Fünfzehnte Scherbe

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Es war dunkel, als sie nach Luft schnappend erwachte.
Sie öffnete ihre Augen nicht, aber sie wusste es, weil sie die Dunkelheit neben sich atmen hörte.
Sie atmete im Takt der Nachtluft, die zum Fenster hereinwehte,
und im Rhythmus ihres trommelnden Herzens, das sich verzweifelt gegen die Rippen warf.
Es war wie Rennen, wie weglaufen, ein tödlicher Wettlauf gegen einen unsichtbaren Feind.
Konnte ein Herz flüchten, wenn der Körper sich nicht bewegte?
Ihr Herz floh so schnell vor der Dunkelheit, dass es sich fast wie Verrat anfühlte, so allein zurückgelassen zu werden.
Die Stille war auch im Zimmer, das Mädchen konnte sie hören.
Und anders als die Dunkelheit atmete diese Stille nicht, sie schrie.
Sie schrie so laut und dröhnend, dass das Mädchen sich wimmernd die Hände auf die Ohren presste und versuchte, die Augen geschlossen zu halten, um den Monstern nicht zu zeigen, dass sie aufgewacht war.

Es war heiß und stickig im Zimmer, aber die Kälte, die sie zittern ließ, kam von viel weiter innen, saß in ihren Knochen und überzog ihre Gedanken mit einer feinen Schicht aus Frost und Eiskristallen.
Sie meinte fast zu spüren, wie ihr tauber Körper drohte, zu zerbersten.
Es knackte und knirschte, wenn ein Gedanke in ihrem Kopf damit begann, Gestalt anzunehmen.
Ein unheimliches Geräusch, so als würde sie ins Eis einbrechen und in ein tiefes, winterkaltes Meer stürzen, sobald sie zu schnell dachte.
Sie hatte nicht bemerkt, dass sie weinte. Sie spürte es erst, als die Tränen warm und salzig auf ihrem Handrücken landeten.
Sie leckte sich die Lippen und lag schweigend da, ohne sie zu trocknen.
Inzwischen war sie sich fast sicher, dass die Monster sie gehört hatten.

Als sie zum zweiten Mal erwachte, war die Stille nähergekommen.
Sie kauerte am Fußende ihres Bettes, die fahlen Hände in ihrem schütteren Haar vergraben, und wiegte sich sanft vor und zurück, während ihre Schreie sie schüttelten.
Das Mädchen schreckte auf und begann, gegen die Stille anzuschreien, schrie und schrie und hielt sich dabei die Ohren zu, es waren zu viele Schreie. Sie zerschnitten die Dunkelheit und fütterten die Stille mit ihrem beißenden Lärm. Die Dunkelheit wich ein Stück zurück, blieb aber und wirkte fast amüsiert über die namenlose Panik im Zimmer.

Die Panik war der dritte Gast.

Sie schob die Stille beiseite wie ein Kind, das bei einem Gespräch der Erwachsenen störte, und die Stille verschwand so schnell, dass dem Mädchen der eigene Atem plötzlich unvorstellbar laut vorkam.
Die Panik war kälter als die Dunkelheit, und genau in dem Moment, in dem das Mädchen diesen Gedanken hatte, verwandelte sich die Kälte in eine flammenden Hitze.
Die Vorhänge brannten, ehe sie geblinzelt hatte.
Der Fußboden fing Feuer,
ihre Bettdecke,
ihr Haar.
Die Dunkelheit wich fauchend zurück und floh durch das Fenster in die Nacht, und plötzlich wünschte das Mädchen, sie wäre bei ihr geblieben.
Das Feuer erreichte ihre Haut.
Ihre Haut warf Blasen.
Das Mädchen schrie wieder, gellender als zuvor, und schlug mit beiden Händen auf ihr Haar ein.
Sie warf ihre Bettdecke über die Flammen, die ihre feurigen Hände durch den Dielenboden streckten, und stieß die Panik mit ihren verbrannten Fingern fort.
Die Panik lachte nicht, aber sie hatte auch kein Mitleid mit dem Mädchen, denn sie ließ die Flammen durch die Dielen greifen und riss sie erneut an den Haaren, und diesmal ließen sie nicht wieder los.
Die Flammen fraßen das Mädchen wie eine kleine, schmale Puppe in einem angesengten Gewand, und es war niemand mehr im Zimmer, der einen Herzschlag hatte.

Als sie das dritte Mal erwachte, leuchteten ihr aus der Finsternis zwei gelbe Katzenaugen entgegen,
und es war mehr ein Schnurren als menschliche Worte, das sie behutsam zurück in den Schlaf geleitete,
sich vorsichtig einen Weg durch die Leere bahnte, die das Chaos in ihrem Kopf zurückließ.
Die Dunkelheit war fort, es brannte nur kein Licht im Zimmer.
Die Panik war erloschen wie ein ausgeblasene Kerze, und es war leise um sie herum, aber nicht wirklich still. Eine raue, kurze Kralle strich ihr die Haare aus der Stirn, die dicht und makellos waren und kein bisschen verbrannt. Und es war eine vertraute Stimme, die ihr leise versprach, dass alles gut werden würde.

Das war das erste Mal, dass das Mädchen gesprochene Worte den geschriebenen vorzog.

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