben. Viele Jahre lang hatte er seinen guten Freund glauben machen, er wäre ein so verantwortungsvoller Familienvater, dass er deswegen so oft wie möglich früh am Tag von der Arbeit weg wollte. Henry hatte ihn dafür gelobt. Während Martin doch eigentlich nur zu Phillippa gefahren war...

Beim Gedanken daran begann der alte Henry bitterlich in sein Kopfkissen zu weinen. Alles, was er immer für ganz klar gehalten hatte, es war nun besudelt worden. Sein Glaube an die Liebe und Treue seiner Frau zu ihm, eine so enge, langwährende Freundschaft wie die zwischen ihm und Martin, sein Eheversprechen,- alles war besudelt.

Aber wenigstens – und bei diesem Gedanken fing Henry an zu glucksen, - wenigstens hatte er nicht länger zugelassen, dass Phillippa den Ring seiner Urgroßmutter besudelte.

Henry war, nach dem schrecklichen Barbesuch, zum Friedhof gegangen. Es war schon spät, er hatte sein letztes Fünkchen Beweglichkeit zusammen gekratzt, war durch die Büsche gestapft und, in der Schwärtze der Nacht, über eine Niedrige Stelle im Zaun geklettert. Er hatte die Familiengruft besucht, das kleine, steinerne Zimmer, in dem seit Jahrzehnten all seine Ahnen ruhten, und, seit einem Jahr nun, seine verräterische Frau, Phillippa. In dieser Gegend pflegten viele Leute solche kleinen Gemeinschaftsgruften zu errichten, anstatt die Toten nur in der Erde zu verscharren.

Henry war das alles sehr einfach vorgekommen. Sobald er sich in dem Räumchen befand, in dessen Marmorsägen Leichen lagen, hatte er ein ganzes Weilchen auf den seiner Frau gestarrt. Wie konnte es sein, dass sein ganzes Leben so eine Lüge gewesen war? Wie konnte sie ihm das nur antun, ihm, der er doch nur sie hatte auf der Welt??

Irgendwie hatte Henry es geschafft, ganz allein und trotz seines Alters, den schweren Sargdeckel allein zu lüften. Und da lag sie.

Ein wenig eingefallen, mit Wangenknochen, so hervorstechend wie bei einer Hungerleidenden, und mit extrem ungesunder, grünlicher Gesichtsfarbe hatte die Leiche da gelegen. Vielleicht wäre sie in schlimmerem Zustand gewesen, würde der kleine Raum weniger muffig und luftleer sein, so jedoch, war ihre Verweseung noch nicht allzu weit fortgeschritten. Henry hatte die Zähne zusammenbeißen und all seinen Mut aufbringen müssen, um ihre Hand zu greifen und den Ehering abzuziehen, das Familienerbstück, das dieses ekelhafte Weib nun nicht mehr verdient hatte. Tränen der Wut rannten ihm übers Gesicht, sowohl, als er den Rückweg nach Hause antrat, als auch nun, in seinem Bett. Auf dem Nachttisch lag der verlogene, verdorbene Ring.

Als er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, schlief er ein, dochnicht lang und erst recht nicht friedlich. Bald darauf wurde er von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen, dass wie ein knarzen der Stufen zu seinem Schlafzimmer klang...

Er döste schon wieder etwas weg, da nahm er wahr, wie jemand atmete. Laut und tief und nur allzu vertraut. Und direkt neben seinem Bett.

Das Geräusch war ihm so bekannt, dass es ihn zunächst wirklich beruhigte. Es war der Klang, zu dem er viele Jahre lang in den Schlaf gefunden hatte.

Erst, als etwas an seiner Decke zog, nur Phillippa, vermutlich, wurde ihm klar, dass das schon lang nicht mehr vorgekommen war...

Er streckte den Kopf unter der Decke hervor. Da war niemand neben seinem Bett. Nur der Nachttisch mit dem kleinen Ring darauf. Henry knipste sich Licht an und betrachtete das kleine Schmuckstück verwundert. Dabei merkte er, was auf der Innenseite eingraviert war.

„DAS WIRST DU BEREUEN".

„Was zum Teufel??!" schrie Henry erschrocken auf. Was hatte das zu bedeuten?? WARUM, warum nur hatte seine Frau den Ring auf so groteske Weise ändern lassen?? Fassungslos drehte Henry den Ring in den Händen, - und sein Atem stockte.

„ICH HABE MEINE GRÜNDE." stand dort nun eingraviert. Er fuhr mit dem Finger über die kleinen Furchen im Metall. Da hatte doch eben noch etwas anderes gestanden, er war sich sicher..

In diesem Moment zog wieder jemand die Decke hinter ihm weg. Langsam, ganz langsam drehte er sich um. Doch auf der Bettseite seiner Frau war niemand.

Nichts als Leere, und ein schwacher Duft nach ihrem Parfüm, genauso, wie der Geruch der Gruft, in der sie gerade weiter verweste. Oder eben nicht.


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