Ich öffnete meine Augen und sah Holz. Es ist ein Boden... oder eine Decke? Mir war extrem schwindlig. Ich drehte meinen Kopf leicht zur Seite. Noch mehr Holz. Dieses Mal war es eine Wand. Ich schaute wieder zurück an die Decke. Erst jetzt realisierte ich wo ich war. In meinem Zimmer. Ich lag in meinem Bett... aber wieso? Ich kann mich nicht erinnern mich hingelegt zu haben. Und da fiel es mir ein. Ich stand draußen beim Holzhaken und mir wurde so warm. Dann hatte ich mich noch aufgeregt und dann wurde es dunkel in meiner Erinnerung. Der nächste Gedanke galt dem Prinzen. Wo ist er? Mit einem Ruck stand ich auf, doch plötzlich tauchte eine Hand auf die mich zurück ins Bett drückte.
"Nicht! Du hast Fieber. Es ist besser wenn du dich ausruhst und liegen bleibst.", sagt eine Stimme neben mir. Justin? Das Bild vor meinen Augen war verschwommen von dem schnellen Aufstehen. Ich legte mich zurück ins Bett und guckte wieder an die Decke. Ich drehte meinen Kopf nach rechts. Mir blieb der Atem stehen.
"Du bist noch da?", fragte ich.
"Ja." Seine Antwort kam trocken. So, als ob er sie die ganze Zeit geübt hätte. "Eigentlich wollte ich abhauen."
Stille kehrte ein. In meinem Kopf flogen die Gedanken umher. Warum hat er nicht die Gelegenheit genutzt und ist abgehauen? Warum ist er nicht einfach los und hat versucht jemanden zu holen? Er hätte es mit Sicherheit bis in die Stadt schaffen können. Sie hätten uns finden können. Aber warum blieb er hier?
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ der Prinz den Raum. Ich hörte die Treppe knarren. Ich lauschte auf die Tür, ob er das Haus verlassen würde. Doch es war nichts zu hören. Es wurde still. Ich schob die Decke beiseite und richtete mich auf. Ich saß auf der Kante von meinem Bett. Mein Kopf tat extrem weh und das Bild vor meinen Augen war immer noch leicht verschwommen. Plötzlich knarrte es und er kam wieder durch die Tür rein. In seiner Hand hielt er eine Tasse.
"Hier. Ich hoffe es hilft dir ein wenig.", sagte er, während ich die Tasse nahm. Ich schaute hinein. Es war Tee... oder Suppe. Es roch nach nichts und hatte eine leicht grünliche Farbe. Ich hob meinen Blick und schaute in seine Richtung. Er saß auf einem der Sessel am anderen Ende des Raums. Er fing an zu lächeln.
"Es ist nichts Giftiges."
"Danke", murmelte ich leise vor mich hin. Ich glaube nicht, dass er es bemerkt hatte. Doch die Frage nach dem Warum blieb weiterhin in meinem Kopf. Ich wusste nicht ob ich ihn fragen sollte. Doch ich wollte es wissen. Er hätte frei sein können, blieb aber lieber hier? Wo ist das die Logik?
"Warum?", fragte ich kurz und knapp bevor ich einen Schluck aus der Tasse nahm. Es war Tee.
"Was 'warum'?", fragte er, als ob er nicht wüsste worauf ich hinaus wollte.
"Warum bist du nicht abgehauen? Du hattest die Gelegenheit." Er seufzte und schaute auf den Boden. Sein Blick wirkte traurig.
"Auch wenn es für dich seltsam sein mag, nur weil man Prinz Max heißt, bedeutet das nicht, dass man das auch gerne ist." Seine Antwort schien mir unverständlich. Was soll daran nicht schön sein in einem Schloss zu wohnen, den ganzen Tag machen zu können, worauf man Lust hat. Immer gutes Essen zu haben, ein warmes Bett.
"Ja, du magst Recht haben. Wir Könige wissen wirklich nicht, wie es den einfachen Leuten geht. Aber anders herum genauso. Wir können nicht jeden Tag bis zum Mittag schlafen. Aufstehen um acht Uhr, waschen, ankleiden, essen. Dann geht es um neun Uhr mit dem Unterricht los. Mathematik, Sprache, Benehmen und noch einige weitere Dinge. Es ist jeden Vormittag das Gleiche. Nach dem Essen geht es dann weiter mit Schwertkampf, Bogenschießen und Reiten. Das ist alles andere als Lustig. Jeden Tag sagt mir jemand was ich zu machen habe, was ich zu wissen habe, was ich zu können habe. Der Abend ist dann meist etwas Festliches. Besuch, Hochzeiten, Ehren, Bälle und viele andere übermäßige Veranstaltungen. Und selbst da, sagen mir alle was ich zu lassen habe und zu machen habe." Er hielt inne und schaute aus dem Fenster. In seinen Augen konnte ich kleine Tränen erkennen.
"Weißt du, manchmal würde ich mir wirklich wünschen, einfach nicht der Prinz zu sein. Ich will nicht den ganzen Tag gezwungen werden etwas zu machen, etwas zu lernen. Ich will es selbst erleben. Ich will raus in die Stadt, auf das Land, die einfachen Leute kennenlernen. Aber ich darf nicht." Ich nahm einen weiteren Schluck von meiner Tasse. Mir war gar nicht bewusst, dass das Leben so stressig ist.
"Ich dachte ihr könnt machen was ihr wollt?", fragte ich. Ich wollte ihn nicht reizen... doch es war schon zu spät. Er sprang auf und hielt seine Hände vor sein Gesicht. Dann drehte er sich zu mir.
"Ja das dachte ich auch. Bis ich zwölf wurde. Dann begann diese diktatorische Hölle. Alles wird einem vorgeschrieben." Tränen bildeten sich in seinen Augen und liefen seine Wangen runter. "Selbst die Frau die ich heiraten soll!", schrie er und lief aus dem Raum.
"Max!", rief ich hinter her. Ich konnte nur hören wie er die Treppe runter lief. Dann knarrte die Tür. Scheiße.
~ Währenddessen im Schloss ~
"Es ist mir egal wie viel das kostet. Es ist mir egal wie viel Mann Sie brauchen. Und erst recht ist es egal wie Sie es machen.", schrie der König den Wachtmeister der Stadt an. "Hauptsache Sie finden meinen Sohn und bringen mir dieses vom Teufel besessene Pack."
Mit schnellen Schritten verließ der Wachtmeister den Thronsaal. Einige weitere Soldaten standen noch in dem Saal. Ihr Blick war gesenkt.
"Ihr hattet fünf Tage Zeit. Ihr habt es nicht geschafft. Wofür entlohne ich euch eigentlich? Wir wissen nichts, wir haben keinen Hinweis." er schaute in die ängstlichen Gesichter. "Raus mit euch!"
Alle verließen den Saal und der aufgebrachte König setzte sich wieder in seinen Thron.
"Es wird schon wieder gut. Sie werden ihn finden.", sagte seine Frau.
"Du weißt doch nicht einmal, was damals passiert ist. Woher willst du wissen, ob alles wieder gut wird. Du weißt von nichts.", schrie er sie an. Ihr Ausdruck veränderte sich schlagartig. Sie stand auf und stellte sich vor ihren Mann.
"Und genau das ist der Punkt. Wenn du überhaupt einmal sagen würdest, was damals passiert ist, hätte man dieses ganze Drama verhindern können. Aber du denkst nur an dich. Hast du eigentlich auch mal deinen Sohn gefragt, was er von Saraphine hält? Ob er überhaupt heiraten möchte? Hast du eigentlich einmal nicht an dich gedacht sondern an die Anderen?" Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ den Saal. Die Türen schlossen sich und Stille kehrte ein. Nichts war zu hören.
"Nein."
~ Im Wald ~
Ich lief einfach durch den Wald. Ich wusste nicht, wo ich bin; noch weniger wo ich hin sollte. Zurück zum Schloss? Zu gerne, aber nicht jetzt. Dieser ganze Stress, diese ganze Hektik, dieses Prinz-Sein war mir zu viel. Ich lief weiter und tiefer in den Wald; weg von der Hütte. Die Luft ging mir aus. Ich musste anhalten, doch meine Füße wollten weiter. Unter mir knackten die Äste und das Laub raschelte. Ich blieb an einem Baum stehen und schaute mich um. Nichts war zu erkennen, niemand zu sehen. Ich hörte leise Wasser rauschen. Ich folgte dem Geräusch bis es lauter und lauter wurde. An dem kleinen Fluss angekommen setzte ich mich erschöpft an einen der Bäume.
Ich wollte einfach nur Ruhe. Doch zurück zu Luca konnte ich jetzt auch nicht. Sie würden mich wieder einschließen und damit hätte ich meine Chance auf einen weiteren Tag im Freien zerstört.
Es war einfach zu viel. Mein ganzes Leben war zu viel. Ich wollte nicht heiraten. Ich wollte nicht diesen ganzen Unterricht haben. Doch nur weil man Prinz ist, kann man nicht alles machen.
Ich schloss meine Augen und lauschte dem Wasser. Die Stille war entspannend. Es war ein wenig windig und kalt, doch das störte mich nicht. Die frische Luft, das Rauschen des Wassers waren traumhaft. Am liebsten wäre ich jeden Tag draußen. Aber das ging ja nicht.
Innerlich wünschte ich mir, einfach nur hier bleiben zu können. Nie mehr zurück zu müssen. Oder noch besser, einfach zu verschwinden.
Plötzlich knackte neben mir ein Ast. Ich öffnete meine Augen und sah jemanden vor mir stehen.
"Hallo. Wen haben wir denn hier?", sagt er und mit einem Ruck wurde es dunkel. Ich versuchte mich zu wehren, doch er war zu stark. Er packte mich an meinen Armen und drückte mich gegen den Baum.
"Schön stillhalten. Dann schmerzen die Fesseln weniger.", sagte er mit einem kleinen fiesen Lachen. Und schon spürte ich wie er Seile um meine Arme band.
Nicht schon wieder.
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Der Dieb
FanfictionLuca ist ein Dieb. Er hat es aber nicht auf Gold, Edelsteine oder Besitztum abgesehen, sondern auf Leid. Er will den König leiden sehen. Aber nicht aus Habgier oder Macht, sondern weil er ihm und seiner Familie Land genommen hat. Er hat ihre Existen...