Cadmiel zuckte zusammen, als die Wut den Nachthimmel zerriss. Seine Schritte wurden schneller. Immer wieder blickte er sich um. Er konnte gar nicht anders. Zu verletzlich fühlte sich die menschliche Hülle an. Fünf Morde hatten es bewiesen. Einen Menschen zu töten ist leicht. Warum war es ihm dann an diesem Abend nicht gelungen? Ob es etwas mit dem blauen Riss am Himmel zu tun hatte? Cadmiel glaubte, den wütenden Aufschrei Gottes hören zu können. Es musste etwas geschehen sein. Dort. An dem Ort, an dem die Menschen reinen Frieden und endloses Glück vermuteten, war der Hass haltlos geworden. Cadmiel fühlte die Gefahr als wäre sie gleich hinter ihm. Wieviel Weg lag zwischen dem, was wirklich war und dem, was die Wirklichkeit schuf?
Wie von selbst trug ihn der fremde Körper an sein Ziel. Die Stände schienen ebenso zu schlafen wie ihre Besitzer. Es war selten, den Trödelmarkt in einer solchen Friedlichkeit zu sehen. Selbst in den Wohnwagen etwas abseits, in denen die Betreiber ihre Ruhe fanden, brannte nicht ein Licht. Cadmiel besaß keinen Wohnwagen. Er besaß nichts. Und was er hatte, war nicht seins. Er hob die Plane an, die das Hinterzelt einer der Stände von der Außenwelt abschirmte und betrat geduckt den kleinen Raum. Eine altertümliche Öllampe auf dem Tisch schenkte dem Raum gerade genügend Licht, um seine Umrisse erkennbar zu machen. In einer Ecke lagen eine abgehalfterte Matratze und eine Wolldecke. Erschöpft ließ sich Cadmiel auf seinem Lager nieder. Ein letzter Blick zu den Umrissen seiner unfertigen Konstruktion. Ob sie wohl je ihren Zweck erfüllen würde? Er schloss die Augen und versuchte, in sich hinein zu fühlen. Dass das Gefühl der neugewonnenen Kraft fehlte, war ihm sofort klar. Er war noch lange nicht stark genug. Acht. Acht fehlten noch. Und heute Nacht hatte er auf die Sechste verzichtet. Um sie am Leben zu lassen. Minou. Himmel. Paradies.
Mit dem Wissen, einen Fehler gemacht zu haben glitt er in den Schlaf. Der ungnädige Morgen würde bald hereinbrechen.
„Wach auf, Junge", die kratzige Stimme berührte Cadmiel mit dem Fuß am Arm. Tradiaboli war der friedlich schlafende Mann in seinem Hinterzelt noch immer nicht geheuer. Furcht und Faszination fesselten ihn gleichermaßen. Mit einem Grummeln verbarg der Mann auf der Matratze sein Gesicht. Der Trödelhändler trat zurück.
„Es wartet Arbeit auf dich", murrte er und warf einen verstohlenen Blick auf das Gebilde aus schwarzmagischen Objekten.
Cadmiel setzte sich auf. Er wünschte sich eine Zeit herbei, in der der früh gealterte Mann mit dem eingefallenen Gesicht nicht das Erste war, das er nach dem Aufwachen erblickte. Der Mann musterte ihn einen Moment lang und verließ dann das Hinterzelt, um sich hinter den langen Holztisch zu stellen. Schwarze Magie in den Umlauf bringen.
Auf dem wackligen Hinterzimmertisch hatte er eine Tasse viel zu starken Kaffee abgestellt. Ein zaghafter Versuch der Höflichkeit. Cadmiel war unschlüssig darüber, wie er den zwielichtigen Trödelhändler einschätzen sollte. Es waren immerhin erst zwei Wochen vergangen seit er aus Zufall, vielleicht auch von einer höheren Kraft geleitet, auf den Stand gestoßen war. Er hatte die Energie, die von den Gegenständen auf dem Holztisch ausging, sofort gespürt und er hatte nicht anders gekonnt, als inne zu halten. Er hatte mit dem Händler gesprochen. Natürlich waren da Zweifel gewesen, als Tradiaboli ihm erzählte, er sei vom Teufel ersucht worden. Er habe die Aufgabe erhalten, schwarzmagische Gegenstände unter die Menschen zu bringen, um ihre Seelen auf den richtigen Weg zu leiten. Der Händler war ein Irrer, vernarrt in den Teufel und doch zwangen Cadmiel die unglaubliche, dunkle Energie seiner Gebilde und Substanzen und seine Augen – leer wie die eines Toten – dazu, seinen Worten Glauben zu schenken. Eine Wahl hatte Cadmiel ohnehin nicht gehabt. Hier auf der Erde, an diesem fremden Ort, war er auf Hilfe angewiesen, so sehr er sie auch verabscheute. Und er verfluchte Gott dafür, dass er ihn zu diesem Leben verdammt hatte. Wieder fiel sein Blick auf seine seltsame Schaffung. Ein letzter Schimmer von Hoffnung.
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Wenn Engel fallen
FantasíaHimmel oder Hölle? Richtig oder Falsch? Vernunft oder Gefühl? Liebe oder Leben? - Wie würdest du entscheiden? ___ Seit Minou vor einem halben Jahr in die Stadt zog, um ihr Volontariat bei der örtlichen Tageszeitung anzutreten, läuft alles anders als...
