Kapitel 1

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"Olivia El Greco!", ruft mein Vater, welcher hinter der Küchentheke steht und einen Zettel in den Händen hält, durch das Haus.

Ich lächle unbeholfen.

Natürlich weiß ich, welcher Zettel das ist, was auf ihn steht und von wem er ist.

"Was soll das, Olivia? Weißt du, was das ist?", fragt er verärgert und hält das genannte Objekt in die Höhe. Ängstlich nicke ich.

"Soll ich dir vorlesen, was dasteht. Ja? Gut! 'Sehr geehrter Herr El Greco, ich bedaure ihnen mitteilen zu müssen, dass dies eine Verwarnung ist. Ihre Tochter, Olivia El Greco, hat am 24.9. Eine Verwarnung aufgrund von unangemessenem Benehmen in der Schule bekommen. Dies ist die 2. Verwahrung in diesem Semester. Bei der nächsten sehen wir uns gezwungen sie von ihrer Schule zu nehmen. Mit freundlichen Grüßen, Gert Hancher', manchmal frage ich mich, ob du denn nichts von uns gelernt hast! Du bist unmöglich.", sagt er verärgert.

"Seit deine Brüder nicht mehr hier sind, spielst du verrückt. Ja, deine Brüder waren gleich, aber das heißt noch lange nicht, dass du ihre Rolle einnehmen musst!", schreit er mich an.

"Das tu' ich nicht!", versuche ich mich zu rechtfertigen und bin dabei genauso laut, wie er es ist.

"Doch, Fräulein, und das weißt du genau. Vielleicht ist es dir nicht ganz bewusst, aber tief hinten in deinem Gehirn ist diese Information vorhanden. Es dauert nicht mehr lange, bis dir das klar wird", stellt er bedrohend fest und ich muss schlucken.

Schon lange war ein Gespräch nicht mehr so ausgeartet, wie dieses hier. Okay, ich muss zugeben, unsere Familie ist zerbrochen, als meine drei großen Brüder gingen. Wir führen normalerweise keine Gespräche. Es ist einfach untypisch für uns geworden. Aber er hat schon lange nicht mehr soeinen Ausraster gehabt; das letzte Mal, als er erfuhr, dass meine Brüder weg waren. Sie hatten nicht mit ihm abgesprochen, nicht mal mir wurde etwas davon erzählt.

Bevor die Situation schlimmer werden kann, setzt das Babygebrüll meiner zwei Halbschwestern ein. Sie sind Zwillinge, gerade mal zwei Jahre alt und die Zwillinge meines Vaters und seiner neuer Frau. Die Kinder sind schnell entstanden, nicht mal vier Monate, nachdem sie sich kennenlernten, war sie schon schwanger. Seit diesen drei Jahren, dreht sich alles um die neuen Frauen in seinem Leben. Mir soll's recht sein, denn so konnte ich sein wie ich bin, auch, wenn ich zugeben muss, dass es nicht ganz so klappt, wie ich es erhoffe.

Mein Vater hatte unglaublichen Stress, er hat versucht die Gebrüder zu finden, doch meine ganze Familie hielt dicht. Später erfuhr ich, dass sie in Los Angeles bei meiner Grams sind. Oder waren. Wir wissen es nicht, sie könnten wieder umgezogen sein. Irgendwann hat mein Vater seine Aufmerksamkeit auf mich gerichtet, bis er erfuhr, dass seine Frau schwanger war. Danach konnte ich tun und lassen was ich will, was mir auch gepasst hat, ich habe mich von den Freunden, die ich größtenteils wegen meiner Brüder hatte, abgewandt und habe versucht mich selbst zu finden.

Irgendwann fand ich neue Freunde, doch ich merkte ziemlich schnell, dass ich mich nicht auf diese verlassen konnte, und dennoch verbrachte ich meine Freizeit mit ihnen.

"Schatz, bitte bring' die Kinder zum Schweigen", sagt er liebevoll zu der Mutter und wirft ihr einen Kuss zu, bevor er sich wieder auf seine älteste Tochter konzentriert.

"Langsam muss ich zu härteren Mitteln greifen. Diese Stadt tut dir nicht gut. Du ziehst zu deiner Großmutter nach Los Angeles. Es ist mir egal, ob du das willst, oder nicht. Du rufst sie an und packst deine Koffer. Du reist morgen ab. Während der Fahrt kannst du darüber nachdenken, warum du nachdenken, warum du in diesem Zug sitzt. Ist das klar?", stellt er sicher und zieht seine Augenbrauen zusammen. Ich starre ihn entsetzt an.

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