"Boah, Michael, du bist einfach unerträglich!", stöhnte Lidia genervt auf, nachdem er ihr langes Reden abermals nur mit einem stummen Nicken kommentierte.
"Was hab ich denn wieder gemacht?", fragte er empört und verdrehte die Augen.
"Nichts. Einfach nur nichts! Geh weg." Sie winkte ihn ab.
Er stand auf und ging widerstandslos los. Aber wenn er die Erinnerungen zurückrief, musste er ihr Recht geben. In den letzten Jahren verhielt er sich einfach nur willen- und gefühllos. Jedoch, warum sollte er sich verändern? Für wen? Seine 'Kinder' waren schon lange nicht mehr in Gefahr und Emilia durfte er weder sehen, noch anrufen. Für wen sollte er es dann tun? Für Lidia? Sehr witzig.
"Nein, Michael, ich meine, ganz weg!", rief ihm die Vampirin hinterher. "Verzieh dich zu deiner Emilia!"
Er stockte mitten in der Bewegung und drehte sich langsam zu ihr um. "Was hast du gesagt?, fragte er ungläubig nach.
"Geh zu deiner Emilia! Ich halte dich hier nicht mehr aus!"
Er blinzelte sie zweimal an. Es konnte doch nicht wirklich ihr Ernst sein.
"GEH!", schrie sie und schmiss ein Kissen von ihrem Sofa nach ihm.
Bei der Vorstellung, wieder in Berlin zu sein und Emilia wiederzusehen, glitzerten seine Augen vor Vorfreude auf. Er fing das Kissen und schmiss es zurück auf die Couch.
"Du entlässt mich also aus dem Clan?", brachte er verwundert heraus.
"Hast du es denn noch nicht kapiert? Und jetzt los, verschwinde! Und ja, ruf mich ab und zu doch mal an.", lächelte sie.
"Danke.", lächelte er zurück, drehte sich um und verließ Lidias Büro.
Zwar würde er Emilia höchstwahrscheinlich nicht ansprechen, sondern sie nur heimlich beobachten, doch auch darauf freute er sich schon mächtig. Aber er konnte ja schlecht zu ihr gehen, nachdem er so mit ihr schlussgemacht hatte. Doch dafür war sie jetzt in Sicherheit. Sie alle waren in Sicherheit.
Wieder war ein langweiliger Arbeitstag vergangen. Wieder kam sie zurück in diese Wohnung, die nicht ihr gehörte, die sie aber hier nicht leerstehend zurücklassen konnte. Sie öffnete die Schlafzimmertür, doch als Erinnerungen wie jeden Abend in ihr hochstiegen, knallte sie sie wieder zu. Sie nahm das Buch vom Chouchtisch und ging damit auf den Balkon. Eine ganze Drei-Zimmer-Wohnung in Hohenschönhausen für sie allein. Jeden Abend rief sie die Hoffnungen zurück. Hier hätte sie mit Michael wohnen können. Zusammen mit ihrem Kind. Sie hätte die Zwillinge zurückgeholt und vielleicht auch noch Michaels jüngstes Kind hierher gebracht.
Wie jeden Abend trauerte sie über die verlorene Zukunft. Doch wie jeden Abend verlor sie keine einzige Träne. Morgen würde der Abend endlich anders vergehen.
- - -
Nach drei Jahren hatte sie wieder ein Date. Ihr Bekannter hatte darauf bestanden. Er arbeitete im gleichen Büro wie sie und war ebenfalls ein Vampir. Er hieß Leon und war vom Aussehen her das Gegenteil von Michael. Seine leichten braun-blonden Locken waren im Stil Undercut frisiert und die Augenfarbe konnte sich zwischen grün und braun nicht entscheiden. Er war nur etwas größer als sie selbst und man konnte auch weniger Muskeln als bei Michael erkennen. Aber er war wirklich nett. Doch für ihn empfand sie keinerlei Gefühle, sie mochte ihn nur.
Er hatte zwei Tickets für ein Konzert besorgt. Eine kleine, beinahe unbekannte Gruppe, die sie beide aber gern hörten.
Der Konzert war wirklich gut und es machte ihr viel Spaß, dort zu sein. Nach langer Zeit amüsierte sie sich endlich wieder. Bis das passierte...
Mitten im Konzert, als sie zu Leon blickte, wich ihr alle Farbe aus dem Gesicht und sie erstarrte entsetzt. Er war da, hinten in der Ecke. Er war wieder da und blickte sie pausenlos an, mit Traurigkeit und Wut und... noch etwas anderem in den Augen.
"Michael...", flüsterte sie heiser und spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten.
Sofort verlor der Konzert seinen Sinn und die Heiterkeit entwich ihr. Was wollte er hier? Warum war er gekommen? Um ihren Abend zu ruinieren? Am liebsten würde sie ihm jetzt den Hals umdrehen. Oder sich ihm um diesen Hals werfen.
Oder irrte sie sich? War es vielleicht doch nicht er? War es vielleicht jemand, der ihm nur ähnelte? Oder bildete sie sich ihn gar nur ein? Ja, das musste es sein. Es war nur eine Einbildung. Wenn sie sich jetzt abwendet, würde er ganz sicher einfach verschwinden.
Sie spürte, wie Leon nach ihrem Arm griff und sie durch die Menge nach draußen zog. Erst als die kühle Luft sie erreichte, war sie wieder richtig bei Sinnen.
Der Vampir sah sie besorgt an. "Emilia, geht es dir nicht gut? Ist dir schwindelig, übel?"
"Ich... Es ist... Nein, es ist alles gut." Sie schaute zu Boden. "Es tut mir leid, ich würde jetzt lieber nach Hause fahren."
"Ist schon in Ordnung. Komm mit zum Auto."
Sie gingen nebeneinander her und er versuchte ein Mal, ihre Hand in die Seine zu nehmen, doch sie gestattete es nicht. Als sie sich dann auf den Beifahrersitz setzte, sie beide die Türen schlossen und er das Auto startete, blickte sie noch einmal aus dem Fester. Sie hatte wirklich das Gefühl, als ob Michael ihnen hinterher gegangen war. Als ob er sie beobachtete. Ihr kribbelte überall die Haut. Doch da war niemand.
"Warte, kannst du mich bei meinem Sohn absetzen?", bat sie Leon. "Ich werde dir die Adresse diktieren."
- - -
"Du hast was?!", stieß Daniel ungläubig aus, nachdem sie ihm und Cecile von ihrer 'Einbildung' erzählt hatte.
Auf dem Weg hatte sie ihn angerufen und Bescheid gesagt, dass sie bald kommen würde, womit sie sowohl ihn, als auch seine Frau geweckt hatte.
"Bist du dir sicher?", fragte Cecile ebenfalls nicht überzeugt.
"Natürlich bin ich mir NICHT sicher.", warf sie missbilligend ein. "Wie kann ich mir da schon sicher sein? Er hatte mich verlassen!"
Bei diesen Worten senkte Daniel den Blick und auch Cecile sah zur Seite. Wussten sie etwas darüber, was sie nicht wusste? Sie hatte diese Reaktion nämlich schon oft gesehen.
Dann schnappte sich ihr Sohn sein Handy vom Tisch und stand auf. "Ich komme gleich zurück."
Mit diesen Worten verließ er zuerst das Wohnzimmer und dann die Wohnung.
"Cecile?", unterbrach sie hoffnungsvoll das belastende Schweigen.
Sie würde ihr doch erzählen, was los war, oder?
"Emilia, bitte -"
Die Rede der Vampirin wurde vom Weinen unterbrochen und sie eilte mit einem leisen Tut-mir-leid ins Nebenzimmer zu ihrem halbjährigen Kind.
Auf dem Weg zum Hotel klingelte sein nun wieder angeschaltetes Handy. Zuerst merkte er es gar nicht, weil er so sehr in Gedanken verloren war. Emilia war mit jemandem ausgegangen. Und sie hatte ihn gesehen. Was hatte sie wohl in diesem Moment gespürt, gefühlt? Er hatte einen schrecklichen Drang gehabt, zu ihr zu gehen und sie wie früher in die Arme zu nehmen, sie liebevoll zu küssen, sodass die ganze Welt nichts wert war. Empfand sie immer noch etwas für ihn? Oder jetzt nicht mehr? Liebte sie jetzt vielleicht diesen anderen Vampir? Obwohl... Sie hatten nicht einmal eine Berührung ausgetauscht. Emilia, besser gesagt. Emilia... Er hatte sich die ganze Zeit so sehr nach ihr gesehnt. Er wäre jetzt so gern bei ihr. Aber was fühlte sie? War jetzt der andere für sie der Wichtigste in der ganzen Welt? War er selbst ihr nichts mehr wert? Wie gern er sie doch zumindest angesprochen hätte...
Nun drang der Klingelton doch zu ihm durch. Er holte schnell das Handy aus der Hosentasche und nahm ab, ohne darauf zu achten, wer anrief. "Ja?"
"Michael, meine Güte! Was zum Teufel machst du in Berlin?", erklang es ohrenbetäubend vom anderen Ende der Leitung.
"Hallo Daniel..." entgegnete er ausweichend und verlangsamte seinen Schritt. "Fuck ey, Emilia hat euch alles erzählt, wahr...?", fügte er immer noch zögerlich hinzu.
"Ach du Scheiße, dann stimmt es also wirklich.", raunte Daniel. "Was hast du hier verloren?"
Diesmal erklang die Frage wirklich wie eine Frage und nicht mehr wie eine Beschuldigung.
"Lidia hatte es satt von mir. Daniel, ich bin wieder frei."
Eine Weile hing Schweigen über ihnen, doch schließlich sprach sein Gegenüber.
"Das ist zwar schön, aber... Wie willst du alles wieder gut machen? Es ist solches passiert..."
Daniel unterbrach sich selbst und sagte wieder kein Wort. Worüber hatte er geredet? War Emilia jetzt wirklich mit diesem anderen Vampir zusammen?
"Was war passiert?", fragte er ganz langsam.
"Ehm... Ich zeige es dir morgen, ja? Ich erwarte dich um sieben Uhr abends bei mir."
"Gut. Dann gute Nacht."
"Ebenfalls. Und... Michael."
"Ja?"
"Sie liebt dich immer noch.", sagte Daniel ernst und schaltete ab.
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Das Leben ist kein Märchen
RomantikZwei Leute verbunden durchs Schicksal. Beide ungewollt verwandelt. Mit einer schweren Vergangenheit. Und einer nicht leichteren Zukunft. Aber... durch zufällige Ereignisse... treffen sie aufeinander. «"Du... kannst dir nicht vorstellen, wie gut ich...
