Heroism

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And if you're still breathing, you're the lucky ones. 'Cause most of us are heaving through corrupted lungs.


"Show me a hero and I'll write you a tragedy."- F. Scott Fitzgerald


***


Ich hielt Aimees Hand weitaus länger, als ich mir zunächst eigentlich zugestehen wollte. Aber es ging diese unfassbare Wärme von ihrer Haut aus, gepaart mit etwas, das ich wohl nur als Geborgenheit bezeichnen konnte. Und sie ließ mich.

Sie ließ zu, dass ich unsere klammen Finger miteinander verschlang, ineinander verhedderte, sie verband, wie die Wurzeln eines Baumes mit geweihter Erde.

Vielleicht ließ sie es geschehen, weil ich da draußen wirklich nur knapp dem Erfrieren entronnen war. Meine Fußzehen waren immer noch so taub, dass ich ihre Existenz nicht spürte. Sogar der brennende Schmerz, der nach Wärme verlangte, war irgendwann aus meinen Nervenenden verschwunden. Vielleicht würden sie nie wieder ganz auftauen...

Das Mädchen, das mir schweigend gegenübersaß und dessen Hand ich so verzweifelt umklammerte, schwieg. Ihr Blick war mit dem goldenen Trugbild der niemals schlafenden Stadt verbunden, die an den Fensterscheiben vorbeihuschte. Die Fensterscheiben froren zu, kleine Eiskristalle setzten sich zusammen und formten Netze aus zarten Blumen.

Und wieder konnte ich nicht anders, als sie zu beobachten. - Die Gefühlsregungen, die über ihr Gesicht huschten und sie für mich so lesbar machten, wie ein Buch.

Ein spannendes Buch jedoch, denn sie war wie ein Rätsel, dessen Lösung ich beim besten Willen nicht auf den Grund kam.

Es hatte mich bis jetzt auch nicht wirklich interessiert- das hatte ich mir zumindest eingeredet. Aber sie war wahnsinnig faszinierend in ihrer unverblümten Offenheit. Genauso wie Du faszinierend in Deiner absoluten Verschlossenheit warst.

Plötzlich hob sie den Blick und erwischt mich beim Starren. Ihre Augenbrauen wanderten fragend nach oben und ihre Nase kräuselte sich so entzückend- sie wirkte wie ein Kind. Unendlich jung und rein in ihrem Erstaunen.

Schüchtern wich mir ihr sonst so wacher Beobachterblick aus und ich konnte fühlen, wie mir auf einmal Hitze in die Wangen stieg. Das Gefühl schoss so plötzlich durch meinen Körper und verbreitete sich dort in enormer Geschwindigkeit. Von der Magengrube in die Wangen und direkt in den Kopf- sogar bis in die Fingerspitzen.

Eilig ließ ich ihre Hand los, die nun nutzlos neben ihr auf den Sitz hinabbaumelte.

Es waren Sekunden, in denen ich mich für meine Neugier schämte.

Solange, bis Aimee eine Sache sagte, die solch einen Schock in mir hervorrief, dass ich über die Peinlichkeit meiner vorangegangenen Handlung vergaß.

„Du fürchtest dich nicht vor dem Tod." Und da war er wieder, der Blick, der mich festnagelte.

„Nein.", presste ich hervor- eher aus Reflex. „Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod."

Sie lächelte, als wäre meine Antwort keine Überraschung. „Und du denkst, das macht dich stark? Es macht dich schwach."

Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel bei ihren Worten anhoben. Gegen meinen Willen zwar, doch war es ein trauriges Lächeln, das sich über meine Lippen quälte. „Ich bin nicht Batman, Aimee, spar dir die Zitate."

„Außerdem habe ich Angst.", setzte ich leise hinzu. „Ich habe Angst, schuldig zu sterben."

Sie sah mich aufmerksam an, ihr Blick bohrte sich in mein Inneres, wie die Spitze eines Dolches: „Glaubst du an Gott?"

CloverfieldWo Geschichten leben. Entdecke jetzt