8. Die Flucht

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Weiter, weiter und immer weiter. Im Eilschritt lief das Mädchen am Rande der Straße entlang. Einige Autos fuhren dort mit ihren hellen Scheinwerfern an diesem dunklen Dezemberabend. Bei jedem Auto was an ihr vorbei fuhr sah das Mädchen auf das Kennzeichen. Angst jagte sie. Angst vor der Sekunde, wo sie ein Auto erblickte welches sie kannte.

Der Weg, den sie ging, war ihr vertraut. Sie war ihn schon mehrmals mit ihren Freunden gegangen. Sie hatte sie satt, diese Freunde, die sie bloß mochten, wenn sie es ihnen recht machte. Einen eigenen Charakter zu haben wäre undenkbar. Falls sie einmal etwas tat was ihnen nicht gefiel wurde es hinterrücks weiter getratscht. Sie wollte weg von ihnen. Weg von diesem Käfig, der sie gefangen hielt. Zurück in ihr Zuhause oder was sie einst so nannte, bevor sie von dort geflohen war. Sie lachte bei dem Gedanken, dass sie dorthin zurück rannte, von wo sie einst geflohen war.

Sie kam gut auf ihrem Weg voran, nur noch wenige Bushaltestellen bis zu ihrem Ziel. Ihr Ziel war die Stadt, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Warum sie auf einmal zurück wollte, wusste das Mädchen selbst nicht sicher. Der Grund war lediglich ein Gefühl der inneren Überzeugung, was wie Flammen loderte. Ihre Flucht mit diesen Gefühlen zu rechtfertigen hatte lange gedauert. Sie wollte das diese Flammen, die gegen ihren Verstand sprachen, erlischten.

Weiter, weiter und immer weiter ging sie ohne auch nur eine Pause zu machen. Das Mädchen konnte schon bald die Lichter der Stadt erkennen. Noch ein Stück und schon bahnte sie sich ihren Weg durch das vorweihnachtliche Treiben. Sie fühlte sich in solch einer großen Menschenmenge nicht wohl, aber zumindest verringerte es das Risiko gefunden zu werden. Sie sah erneut auf ihre Uhr, wenn sie sich nicht beeilte, würde sie ihren Bus verpassen und das würde sie wertvolle Zeit kosten.

Als sie den Bussteig erreichte warteten einige Leute dort. Sie sah auf den Fahrplan und stellte fest, das der Bus vor einer Viertelstunde abgefahren war. Sie wunderte sich warum so viele Leute warteten obwohl der nächste Bus erst in einer dreiviertel Stunde kommen würde. Das Mädchen fragte die Leute warum sie warteten und sie erklärten ihr das der letzte Bus noch nicht gekommen sei. Dem Mädchen kam es vor wie ein Wunder, dass genau heute der Bus so viel Verspätung hatte, wo er doch sonst immer pünktlich war. Sie wartete eine Weile mit den Fremden bis der Bus kam. Die Wärme des Busses lud sie dazu ein sich von dem langen Weg zu erholen. Sie überlegte was ihre Familie wohl sagen wird, wenn sie plötzlich vor der Tür steht. Ungeduldig wartete sie darauf das der Bus endlich ihre Bushaltestelle erreichte. Doch ihre Angst war noch nicht verflogen. Sie beobachtete die Fahrgäste, die ein und aus stiegen, um zu überprüfen ob jemand dabei war den sie kannte.

Sie stieg aus. Die Fahrt war ohne Zwischenfälle verlaufen. Nur noch ein Berg trennte sie von ihrem Zuhause.
Weiter, weiter und immer weiter lief sie den Berg hinauf. Obwohl die Winterluft kalt war, war ihr durch das Laufen warm geworden.
Sie hatte das Haus fast erreicht.
War es wirklich die richtige Entscheidung von ihren Freunden zu fliehen? Das Mädchen klingelte.

«Es ist auf jeden Fall das kleinere übel».


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