Ihre Augen wurden sofort größer, geschockt starrte sie ihn an. Was hat er gesagt? Analisa?
Sie trat schnell einen Schritt zurück und fragte entsetzt: "Was hast du gesagt?"
Es konnte doch nicht wahr sein, dass er den Namen ihrer Tochter kannte.
Endlich wusste er es. Endlich wusste er, dass es kein Zufall war, dass sie dem Mädchen so ähnelte. Und ihre Reaktion war dem ein Beweis.
"Analisa.", wiederholte er. "Sie war deine Tochter, ja?" Er sah sie erwartungsvoll an und sie senkte den Blick.
Emilia war doch nicht imstande, das Mädchen rauszuwerfen. Er war sich hundert prozentig sicher, dass sie das nicht gekonnt hätte.
"Komm her." Er winkte sie wieder näher zu sich und sie trat ihm unsicher entgegen. Dann legte er die Arme um sie und drückte an sich. Seine Stimme war immer noch sanft, als er weitersprach. "War es dein Mann?"
Sie würde verstehen, dass er das Rauswerfen meinte.
"Er ist nicht mein Mann.", widersprach sie leise.
Wenn er ihn treffen würde, würde er ihn umbringen, da war er sich sicher.
Halt, sprachen sie gerade über Vincent? ER suchte Emilia doch. Oh ja, er würde noch Probleme mit dem Vampir haben.
Sie blickte zu ihm hoch und Tränen standen ihr in den Augen. "Wie geht es ihr? Wo ist sie jetzt? Hattest du sie bei sich aufgenommen? Sie verwandelt?" So viel Hoffnung lag in diesem Gold ihrer Augen, aber auch so viel Trauer.
Er kniff kurz die Augen zusammen und sah sie wieder an. Die Erinnerung tat ihm weh. Doch sie litt gerade viel stärker.
"Ich habe nicht genug um sie gesorgt. Ich hätte mehr tun können.", gestand er. "Ich hätte sie bestimmt retten können."
Die Tränen bahnten sich ihren Weg frei und sie barg ihr Gesicht an seiner Brust. "ICH hätte mehr tun sollen. Ich hätte sie verstecken sollen."
"Weißt du, sie hat mir von dir erzählt.", lächelte er traurig. "Sie meinte, ihre Mama ist wunderschön. Ich sollte dich finden, weißt du. Sie hatte mir auch von ihrem netten Bruder Da...niel erzählt." Er lachte bitter.
Sie hob ihren Kopf und sah ihm tief in die Augen. Die Frage erklang ganz leise. "Was ist?"
"Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte gleich wissen müssen, dass du ihre Mutter bist, als du deinen Sohn erwähnt hattest. Außerdem war sie wie eine Kopie von dir."
Wieder liefen Tränen über ihre Wangen und vermischten sich mit den Regentropfen, von denen nun nur wenige vom Himmel fielen.
"Danke, dass du Analisa zu sich genommen und dich um sie gesorgt hattest. Und... komm mit, ich werde dir Daniel vorstellen. Er brennt schon darauf, dich kennenzulernen." Nun lächelte auch sie und wischte sich verlegen die Tränen weg, weshalb er einen Schritt zurück trat.
"Rufe ihn lieber erstmal an.", schmunzelte er.
"Ja, da hast du recht.", nickte sie.
Sie holte ihr Handy heraus und wählte eine Nummer. "Hallo, Daniel. Wir sind gleich auf dem Weg nach Hause."
"Du und dein Bekannter?", ertönte die listige Stimme ihres Sohnes.
"Ja...", zog sie das Wort unzufrieden in die Länge. "Ich will, dass ihr euch endlich kennenlernt."
"Oh, das ist aber eine höchst überraschende Neuigkeit.", entgegnete der Vampir.
"Daniel!", fuhr sie ihn an.
Schon seit einiger Zeit zog ihr Sohn sie damit auf, dass sie Michael liebte, als dass er einfach nur ihr Bekannter war.
"Verzeih.", lachte er. "Okay, dann kann er sich auch gleich mit Cecile bekannt machen."
"Ist sie jetzt bei dir?", wunderte sie sich. "Stören wir dann nicht?"
"Nein, schaffen wir schon.", antwortete Daniel gelassen.
Sie hörte Cecile kichern und ihn lachen. Dann rief er "Hey!", weil sie ihn höchstwahrscheinlich gehauen hatte.
"Also Daniel!", meinte sie selbst mahnend und lachte mit. "Wie dem auch sei, ihr seid jetzt vorgewarnt. Wir sind in vierzig Minuten da."
"Ist gut.", lachte ihr Sohn weiter.
Sie schaltete einfach aus und schüttelte lächelnd den Kopf.
Michael lachte. "Euer Gespräch klang... recht komisch."
"Seine Freundin ist bei ihm. Also kein Grund zum Wundern." Sie verdrehte die Augen.
"Alles klar.", grinste er.
Sie legte das Handy zurück in die Tasche und sie gingen los.
Heute würde sich das Geheimnis lüften, ob ihr Daniel nun auch die selbe Person war, die er kannte. Es interessierte ihn ja schon seit Längerem.
Emilia schloss die Tür auf und bat ihn rein, sie zogen die Schuhe aus. Auf dem Weg hatte er sich dabei gut amüsiert, als die Vampirin sich aufregte, dass ihre Sandalen doch so schlecht zum Regenwetter passten.
"Daniel!", rief sie. "Hole bitte zwei Badetücher, wir sind pitschnass."
"Mach ich.", wurde zurückgerufen. Die Stimme kam ihm bekannt vor.
"Komm mit ins Wohnzimmer.", winkte ihm Emilia zu und ging vor.
Er tat das. Seine Verwunderung versteckte er nicht einmal. Er stieß ein überraschtes "Wow." aus und lachte leise.
Cecile, die auf den Sofa saß und Tee trank, verschluckte sich. Daniel, der gerade mit zwei Badetüchern aus einem anderen Zimmer kam, blieb erstarrt stehen und lächelte überrascht. Emilia blickte nur zwischen ihnen dreien verständnislos hin und her.
"Na das ist jetzt aber überraschend.", meinte Cecile und stellte ihre Tasse auf dem Tisch vor ihr ab.
"Was du nicht sagst.", stimmte Daniel ihr zu. "Und dass ihr beiden euch auch kennt..."
"Und dass IHR beiden euch auch kennt.", erwiderte Cecile.
"Ich hab es gleich gewusst, dass ihr es seid, die Emilia meint.", sagte nun auch er, zufrieden über sich selbst. "Aber ich wollte es nicht glauben. Meine Güte, so ein Zufall!"
"Was habe ich verpasst?", fragte Emilia verwirrt.
Dass er ausgerechnet SIE getroffen hatte! Sie - wegen der sich Lidia komisch verhielt. Sie - die Mutter von Analisa. Sie - auch Daniels Mutter. Sie - dank der er jetzt wusste, dass zwei seiner alten Freunde jetzt zusammen waren. Und sie - in die er sich gleich verliebt hatte.
Daniel setzte sich wieder in Bewegung und legte den einen Tuch um Emilias Schultern, den zweiten reichte er ihm. Sie schüttelten sich kurz die Hände.
"Michael, darf ich vorstellen: Meine Freundin Cecile und meine Mutter Emilia-Katheryn.", lachte Daniel.
Cecile winkte ihm lächelnd zu. Doch Emilia sah immer noch ratlos umher.
"Wir kennen uns schon.", erklärte er. "Ich war vor fünfunddreißig Jahren in Berlin und habe die beiden kennengelernt. Aber einzeln. Was für ein Wunder, dass wir vier uns alle kennen!" Er warf sich das Tuch um die Schultern und lächelte amüsiert.
"Oh mein Gott.", lachte nun auch Emilia. "Na dann geh ich mal Tee aufstellen."
"Ich weiß was Besseres.", meldete sich Cecile, sprang auf und ging mit ihr in die Küche.
Sollte er Daniel von Vincent erzählen? Das war gerade ein wirklich passender Moment. Also fing er ernst an. "Daniel, ich habe eine Frage." Das Gesicht des Vampirs verdüsterte sich und er bedeutete ihm, sich auf das Sofa zu setzen. Leise fuhr er fort. "Ist ein gewisser Vincent dein Vater?"
"Ja.", stimmte Daniel angespannt und mit verengten Augen zu.
"Dann habe ich eine nützliche Information an dich. Ich hab ihn heute getroffen. Oder besser gesagt hat er mich heute gefunden. Er sucht Emilia. Und ich glaube nicht, dass da irgendwelche guten Absichten drinstecken. Natürlich hab ihm NICHT gesagt, wo sie ist."
"Gut so. Und erzähl meiner Mutter auf keinen Fall was davon."
"Selbstverständlich. Sonst hätte ich es schon gemacht. Ich werde jetzt nicht fragen, was er ihr angetan hatte, aber bei ihm muss man immer auf der Hut sein, oder?"
"Du kannst es dir gar nicht vorstellen.", seufzte Daniel resigniert. "Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast, doch er gilt als schlimmster Vampir Deutschlands. Mit deinen Dreihundert kannst du dich ihm gar nicht entgegenstellen."
"Hach.", schnaubte er.
"Was denn?", fragte sein Bekannter verwirrt.
"Es ist halt nur so: Ich will ihn umbringen."
"Was?! Das soll doch wohl ein Witz sein! Bist du ganz durchgeknallt?! Das ist die unsinnigste Idee, die ich je gehört hab!", stieß Daniel gedämpft aus.
Er griff nach dem Arm des Vampirs und beugte sich mit ernstem Gesicht zu ihm vor. "Hör mal, Daniel. Ich werde Emilia ihm nicht überlassen.", fauchte er. "Und ich will auch nicht, dass sie sich ihr Leben lang verstecken muss."
Wie er selbst., beendete er den Satz in Gedanken.
"Uhhhh...", seufzte der andere erstaunt. "Ich wusste ja gar nicht, dass es so ernst zwischen euch ist."
Er ließ Daniels Arm los und lehnte sich zurück, fuhr sich mit der Hand unruhig durchs Haar. "Du... kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut ich mich bei ihr fühle."
Er mochte es nicht so gern, über seine Gefühle zu reden. Vor allem mit Daniel, da Emilia ja seine Mutter war.
"Doch, Michael, das kann ich mir durchaus vorstellen. Das ist die echte Liebe."
"Liebe?", wiederholte er. "Da ist mehr im Spiel als einfach nur Liebe."
"Ja, du hast Recht. Und ich bin ehrlich gesagt wirklich froh, dass ihr euch getroffen habt. Aber eine Sache. Was ist mit den Dakes? Wenn sie dich finden, musst du wieder weiter. Wirst du meiner Mutter davon erzählen?"
Daran hatte er gar nicht gedacht. Okay, doch, aber nicht wirklich lange. Er wollte Emilia nicht wegen seinem alten Clan verlassen. Er könnte es auch nicht. Und er könnte von ihr auch nicht verlangen, mitzukommen.
"Ich will mir erst gar nicht vorstellen, was passiert, wenn sie mich wieder finden. Aber ja, ich werde Emilia später von meiner Situation berichten."
"Gut. Ich will sie nämlich nicht noch mehr leiden sehen. Und jetzt eine Zusammenfassung: Wir stecken also bis zum Hals in... Problemen, alle, ja?"
Nicht noch mehr leiden sehen, das klang furchtbar. Offensichtlich war das Zusammenleben mit Vincent für Emilia deine Qual.
"Genau. Die Dakes können wir aber zum Glück erstmal außen vor lassen. Sie brauchen immer an die zehn Jahre, um mich zu finden."
Oh ja, was für ein Glück., dachte er voller Ironie. Alles war gerade so verdammt schwer, als ob sich das Schicksal gegen sie entschieden hätte. Aber sein Leben war nie leicht. Und das von Emilia wahrscheinlich ebenfalls.
"So kommen wir zurück zu Vincent.", schlussfolgerte Daniel. "Wie willst du ihn umbringen? Ich und einige meiner Geschwister könnten dir behilflich sein."
Er merkte, dass Daniel Vincent nie Vater nannte. Vielleicht nur in Gegenwart dessen? Offensichtlich wusste Daniel nämlich, wie Emilia unter ihm kleidete. Wie schlimm war Vincent? Nach einem Treff konnte er das schlecht beurteilen, doch die Tatsachen - also Emilias Verhalten und die Bereitschaft Daniels und seiner Geschwister, den Vampir umzubringen - sprachen Bände.
"Ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken.", seufzte er.
"Worüber nachzudenken?", fragte Cecile, die ins Zimmer trat.
Sie trug eine Flasche Wein und einen Teller mit Käse und Schinken, Emilia hinter ihr vier Gläser.
Er hatte die Frauen ja ganz vergessen! Sie könnten ihr Gespräch gehört haben: erstens hatten Daniel und er nicht so leise gesprochen und zweitens besaßen Emilia und Cecile das gute Vampirgehör. Doch offensichtlich und zu seinem Wohle war es nicht der Fall.
"Nicht wichtig.", lenkte er ab.
Die Vampirinnen platzierten alles auf dem Tisch und setzten sich zwischen Daniel und ihn auf das Ecksofa.
"Ja, ja. Ich kenn dich, Michael, du Heimlichtuer.", entgegnete Cecile.
"Ist wirklich nichts Wichtiges.", pflichtete ihm Daniel bei, entkorkte die Flasche und füllte jedes Glas mit rotem Wein.
"Daniel ist genauso.", richtete sich Emilia an Cecile und winkte ab.
Nun nahmen alle ihre Gläser und hoben sie.
"Nun...", fing Cecile an. "Auf dass wir hier alle schön zusammenkommen."
Emilia neben ihm wurde leicht rot und lächelte verlegen, Cecile grinste glücklich, er und Daniel tauschten kurz besorgte Blicke aus.
Wenn es nur so leicht zu erfüllen wäre., seufzte er innerlich. Er wünschte sich wirklich, dass alles glatt lief, doch das Leben war nicht einfach. Und jetzt hielt sich auch Vincent in der Stadt auf. Noch eine Sache, die er vor Emilia geheim halten musste. Er wollte, dass zumindest sie glücklich war.
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Das Leben ist kein Märchen
RomanceZwei Leute verbunden durchs Schicksal. Beide ungewollt verwandelt. Mit einer schweren Vergangenheit. Und einer nicht leichteren Zukunft. Aber... durch zufällige Ereignisse... treffen sie aufeinander. «"Du... kannst dir nicht vorstellen, wie gut ich...
