Sie hatte ihn nicht hineinlassen können. Die enttäuschende Klarheit war spät gekommen, doch nun war sie da. Unausweichbar. Sie wusste nichts über Cad, den Fremden, der sich geradezu in ihr Leben gedrängt hatte. Immer näher, ohne auch nur etwas seiner selbst preiszugeben. Es hatte den Anruf gebraucht. Den Anruf, der ihre Illusion zerrissen hatte.
Sie hatte sich krankschreiben lassen. Auf dem gelben Schein, den sie in der Redaktion vorgelegt hatte, stand nichts von Cad. Nichts von dem Frust. Der Erschöpfung. Der Angst. Der Schein sagte nichts, außer dass Minou nicht arbeiten konnte. Als seien die Gründe egal.
Der Arzt hatte ihr einen Grund gegeben. Burnout, hatte er gesagt und Minou hatte genickt. Gut, dass der gelbe Schein schwieg. Ihr diese Blöße nicht gab.
Unwirsch ließ Cadmiel die Münzen, die ihm Tradiaboli gegeben hatte, in die dicke Hand des Mannes fallen. Dieser brummte zufrieden. Schon im Gehen öffnete Cadmiel die Zeitung, blätterte, suchte nach dem einen Artikel. Dem Artikel über die Zwölfte. Er fand ihn auch, doch stand Minous Name nicht länger darunter. Man hatte sie durch Betty ersetzt. Minou war also auch heute der Arbeit ferngeblieben. Das klebrige Gefühl in seiner Brust, es musste wohl Sorge sein. Doch was würde es bringen, sie erneut aufzusuchen? Eine weitere Demütigung wollte er nicht ertragen.
Er schmiss die ungelesene Zeitung in einen Mülleimer und macht sich auf den Weg zurück zum Trödelmarkt. Es lag viel Arbeit vor ihm. Heute Nacht würde die letzte Frau sterben und dann hing es nur noch an dem fragwürdigen Konstrukt im Hinterzelt eines Irren, das ihn den Weg in die Hölle gehen lassen sollte. Er hätte es heute beendet haben sollen. Wenn bloß Minou nicht gewesen wäre.
Sie lief durch die Stadt ohne Ziel. Die Hände tief in ihren Manteltaschen vergraben und das Gesicht hinter einem Schal versteckt. Es schien jeden Tag kälter zu werden. Minou fühlte sich gut. Besser als gestern. Der Tag lag weit hinter hier. Die Klarheit, die sie zunächst erdrückt hat, wog nun umso leichter. Zum ersten Mal seit Langem waren ihre Gedanken wieder frei und geordnet. Und trotzdem, oder gerade deswegen, brachte es sie zum Trödelmarkt. Der Ort, an dem sie mit Cad gewesen war.
Wochentags waren die Vormittage auf dem Trödelmarkt ruhig. So auch heute. Außer den Leuten hinter den Ständen war kaum jemand da. Die Ruhe lenkte Minous Aufmerksamkeit nun auf die Gegenstände, anders als bei ihrem ersten Besuch. Töpfe aus Ton, Körbe aus Weiden, Kleidung aus Leinen, getrocknetes Obst... Mit gerunzelter Stirn blieb sie vor der Auslage eines dunklen Zeltes stehen. Steine, Ketten, Anhänger, Kelche, Bilder. Alle mehr oder weniger auffällig geprägt durch ein umgekehrtes Pentagramm oder Kreuz. Symbole des Satanismus. Am Rand standen kleine Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit, die einen üblen Geruch verbreitete. Minou wollte gerade angewidert zurücktreten, als die Plane des Zeltes aufgeschlagen wurde und ein Mann hinaustrat. Bei ihrem Anblick erstarrte er.
„Cad?", erstaunt blickte sie ihn an, dann auf die Gegenstände vor sich.
Er konnte sie nicht ansehen. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Ihm wurde heiß. Mitten im kalten November. Sie hatte ihn gefunden. Hier. Schlagartig wurde ihm klar, weshalb er nie über sich geredet hatte. Nie etwas verraten hatte. Es tat weh.
„Hallo?", zögerlich versuchte Minou, seinen Blick aufzufangen.
Cadmiel atmete tief ein. „Hallo, Minou." Er sah sie an. Sie war wahrlich das schönste Wesen, das er je gesehen hatte.
„Dein Werk?", sie deutete auf Tradiabolis schwarzmagische Objekte. Die dunkle Aura, die diese für gewöhnlich umgab, war kaum zu spüren. Jetzt da Minou da war. Sie war so warm. So hell. So rein. In Cadmiel wuchs der Drang, sie von diesem Ort zu bringen, weg von der Dunkelheit, dem Zwielichtigen. Dem Ort, an den er gehörte.
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Wenn Engel fallen
FantasíaHimmel oder Hölle? Richtig oder Falsch? Vernunft oder Gefühl? Liebe oder Leben? - Wie würdest du entscheiden? ___ Seit Minou vor einem halben Jahr in die Stadt zog, um ihr Volontariat bei der örtlichen Tageszeitung anzutreten, läuft alles anders als...
