Kapitel 8: 2/2

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Legolas wollte Halya gerade erklären, wie man auf Elbisch um ein Getränk bittet, als Lystergio verkündete: "Holt bitte eure Mathematikbücher heraus."
Halya wandte verwirrt den Kopf nach vorne. Was war denn ihre Aufgabe gewesen? Sie legte das Geschichtsbuch weg und schlug Mathematik auf.
Ihre Aufgabe bestand darin, die ersten Zehn Seiten zu lösen.
Halya hatte bereits Drei Seiten abgeschrieben und gelöst - laut dem Stand der Sonne war es Elf Uhr - als plötzlich ein Heulen ertönte. Alle schauten aus dem Fenster und dann beunruhigt zu Lystergio.
Wölfe waren seit Jahrzehnten nicht mehr im Düsterwald gesehen worden.
Außer gestern, dachte Legolas und betrachtete Halya, die aufgestanden und zum Fenster gegangen war. Nun öffnete sie das Fenster, legte den Kopf schief und lauschte.
Die Klasse wurde merklich nervös. Legolas sah wie ihre Ohren hin und her zuckten und sich ein Lächeln auf ihr Gesicht schlich. Als sie die Augen öffnete verstummte das Heulen und in ihren Augen lag ein überglückliches Funkeln.
"Was war das denn?" , fragte Lystergio und sah etwas verstört aus. Halya schloss das Fenster und sah Lystergio an, der automatisch auch lächelte. "Das war mein Bruder. Er hat mir soeben mitgeteilt, dass er gerade Vater geworden ist." Sie ließ den Blick umherschweifen und lächelte glücklich.
Da sagte eine inzwischen allzu vertraute Stimme: "Was? Bloß weil so eine dreckige Töle da draußen Heult und wahrscheinlich schon abgeschossen wurde? Wie willst du..." , sein Satz blieb unvollendet. Halya machte zwei Schritte - die sie hätte unmöglich gehen können - und stand an der Seite von Giron's Tisch. Das Lächeln auf ihrem Gesicht war verschwunden und hatte einem wütenden Ausdruck platz gemacht. Sie stützte sich mit den Händen am Tisch ab, wobei sich ihre Nägel in das Holz gruben, und lehnte sich bedrohlich über die Tischplatte. Dabei bauschte sich ihr Mantel auf und das Fell sträubte sich bedrohlich. "Ich dachte immer Elben seien Tierlieb! Zwar habe ich gehört, dass die Elben aus dem Düsterwald gefährlicher seien als andere. Doch dass sie einfach ein friedvolles Tier erschießen, glaube ich nicht!
Dreckige Töle? Das ist eine sehr gute Beschreibung für dich selbst! Die dreckige Töle, wie du sie nennst, ist wesentlich sauberer als du!
Du legst wenig Wert auf Familiärebande? Das zeugt von deinem schlechten Charakter und deiner miesen Erziehung!" , knurrte sie und fixierte Giron. Ihre Blicke trafen sich und die Spannung, die zwischen ihnen entstand, war fast greifbar.
Legolas warf einen schnellen Blick zu Lystergio, der nicht wagte etwas zu sagen. Er wandte den Blick wieder zu Halya, die sich noch weiter vorgelehnt hatte. Der Tisch knarrte unter ihrem Gewicht und eine Vibration war durch den Boden spürbar. Halya knurrte Giron eindringlich an und ihr Blick war so intensiv, man könnte glauben, dass jeden Moment Funken aus ihren gold-grünen Augen sprühen.
Giron war mutig, den Blick zu erwiedern, doch lange würde er nicht standhalten. Halya war mit Wölfen aufgewachsen und wusste, früher oder später würde er den Blick senken. Damit hätte sie gewonnen.
Das blonde Mädchen neben Giron packte ihn am Arm und zerrte an ihm, er solle endlich den Blick abwenden. Sie war den Tränen nahe. Halya's Knurren wurde lauter und er senkte endlich den Blick.
Das Fell ihres Mantels legte sich wieder und sie stieß sich vom Tisch ab und ging zurück zu ihrem Platz, mit einem siegreichen Lächeln auf den Lippen.
Als sie wieder neben Legolas saß schaute sie auf ihre Matheaufgaben. Als sie bemerkte, dass sie von allen - außer Giron und Blondie - beobachtet wurde, schaute sie kurz auf, das Lächeln und das freudige Funkeln war auf ihr Gesicht zurückgekehrt. "Also, ich habe bereits Drei Seiten erledigt." , sagte sie und löste weitere Aufgaben. Jetzt arbeitete auch der Rest der Klasse weiter.
Nach einer Viertelstunde, in der Lystergio Giron und Halya klargemacht hatte, dass er Kämpfe seiner Schüler nicht duldete, außer sie gingen zum König und holten sich die Erlaubnis, sagte er, dass sie nun Zwanzig Minuten Pause hätten.
Die meisten Schüler machten sich sofort auf den Weg nach draußen.
Halya stand auf und ging zu einem Fenster, welches sie öffnete und sich in die schattige Ecke neben dem Fenster stellte, sodass nur noch eine Fußspitze zusehen war. Halya lehnte sich an die Wand und schloss die Augen, um die Gerüche um sich herum zu analysieren.
Sie hatte nicht nur die Ohren sondern auch die Nase eines Wolfes. Die Gerüche des Klassenraumes nach Büchern und Kreide filterte sie heraus. Sie roch draußen den Wald und den Wasserfall in der Nähe, als sie einen unnatürlichen Geruch wahrnahm: es roch nach Parfüm, Shampoo und etwas, dass so ähnlich wie Farbe roch. Halya öffnete die Augen und sah, wie Giron, Blondie, der schwarzäugige Junge und das schwarzhaarige Mädchen den Raum verließen.
Plötzlich hatte Halya den Geruch einer Blumenwiese in der Nase. Das braunhaarige Mädchen, dass ihr zu Beginn geholfen hatte die Bücher aufzuheben, stand vor ihr und schaute sie mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht wie eine Heldin an. "Wow! Das war ja unglaublich! So eingeschüchtert habe ich Giron ja noch nie gesehen!" Das Mädchen bekam sich vor Begeisterung fast gar nicht mehr ein. Sie machte große ausladende Handbewegungen, und schien nicht zu merken, wie sie Halya bedrängte. Da packte sie eine Hand an der Schulter und zog sie einen halben Meter zurück.
"Vinnea. Beruhige dich doch erstmal, bevor du jemanden mit deiner Begeisterung erdrückst." , sagte Legolas belustigt und stand nun neben Vinnea. "Oh. Ja. Ähm... Hi. Ich bin Vinnea." , stellte sie sich einwenig peinlichberührt vor und hielt Halya die Hand hin. Diese nickte freundlich, sagte jedoch nichts. Doch ihre Augen funkelten belustigt.
"Vinnea ist so ein offenherziger Elb, dass sie manchmal die Gefahr, die sie gerade eben gesehen hat, vergisst." , sagte Legolas und stupste Vinnea an. "Ja, kann schon sein..." , sagte sie und schaute auf den Boden. Da entdeckte Vinnea die Fußspitze, die in Sonnenlicht getaucht war und blickte dann Halya im Schatten genauer an. "Der Name Halya passt gut zu dir. Er bedeutet: verborgen, verhüllt, verschattet oder schattenhaft." , sagte Vinnea.
"Hm-Hmm" , bestätigte Halya und trat an das Fenster; aus dem Schatten heraus.
Sie hat ja gar keine Ahnung, wie recht sie hat, dachte Halya.
"Wer ist das?" , fragte Halya und nickte auf den Hof, den Giron und seine Drei Begleiter gerade überquerten.
"Das? Das ist Giron mit seiner "Clique", wie er es nennt.
Das blonde Mädchen, dass immer wie eine Klette an ihm hängt, ist Simira - seine Freundin. Der Junge mit den fast schwarzen Augen - der auch neben mir sitzt - ist Ero. Das schwarzhaarige Mädchen neben Ero ist seine jüngere Schwester Erlya. Sie passt auf ihn auf, denn er ist etwas... seltsam." , antwortete Vinnea und schauderte. "Wie er einen manchmal anstarrt..."
"Hm..." , machte Halya nur nachdenklich und rollte eine Nuss, die sie unbewusst aus ihrer Hosentasche gezogen hatte, zwischen den Fingern hin und her. "Erlya und Ero sind anders als Giron und Simira." , murmelte sie.
"Wie kommst du darauf?" , fragte Vinnea. "Sie selbst sagen nichts feindseliges. Sie laufen nur hinter Giron und Simira her - sie sind ihre ja-sager. Und außerdem riechen sie ganz anders." , erklärte Halya.
"Sie riechen anders?!" , fragte Vinnea verständnislos.
Halya seufzte leicht genervt. Eigentlich wollte sie mit niemanden großartig reden. Erklärte aber schließlich: "Ja. Jeder - ob Mensch, Elb oder Tier - Hat einen eigenen Geruch. Den meisten fällt er gar nicht auf - oder sie können ihn nicht riechen. Aber ich kann sie riechen."
"Und wie..."
"Ich glaube Halya spricht nicht besonders gerne." , unterbrach Legolas Vinnea's erneute Fragenwelle. "Ja. Das stimmt." , antwortete Halya knapp und warf einen raschen Blick zu Lystergio, der Papiere für die nächste Unterrichtsstunde vorbereitete. "Ich spreche nur mit Leuten, die ich mag, und denen ich vertraue." Dann hob sie den Arm und warf mit voller Kraft die Nuss auf Giron's Hinterkopf. Die Schale zersprang und die Nuss kullerte in sein Hemd. Giron drehte sich um und suchte, wer ihn abgeworfen haben könnte, und versuchte die Nuss aus seinem Hemd zu bekommen. Plötzlich kam ein schwarzes Eichhörnchen von einem Baum gesprungen und stürzte sich in Giron's Hemd, um um an die Nuss zu gelangen. Giron wand sich und schrie, dass Ero, Erlya oder Simira ihm helfen sollten. Doch sie lachten bloß und sahen sich das Schauspiel an.
Auch Legolas und Vinnea konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Halya versuchte, ihres zurückzuhalten, doch es klappte nicht. Es sah einfach zu komisch aus, wie das Eichhörnchen in Giron's Hemd herumwuselte.
Auch Lystergio stand schmunzelnd am Fenster. Er beobachtete die Vier auf dem Hof, bis sie sich wieder beruhigt hatten, dann gesellte er sich zu Legolas, Vinnea und Halya.
Plötzlich sagte Halya an Vinnea gewandt: "Ich kann dir zum Beispiel sagen, dass Lystergio gerne liest und mit Tieren zutun hat. Oder?" Sie schaute in Lystergio's erstauntes Gesicht. "Ja. Das stimmt." , sagte er. "Woher...?" Halya lächelte und nickte bedächtig. Dann verschmolz sie wieder mit dem Schatten des Fensters. Draußen sang ein Vogel und Halya lauschte mit geschlossenen Augen der schönen Melodie.
"Ein Caranfileg. Ist erst wieder im Grünwald bemeimatet, seit der Schatten verschwunden ist." , klärte Lystergio sie über die Rasse des kleinen roten Vogels auf. "Aha." , meinte Vinnea nur.
"Du sagtes, dein Bruder sei Vater geworden." , sagte Legolas vorsichtig. Halya öffnete die Augen, und ein bedrohliches Funkeln lag in ihrem Blick, als sie ihn ansah.
"Ja." , knurrte sie. "Wieviele Kinder hat er denn bekommen?" , fragte er weiter. "Drei. Ein Mädchen und zwei Jungen." , war die knappe Antwort.
"Haben sie schon Namen?" , wollte Vinnea wissen. "Ja." , seufzte Halya. "Und wie..." , bevor Vinnea weiter fragen konnte stieß Lystergio zwischen zwei Fingern einen lauten Pfiff aus. Die Pause war zu Ende.
Halya stieß einen erleichterten Seufzer aus. War sie den Fragen Vinnea's also doch noch entkommen.
Lystergio schaute sie mit verständnisvollen braunen Augen an. Halya erwiderte ein dankbares nicken.
Alle kamen gelassen und erholt zurück; außer Giron. Er hatte es geschafft das Eichhörnchen und die Nuss loszuwerden. Seine Kleidung war einwenig zerrissen und ausgeleiert. Als die Klasse ihn sah, lachte sie lauthals los, und Giron setzte sich - in seinem Stolz beschämt - auf seinen Platz.
Lystergio teilte mehrere Blätter aus und erklärte sogleich: "In den nächsten Tagen habt ihr die Möglichkeit verschiedene Berufe kennenzulernen. Auf den Blättern sind die Berufe und die dazugehörigen Aufsichtspersonen aufgelistet. Wenn euch einer oder mehrere Berufe interessieren, tragt euren Namen daneben ein. Ihr werdet Drei Wochen in diesem oder dieser Berufe arbeiten. Wenn ihr zwei Berufe habt, arbeitet ihr Halbtags in den Berufen."
"Und wenn wir Drei haben?" , fragte jemand. "Dann werdet ihr in jeder Woche woanders arbeiten." , antwortete Lystergio. "Und wenn wir Vier haben?" , fragte ein anderer.
"Ihr könnt nur Drei wählen." , sagte Lystergio bestimmt und kehrte zu seinem Platz am Pult zurück.
Einige stießen ein trauriges "Ooooooh..." aus und schauten auf die Liste, die vor ihnen lag:

Eine der Gaurwaith (Legolas ff)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt