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Ian

»Ey, bring mir noch ein Bier.« Ryans Grinsen zieht sich über das ganze Gesicht, als er mich über die Schulter hinweg ansieht, bevor er sich wieder dem Mädchen zuwendet, das auf seinem Schoß sitzt. Er drückt ihr seine Lippen auf den Hals und knabbert an ihrem Ohr, während sie sich mit ihren Hüften an seinem Schoß reibt, als wären sie allein im Raum. Es ist komisch, bisher hat es mich noch nie gestört, anderen dabei zuzusehen, früher hab ich selbst keine Rücksicht genommen und mit Mädchen rumgemacht, wenn meine Freunde um mich herum waren. Aber jetzt in diesem Moment stört es mich. Liegt es an dem Versprechen, das Ryan mir gegeben hat, dass er etwas mit Lea anfangen will? Dabei will ich gar nicht, dass er etwas mit ihr anfängt, und doch möchte ich ihm in diesem Moment die Fresse polieren, nur allein, weil er Pläne für sich und Lea hat und trotzdem mit anderen Mädchen rummacht. Verdammt, diese Gedanken müssen aus meinem Kopf, sonst drehe ich noch durch. Es ist doch gut so, wenn er weiter macht wie bisher, vielleicht hat er Lea längst wieder vergessen. Die Party ist immerhin ein paar Stunden her. Einer wie Ryan vergisst ein Mädchen doch so schnell, wie er sie interessant gefunden hat. Ich weiß das, ich war selbst so wie er.

Die Kleine heißt Katja und ist gestern nach der Party mit Ryan in seinem Zimmer verschwunden. Als Präsident dieser Verbindung hat er sein eigenes Zimmer und nimmt sich auch sonst einiges mehr raus, als alle anderen dürfen. Ich hasse Ryan. Das habe ich schon am ersten Tag hier, weil er mir vorgeführt hat, was für ein Idiot ich im letzten Jahr in River Falls gewesen bin.

Ich hasse es, dass meine Karriere als Footballspieler von dieser Verbindung abhängt, oder von meinem Vater. Da ich meinem Vater lieber nicht so viel schulde, bleibt mir also nur die Verbindung und die Hoffnung, dass mir die Kontakte meiner Brüder hier die Türen zum Profifootball öffnen. Talent allein reicht nur selten aus. Es braucht auch eine Menge Glück und Beziehungen. Von allein bekommt man gar nichts, das habe ich lernen müssen. Man muss nachhelfen.

»Das nächste Mal frag einen der Füchse«, sage ich düster. Ich halte Ryan eine Flasche vor die Nase und wende mich dann sofort wieder ab.

Ein paar Verbindungsbrüder fluchen laut und schimpfen. Sie werfen mit Popcorn nach der großen Leinwand, auf der wir die meisten Spiele verfolgen. Die Patriots sind gerade drauf und dran, gegen die Falcons zu verlieren, heute ist wohl nicht nur für mich ein schlechter Tag. Ich gehe noch einmal um die Kochinsel herum, die das Wohnzimmer von der Küche trennt, nehme mir eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und lehne mich gegen einen der Küchenschränke. Ich lasse meinen Blick über meine Brüder gleiten, die im Wohnzimmer verteilt die Wiederholung eines älteren Spiels verfolgen, und reibe mir mit der freien Hand über das Kinn.

»Du siehst unzufrieden aus«, meint Hunter und stellt sich neben mich. Hunter ist so ziemlich der Einzige in dieser Verbindung, den ich wirklich mag. Die anderen ticken entweder alle so wie Ryan oder sie versuchen es krampfhaft. Na ja, auch wenn ich es ungern zugebe, Ryan ist ein großartiger Sportler, ein wahres Ausnahmetalent. Alle sehen zu ihm auf, aber leider ist ihm das auch zu Kopf gestiegen.

»Ach nichts«, murre ich. »Nur ein schlechter Tag heute.« Ich hatte gehofft, Lea nicht so schnell über den Weg zu laufen. Zumindest aber hatte ich gehofft, dass ich nach 2 Jahren besser mit meinen Gefühlen für sie klarkommen würde. Aber das tue ich nicht, ich weiß noch immer nicht, ob ich sie hassen oder lieben soll. Das ist ein verdammter Mist. Seit ich von Zuhause weg bin, habe ich kaum noch Kontakt zu meinem Vater, oder sonst irgendjemanden in River Falls. Ich wollte alles hinter mir lassen, damit ich nie wieder an Lea denken muss. Was nie wirklich funktioniert hat, aber mit der Zeit ist es mir besser gegangen, weswegen ich kein Risiko eingehen wollte. Ich hatte den festen Plan, nie mehr zurückzublicken. Und jetzt ist sie hier. Es gibt so viele andere Colleges im Land und sie muss ausgerechnet auf das gehen, an dem ich schon bin. Unsere Verbindungen sind Partner, was bedeutet, ich werde Lea nicht aus dem Weg gehen können. Ich werde ihr ständig begegnen und ich habe keine Ahnung, ob ich das noch zwei Jahre bis zu meinem Abschluss aushalten werde.

The Distance between usWo Geschichten leben. Entdecke jetzt