5 - Leonardo Bittencourt (Part 1)

1.7K 29 1
                                        

"Weihnachtszeit - Freudenzeit", schallte es aus einem Lautsprecher zu meiner Rechten. Pah, Freudenzeit dachte ich mir.

Mit schnellen Schritten stapfte ich durch den Schnee, Hände in den Taschen, einen dicken Schal um den Hals gewickelt und meine Schlumpfmütze tief in die Stirn gezogen um mich wenigstens ein bisschen vor dem Schnee zu schützen.

 Wie idiotisch von meiner Mutter, das ich ausgerechnet jetzt noch die letzten Weihnachtseinkäufe machen musste. Sie hätte doch einfach schnell mit dem Auto fahren können aber nein, sie musste ja mit Kurt, ihrem neuen Freund und meiner kleinen Schwester den Tannenbaum schmücken. Schön, dass mich keiner fragte ob ich dazu nicht auch Lust hätte.

 "Was ist dir denn über die Leber gelaufen ?", vernahm ich da auf einmal eine Stimme neben mir. Überrascht blickte ich auf und sah direkt in..."Leo !", rief ich lachend und fiel ihm in die Arme. "Hey, Kleine !", nuschelte er in mein Ohr. "Ich dachte du wärst in Hannover !", sagte ich leicht betrübt. Jetzt war es schon beinahe ein halbes Jahr seit seinem Wechsel und ich hatte ihn wirklich vermisst. "Na ja, also...", verlegen legte er sich eine Hand in den Nacken. "Ich dachte mir Weihnachten muss ich hier feiern.". Ich musste grinsen als er das sagte und auch seine Mundwinkel rutschten ein Stück weit nach oben. "Und wie genau hast du dir das vorgestellt ?", hakte ich dann doch etwas mehr nach. "Also ich dachte wir machen uns einen gemütlichen Abend.", "Wir ?", fragte ich, etwas verwirrt. "Ja, du, ich, Marco, Mario und Moritz ist auch schon auf dem Weg", erklärte er gespannt. "Aber was wenn ich heute Abend gar keine Zeit habe ?!", fragte ich. Zugegebenermaßen...ein bisschen fies sein konnte nicht Schaden, jedoch zeichnete sich auf meinem Gesicht fast sofort ein schelmisches Lächeln ab, welches die Härte aus meinen Worten nahm. "Ach komm schon, willst du etwa wirklich bei deiner Mutter und Kurt bleiben ?", "Nein, aber...", ich zog die Worte extra in die Länge, "Ich denke ich muss zuerst meine Mutter fragen." "Ach Emma, du bist inzwischen 18, ich denke da darfst du selbst entscheiden, was du tust !". Ich musste lachen, Leo kaufte es mir auch wirklich jedes Mal ab, "Leo, du darfst mir auch nicht alles glauben !", "Du kommst also ?", fragte er freudestrahlend. Ich nickte lachend. "Aber vorher muss ich noch nach Hause die Einkäufe abliefern und mich umziehen.", ich deutete auf die Tüten, welche um mein Handgelenk baumelten. "Aber du kommst ?!", Leo sah mich nachdrücklich an. "Jaa !", antwortete ich leicht genervt. "Hast du Lust mitzukommen ?", fragte ich dann aber doch versöhnlich. Leo nickte lächelnd.

Langsam setzten wir uns in Bewegung. Die Schneeflocken tanzten um uns herum und ich vergrub mein Gesicht wieder tiefer im Schal um es vor dem beißenden Wind zu schützen. Plötzlich rief ich fluchend "Sh**!", "Was ist ?", Leo sah mich besorgt an. "Jetzt hab gar kein Weihnachtsgeschenk für dich.", schuldbewusst sah ich ihn an. Natürlich war Leo mein bester Freund, aber da ich nicht damit gerechnet hatte ihn heute zu sehen, hatte ich sein Geschenk erst vorgestern bestellt. "Ach, das macht doch nichts !", versuchte Leo die Situation zu entschärfen. "Doch, Leo, das macht was ! Es ist nicht richtig, dass ich kein Geschenk für dich habe, schließlich bist du mein Bester Freund !", nachdenklich sah ich ihn an, schließlich drückte ich ihm bestimmend die Tüten in die Hand. "Hier, du weißt ja, wo es lang geht ! Ich mach noch einen kurzen Umweg.", Leo sah mich fragend an sagte aber nichts weiter. Er nickte nur und setzte sich in Bewegung. Ich schaute ihm nicht lange hinterher sondern wandte mich in die entgegengesetzte Richtung und lief somit wieder in die Stadt.

Als ich schließlich Zuhause ankam fand ich einen unglücklich dreinschauenden Leo vor. Schnell warf ich die kleine Tüte in die Ecke und eilte ins Wohnzimmer. "Du hast wirklich nicht übertrieben, was deine Eltern betrifft !", flüsterte er mir zu. Gerade so laut, dass ich es hören konnte. Mit erhobenen Augenbrauen sah ich an. "Leooo ?! Kannst du mich hochheben ?", unterbrach uns meine kleine Schwester, die den großen Stern in der Hand hielt, wessen Platz schon immer die Spitze gewesen ist. "Natürlich !", mit einem Lächeln wand sich Leo ihr zu. Er griff ihr unter die Achseln und ihr entwich ein leises Quieken als Leo sie abrupt hochhob. Ich erwischte mich dabei wie ich die beiden verträumt musterte. "Emma Schatz, was fällt dir eigentlich ein, den armen Leo ganz alleine mit all den Einkäufen laufen zu lassen.", ich zuckte erschrocken zusammen. Wie konnte man bloß Emma Schatz und Schimpfe in einem Satz verbinden ? "Aber...aber", stammelte ich. Zu erklären, dass ich Leos Geschenk noch abgeholt hatte, würde meine Mutter wohl kaum besänftigen. "Zum Glück ist er ja heile hier angekommen. Eine weitere helfende Hand beim Tannenbaumschmücken konnten wir gut gebrauchen. Schließlich hat Kurt sich leider den Haken einer Kugel in die Hand gehauen.", fuhr sie mit bekümmertem Blick fort, was ich von mir nicht behaupten konnte. Auf Leos warnenden Blick hin schluckte ich mein bissiges Kommentar herunter und wandte mich mit einem "Ich zieh mich eben um", um und lief in mein Zimmer.

One ShotsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt