Kapitel 10

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Lian

Innerlich schrie ich und sprang wie eine verrückte umher, äußerlich ging ich Händchenhaltend durch die Stadt mit Noel. Mein Kopf wollte es immer noch nicht begreifen und selbst ich konnte es kaum glauben. Ich ließ den Film immer und immer wieder vor meinen Augen abspielen, jede einzelne Sekunde und trotzdem wollte es nicht in meinen Kopf. Ich, Lian Wolfe, hatte eben in einer engen Umkleidekabine mit Noel herumgeknutscht. Ein Kichern schwoll aus meinem Bauch heraus, zu meiner Kehle und drohte herauszubrechen, ich unterdrückte es gerade noch so. Schließlich sollte er mich nicht für völlig verrückt halten.
Ich spürte noch immer den Druck seiner Lippen auf meinen, seine Zunge die meiner schmeichelte und seinen Geschmack hatte ich noch immer im Mund. Noel schmeckte nach Schokolade und einen hauch von Kaffee. Ich hatte mich in der Umkleidekabine zusammenreißen müssen, sonst hätte ich ihn wieder geküsst und das immer und immer wieder. Es war einfach ein tolles Gefühl. Besonders gefallen hatte es mir als seine Hände unter mein Kleid glitten und er mich mit einem knurren hochhob. Seine warmen, weichen Hände auf meinen Hintern und nur so wenig Stoff der uns noch voneinander trennte. Ich zitterte vor verlangen, als ich daran wieder dachte.
Ich hatte mir vorher nie wirklich Gedanken um Jungs und Sex gemacht, aber jetzt schlichen sich die Gedanken in meinen Kopf und begannen dort Wurzeln zu schlagen.
Dabei kannte ich Noel erst seit gestern und knutschte schon wild mit ihm herum, ging das nicht vielleicht doch etwas zu schnell?
Verstohlen musterte ich ihn von der Seite. Er sah schon sehr gut aus, er konnte gut küssen und war unheimlich nett. Noel konnte mein Neuanfang sein den ich dringend brauchte, ich musste ja nichts machen was ich nicht auch wollte. Also Augen zu und durch. Und es hatte mir sehr gefallen, ich wollte mehr, er machte süchtig.
Es war schon ein großer Schritt einen Jungen mit in das Restaurant zu nehmen, wo ich sonst immer nur mit meiner Schwester war. Das hier hieß für mich schon etwas. Ich war ja normalerweise eher schüchtern und zurückhaltend, machte nie solche großen Sprünge oder überhaupt erste Schritte. Aber dieses mal hatte ich es getan und es fühlte sich gut an, frei und beflügelt, so als ob ich alles schaffen könnte wenn ich nur wirklich wollte. Noch genauer konnte ich das ganze einfach nicht beschreiben, aber eins wusste ich ganz genau. Ich mochte das Gefühl seiner Lippen auf meinen, seine Zunge in meinem Mund und seine Hände auf meinem Körper, die mich erkundeten. Bei dem Gedanken wurde mir ganz heiß und meine Wangen brannten. Hoffentlich sah mir niemand an was ich gerade dachte.
Wir kamen vor dem Lokal an, dem „Lotus". Ich war seitdem Unfall nicht mehr hier gewesen. Ich starrte die Tür an, Kälte Schauer ließen mich erzittern, meine Brust schnürte sich zu, sodass ich kaum noch Luft bekam und meine Beine fühlten sich wie Blei an. War ich hier für wirklich schon bereit? Ich musste es sein, ich konnte nicht ewig alles meiden.
Mit großen, schwankenden Schritten ging ich durch die Eingangstür, die Glocke klingelte und kündigte neue Gäste an. Drinnen angekommen entwich mir mein angehaltener Atem, mein Herz wummerte in meiner Brust und mir war ein wenig schlecht. Aber ich hatte es geschafft und nur das zählte für mich.
Ich drehte mich zu Noel um, der wohl nichts von meinem Inneren Kampf mitbekommen hatte. Gut so. „So da sind wir." Ich breitete meine Arme aus und zeigte auf das Reich hinter mir. „Das hier ist das „Lotus", meine Schwester und ich haben es mal durch einen Zufall gefunden und es zu unserem Lieblingslokal gemacht."
Bei der Erinnerung musste ich einfach lächeln, Luna und ich hatten uns verlaufen nachdem wir neu in den Stadtteil gezogen waren und jeder von uns wollte in eine anderen Richtung. Also beschlossen wir das jeder seinen eigenen Weg gehen sollte, das taten wir dann auch, was wir aber nicht wussten war das die Straßen uns wieder zusammen führen würden und so trafen wir uns vor dem „Lotus" wieder. Danach kamen wir immer öfters wieder hier her, irgendwann wurde es zu unserem ganz persönlichen Treffpunkt.
In solchen Zeiten vermisste ich Luna schrecklich, vielleicht würde Noel mein neuer Mittelpunkt werden. Wer weiß.
Wir bekamen einen Tisch für zwei am Fenster, die Lieblingsplätze von Luna und mir und bestellten gleich etwas zutrinken. Cola für Noel und für mich ein Wassser. „Ich habe gestern schon etwas über dich und deine Schwester gehört, doch das konnte ich nicht so recht glauben das von dir die Rede war." Bestimmt hatte Sina wieder nur Mist erzählt, wie sonst auch, Hauptsache sie stand gut da. Ich verdrehte die Augen. „Sina erzählt viel wenn der Tag lang ist, du darfst ihr nicht alles glauben." Er nickte. „Das habe ich mir schon gedacht, sie ist ein sehr einnehmendes Wesen." Ja wenn man es noch höflich ausdrückte, eigentlich war sie eine dumme Kuh. „Meine Mutter und meine Zwillingsschwester Luna sind im Frühjahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen, mein Vater ist gefahren und hat den Unfall nur ganz knapp überlebt. Ich hätte an diesem Tag auch mit im Auto sitzen sollen, doch ich hatte mich nicht sonderlich gut gefühlt und mit viel zureden ist meine Familie dann ohne mich los gefahren. Ich mache mir immer wieder vorwürfe, ich hätte mit in dem Auto sitzen sollen oder ich hätte sie nicht überreden sollen zu fahren. Es ist alles meine Schuld, ich habe meine Mutter und meine beste Freundin auf dem Gewissen." Schnell trank ich einen Schluck von meinem Wasser und kniff die Augen zusammen, damit ich nicht anfing zu weinen. Noel nahm meine Hand in seine und drückte meine leicht. „So darfst du nicht denken Lian, es war nicht deine Schuld du hättest nichts tun oder verändern können. Stell dir vor du wärst mitgefahren, dann wärst du vielleicht jetzt auch tot und wir hätten uns nie kennengelernt." Ja er hatte irgendwo auch recht, aber trotzdem änderte es nicht viel, dadurch fühlte ich mich nicht wirklich besser. „Weißt du meine Schwester Luna fehlt mir sehr, sie war mehr als nur eine Schwester, sie war auch meine beste Freundin auf der ganzen Welt, wir haben alles zusammen gemacht. Wir haben im selben Zimmer geschlafen, haben die selben Sachen getragen, wir mochten einfach immer das selbe und waren so gut wie immer einer Meinung. Uns gab es immer nur im Doppelgespann egal was wir taten, so rutschten wir auch in Sina's Clique. Jeder wollte mir einem Zwilling befreundet sein, doch Sina wollte immer die Aufmerksamkeit nur für sich selbst haben und hat uns somit kurzerhand einfach ausgeschlossen. Dann hat sie Geschichten herumerzählt die gar nicht stimmten und uns wie Volltrottel aussehen ließen, doch das war uns egal wir hatten ja schließlich einander. Doch seitdem Unfall habe ich niemanden mehr und fühle mich so alleine, kaum einer versteht das und deswegen bin ich für alle die Verrückte." Nach meiner kleinen Geschichte gewannen die Tränen doch die Oberhand und ich wischte sie mir unauffällig mit der Serviette weg. „Klar habe ich noch Ben und meinen Vater, so mehr oder weniger, doch das ist absolut nicht das Selbe. Das macht mich noch kaputt." „Jetzt hast du ja mich." Noel küsste meine Fingerknöchel und schenkte mir ein entwaffnendes Lächeln zu, bei dem ich einfach dahin schmolz. Ich lächelte zurück, es sah bestimmt mehr nach einer Grimasse aus, doch das war egal.
Die Kellnerin kam wieder an unseren Tisch herangetreten und blickte uns erwartungsvoll an. „Wisst ihr schon was ihr bestellen wollt?" Sie zückte Stift und Block, sowie ich es auch immer tat, bereit unsere Bestellung aufzunehmen. Noel nahm ein Pilzrisotto und ich die Lasagne, unser Lieblingsessen. Sie notierte sich alles und warf dabei immer wieder schmachtende Blicke zu Noel, dabei sabberte sie ihn fast voll. Genervt verdrehte ich die Augen und biss mir auf die Wange, sonst würde ich noch etwas sagen. Endlich dampfte sie ab. „Ich glaube die Kellnerin mag dich ein bisschen zu sehr." Ich knirschte mit den Zähnen und warf einen Blick über meine Schulter. Da stand sie unschuldig hinter der Theke und befüllte Gläser. „Da habe ich gar nicht so genau drauf geachtet, ich habe hier nämlich eine wunderschöne, junge Dame vor mir Sitzen, für die ich nur Augen habe." Mit offenem Mund starrte ich ihn an. Meinte er das wirklich ernst? „Danke.", nuschelte ich. Dann saßen wir uns einfach nur gegenüber, sagten nichts und sahen uns einfach nur in die Augen. Es war als ob wir uns schon ewig kannten und wir uns so verständigen konnten. Das war wirklich schön.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Kellnerin zurück an unseren Tisch und stellte unser Essen vor uns ab, dabei rückte sie Noel extrem auf die Pelle. Kicherte kokett, drückte ihm etwas in seine Hand und stolzierte wieder von dannen. „Ist es echt das was ich denke?" Noel öffnete seine Hand und zum Vorschein kam ein kleiner Zettel. „Jap, sie hat mir ihre Nummer gegeben." Die war doch echt dreist, zumal er mit mir hier war und sie echt die Frechheit besaß ihm ihre Nummer zu geben. Ich drehte mich erneut zu ihr um und funkelte sie, aus zusammen gekniffenen Augen, böse an, doch sie grinste mich nur frech an.Blöde Kuh. Ich schnaubte nicht sehr damenhaft vor mich hin. „Ist alles okay?" Noel runzelte verwirrt seine Stirn und schaute mich an. Nein! „Ja. Ja alles bestens.", zischte ich durch zusammengebissenen Zähnen, setzte mein bestes falsche Lächeln auf und stach auf meine Lasagne ein. Eifersucht machte sich in mir breit, umklammerte mein Herz und schnürte meine Lungen zusammen, sodass ich kaum noch Luft bekam.
Am liebsten wäre ich zu ihr hingegangen und hätte ich welche gezimmert. Ich hätte ihr schon dieses dämliche Grinsen vom Gesicht gewischt. Meine Hände Balten sich zu Fäusten und ich verbog fast meine Gabel. „Bist du dir wirklich sicher? Du siehst so wütend aus, habe ich vielleicht etwas falsch gemacht?" Jetzt war Noel komplett verunsichert und das sah man ihm an. Toll gemacht Lian. „Es ist wirklich alles gut, Du hast nichts falsch gemacht." Eher die blöde Kuh da hinterm Tresen. Doch das sagte ich nicht laut. Dafür drehte ich mich noch einmal zu ihr herum und streckte ihr meine Zunge heraus, jetzt fühlte ich mich ein bisschen besser. „Was machst du morgen so?", versuchte ich das Thema zu wechseln. „Ich werde meine Hausaufgaben machen und dann mal schauen. Du?" „Auch Hausaufgaben machen, dann vielleicht Ben noch wenig helfen und dann auch mal schauen. Heute Abend werde ich auf jeden Fall noch die neuen Klamotten waschen."
Wir redeten noch eine ganze Weile, aßen und lachten. Ich hatte dieses Geschäft vermisst und auch die Gesellschaft dazu. Ab jetzt würde ich wieder öfters hier her kommen. Luna hätte das auf jeden Fall so gewollt, da war ich mir sicher.

Viel zu schnell kam der Aufbruch und wir verließen das „Lotus" wieder und gingen Richtung „Schlüssel 17", vor der Eingangstür übergab mir Noel meine Einkaufstüten. „Danke nochmals fürs tragen und das du mich nach Hause gebracht hast." „Nein ich habe zu danken das du mir ein wenig die Stadt gezeigt hast, das du mir ein wenig mehr über dich erzählt hast und das wir zusammen essen waren. Vielleicht können wir das irgendwann mal wiederholen, natürlich nur wenn du Lust dazu hast." Als Antwort lächelte ich ihn breit an. Das wäre wunderbar, ich hatte das Essen mit ihm auch sehr genossen und würde es auch gerne wiederholen.
Noel griff in seine Tasche und holte den Zettel von der Kellnerin aus der Tasche, drehte ihn um und schreib etwas anderes darauf. Dann gab er ihn mir. „Jetzt hast du meine Nummer, schreib mir wann immer du Lust dazu hast." „Danke.", hauchte ich nur und nahm mit zittrigen Fingern den Zettel entgegen. Drückte mir das kleine Stück Papier an meine Brust, so als ob es mein Rettungsanker wäre.
Dann hob Noel seine Hand zum Abschied und drehte sich um, Blitzschnell schoss meine Hand vor und umfasste sein Handgelenk. Ich wusste selbst noch nicht so ganz genau was ich da eigentlich tat, aber ein zurück gab es nicht mehr. Ich drehte ihn wieder zu mir herum, er blickte mich irretiert an. Mein Herz mir bis zum Hals und ich hätte fast doch noch einen Rückzieher gemacht. „Was....?", wollte er noch fragen, doch da hatte ich ihm schon erneut meine Lippen auf seine gedrückt. Kurz versteifte er sich, doch dann stöhnte er in meinen Mund und zog mich an sich. Ich vergrub meine Hände wieder in seinen Haaren, sie waren so weich und ich musste einfach hinein fassen, seine Hände wanderten an meinem Rücken hinab zu meinem Hintern. Meine Pobacken passten genau in seine Hände und er knetete sie leicht, jetzt war ich diejenige die in seinen Mund stöhnte.
Schwer atmend löste ich mich von ihm. „Danke.", hauchte ich ihm nochmal schnell entgegen. Dann drückte ich Noel noch einen schnellen Kuss auf die Lippen, stürmte zur Tür und ins Haus. Schloss sie hinter mir und rutschte an der Tür hinab auf den Boden. Dort saß ich solange bis sich mein Herzschlag wieder beruhigt hatte, mein Grinsen aber blieb breit auf meinem Gesicht. Morgen würde ich Muskelkater vom vielen Lächeln haben, doch das war es mir wert. Ich strich mir über meine Lippen und schmeckte ihn noch immer in meinem Mund. Es war so berauschend, ich war so süchtig nach Noel und freute mich schon darauf ihn am Montag wieder zu sehen. Ob er sich wohl genau so sehr freute, wie ich es tat? Ich hoffte es sehr. „Warum hockst du da unten auf dem Boden?" Vor lauter Schreck zuckte ich so zusammen, das ich mir meinen Kopf an der Tür anschlug. Ich rieb mir die schmerzende Stelle, stand auf und schaute Ben böse an. Er hatte echt immer ein Timing drauf, schrecklich, die Glocke wäre doch eine sehr gute Idee. „Mensch Ben du sollst mich doch nicht immer so erschrecken, irgendwann erleide ich deinetwegen noch einen Herzinfarkt und das möchte schließlich keiner. Ich werde mit den Jungs unten aus der Küche sprechen und dann besorgen wir dir echt ein Glöckchen für deinen Hals, so etwas möchte man keinem zumuten. Du bist echt eine Gefahr für andere Leute." Zu Demonstrationszwecken legte ich mir meine Hand auf mein wild klopfendes Herz. Ich musste mir das Lachen verkneifen. „Ich bin viel älter als du junge Dame und somit würde ich eher einen Herzanfall bekommen als du, also erzähl keinen Quatsch." Spielerisch tadelte mich Ben mit seinem Zeigefinger, dann fingen wir beide an zu lachen. „Wer war eigentlich der junge Mann eben, der dich nach Hause gebracht hat? Den habe ich gestern schon unten im Laden gesehen, er hat dich ziemlich oft beobachtet und du ihn auch." Meine Wangen färbten sich rot. Ben bekam ja doch mehr mit als er zugab. Schnell griff ich nach meinen Tüten, damit er meine heißen Wangen nicht sah. „Noel ist neu an unserer Schule, wir haben uns zufällig in der Stadt getroffen und da habe ich ihm ein bisschen was gezeigt." Ein bisschen was war gut, wir hatten wild in der Umkleide geknutscht, wir wären uns fast an die Wäsche gegangen. Doch das erzählte ich Ben lieber nicht, nicht das er nachher wirklich noch einen Herzinfarkt bekam und das wollte ich natürlich auf keinen Fall. „Freut mich das du wieder mehr Anschluss findest und hast du etwas schönes gefunden?" Ich hielt meine Taschen hoch. „Allerdings, die werde ich gleich mal waschen gehen. Wir sehen uns dann später." Schnell packte ich meine Tüten, bevor Ben das Verhör weiter fortführte und rannte in mein Zimmer. Dort angekommen schaltete ich das Radio ein, das neue Lied von Katy Perry. Ich drehte auf volle Lautstärke, stopfte die Kleidung in die Waschmaschine und ich stieg unter die Dusche, dort sang ich lauthals mit. Ich hatte endlich mal wieder Spaß und Freude am Leben und das alles nur dank Noel. Ich würde ihm dafür bald danken. Ich mochte ihn sehr und die Gefühle die er in mir auslöste mochte ich auch sehr.

Verwunschene LiebeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt