Vier

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Ich hieve mich langsam aus dem Bett, bedacht darauf, keine hektischen Bewegungen zu machen, damit ich mich nicht wieder verletze und noch länger hier rumlungern muss. Den das wäre nun wirklich Pech, mir am Tag meiner Entlassung eine weitere Verletzung zuzuziehen.

Meine Mom wartet schon unten am Auto und plant sicher schon weitere Termine für diesen Tag. Sie ist eine sehr beschäftigte Frau, die selten Zeit für sich findet, da sie immer allen anderen zur Verfügung steht. Familie, Freunde, ehrenamtliche Tätigkeiten. Es grenzt schon fast an einem Wunder, wie sie es schafft, all das unter einen Hut zu kriegen und noch dazu bei wichtigen Veranstaltungen so bravourös und aufgeweckt zu wirken. Sie ist schon eine tolle Frau, die meine Hochachtung definitiv verdient.

Ich schlurfe den kalten Flur entlang, in der Hand eine kleine Tasche mit allmöglichem Kleinkram, den ich unbedingt gebraucht habe und nun wieder mit nach Hause nehmen muss. Als ich mich endlich auf den Sitz des Wagens fallen lasse, entweicht mir ein erleichterndes Seufzen. Ich bin fix und fertig. Nicht nur, wegen dieses beschwerlichen Weges (Warum hst dieses Krankenhaus so viele Treppen?), sondern hauptsächlich aufgrund der letzten Tage und Geschehnisse.

Im Zeitraffer sehe ich alle Erlebnisse nochmal in meinem Kopf. Das Turnier mit dem Sturz, die Diagnose von Golden Fall, die Worte von Mr. Forley, all das macht mir ziemlich zu schaffen.

"Schatz?", fragt Mom vorsichtig.
Ich nicke und sage sofort, dass es mir bestens geht und ich nur schnell nach Hause möchte. Daraufhin stellt sie keine weiteren Fragen, sondern lässt den Motor aufheulen und braust los.
Zuhause angekommen werfe ich nich erstenmal auf mein Bett. Ich grabe meinen Kopf in das Kissen und atme tief ein. Ah, dieser Geruch, dieser vertraute Geruch! Wie sehr ich ihn vermisst habe.

Ein leises Klopfen kommt von der geschlossenen Tür und nach einem genuscheltem "Herein" meinerseits tritt mein Dad ein.

"Schön, dass du wieder hier bist. Wir haben dich vermisst."

"Ich bin auch froh, wieder daheim zu sein, Dad.", versichere ich ihm und es stimmt ja auch.

"Ich weiß, dass du das jetzt nicht unbedingt hören möchtest, aber Mr. Forley hat gestern bei uns angerufen und gesagt, dass er dich nicht weiter trainieren wird.", erzählt er mir mit fragendem Unterton. Mist, das ist nun wirklich das Letzte, was ich gebrauchen kann. Die Kündigung meines Trainers, des einzigen, der mich aus diesem Loch herausholen konnte.
Dad spricht weiter: "Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich bin nicht blöd. Ich denke mal, dass es etwas mit dem Turnier zu tun hat, liege ich ds richtig?"
Verdammt, was soll ich jetzt tun. Leugnen? Aber das hat noch nie jemanden geholfen, geschweige denn weitergebracht.

"Er hat mich besucht", beichte ich, "und er hat mir gesagt, dass ich schuld an Golden Falls jetztigem Zustand bin."

"Das fasse ich nicht! Wie kommt er denn darauf? Ich rufe ihn sofort an und -"

"Nein, er hat ja recht!", sage ich schuldbewusst und schaue beschämt auf meine Hände.

"Wie? Ich denke, Golden Fall hatte einfach nicht das Potential zum hervorragendem Springpferd!" Dad scheint verwirrt. Ich beschließe, ihn aufzuklären und alles zu sagen, was es zu sagen gibt. Also beginne ich, ihm alles zu erzählen, meine Gedanken, meine Gefühle, von dem Gespräch mit Mr. Forley, einfach alles.
Er war ein guter Zuhörer und es tat wirklich gut, jemandem alles erzählen zu können. Das habe ich wohl gebraucht.

Nachdem ich geendet habe, sagt Dad gar nichts, sondern schweigt. Ich beschließe, zu warten, schließlich habe auch ich meine Zeit gebraucht, alles zu verarbeiten. Sechs Tage habe ich nur im Krankenhaus gelegen und über alles nachgedacht. Ich habe überlegt, wie ich weitermachen könnte. Neustart oder es einfach auf sich beruhen lassen oder etwas ganz anderes, doch ich bin zu keinem Entschluss gekommen. Die Entscheidung ist zu schwierig und zu wichtig, um allein darüber zu entscheiden.

"Ich bin ganz ehrlich zu dir.", beginnt Dad. Ich richte mich auf.

"Vielleicht hast du einen Fehler gemacht. Vielleicht hat er ja recht, Mr. Forley. Vielleicht trägst du wirklich die Schuld.
Aber ich denke, kein Fehler ist so groß, alsdass man ihn nicht wieder gutmachen oder zumindest den Schmerz, der damit verbunden ist, mildern kann.
Lass dir was einfallen, diese Entscheidung kann dir von keinem abgenommen werden, aber als kleiner Tipp am Rande: Golden Fall steht in der Zentralen Tierarztpraxis."

Er schaut mich bedeutungsvoll an und ich verstehe. Ich soll Golden Fall besuchen. Auch wenn ich noch nicht weiß, was mir das bringen soll, so kann ich doch das Herz haben und meine Stute, die schwer verletzt ist, besuchen. Ja, das werde ich tun. Und gleich nachdem mein Dad das Zimmer verlassen hat, schließe ich die Augen und fasse einen Entschluss. Morgen gehe ich zu Golden Fall, komme, was da wolle.

-

Aufgeregt sitze ich im Auto und zapple unruhig hin und her. Ich reibe meine Handflächen aneinander und beiße mir auf die Unterlippe. Es ist neun Uhr morgens und wir sind auf dem Weg zur Zentralen Tierarztpraxis, zu Golden Fall.

"Beruhige dich, Maus!", spricht meine Mom mir lächelnd zu und schaut mich mit warmen Augen an. Einfacher gesagt als getan! Trotzdem versuche ich mir zu entspannen und atme tief ein und aus. Was soll schon passieren? Ich kenne sie doch, und sie kennt mich!

Mom dreht den Schlüssel und ich springe auf der Stelle aus dem Wagen. Wo ist sie?
"Komm mit, hier entlang!", lacht Mom und weist auf ein Schild. Information.
Entschlossen gehe ich auf den Stand zu und frage eine junge Frau, die dort steht: "Wo steht meine Stute, Golden Fall?"
Sie zieht eine Augenbraue in die Höhe, zeigt dann aber auf einen blaugrauen Stall rechts von mir.
"Links, dritte Box"
Ohne ein weiteres Wort flitze ich auf das Gebäude zu und gehe erwartungsvoll in die Stallgasse.
Von weitem höre ich noch Mom sagen: "Ich muss mich für meine Tochter entschuldigen. Sie ist nur aufgeregt!"
Das bin ich wirklich. Was, wenn sie mich nicht wiedererkennt? Wenn ich ihr fremd bin und sie Angst vor mir hat? Vielleicht hat sie ja uch verstanden, dass sie nur meinetwegen in diesem Stall hier stehen muss und sich nicht bewegen darf. Vielleicht hasst sie mich ja!

Oh Gott, auf was habe ich mich da nur eingelassen. Wie kann ich nur denken, sie würde sich freuen, mich zu sehen...

Schon weniger mutig schleiche ich die Boxen entlang, bis ich schließlich vor ihr stehe. Nur ein Gitter trennt uns.

Oh.

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Kapitel vier ist da! Irgendwie habe ich grad voll die Lust aufs Schreiben, deshalb kommt auch so oft was. Ich kann nicht versprechen, dass das so bleibt!
Naja hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und bleibt weiter dran!

Schmatzi und Kussi!

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