Es wurde bereits dunkel, als Cedric nach Hause lief. Die dunklen Straßen des Dorfes erstreckten sich nass vom Regen vor ihm, von wenigen Straßenlaternen beleuchtet, und die Stille bloß immer wieder unterbrochen von den Schritten mit seinen schweren Stiefeln. Aufrecht lief er, eine Hand aus Gewohnheit am Waffenholster, das Kinn gereckt und mit festem Gesichtsausdruck.
Währenddessen wüteten die Gedanken in seinem Kopf. Er machte sich Sorgen um Allan, fragte sich, wie es jenem wohl erging, ob er in Ordnung war. Er wollte nicht, dass er ihm weiter aus dem Weg ging, wie fast den ganzen Tag zuhause. Er hatte die Trauer in Allans Augen gesehen, das Zögern mitsamt der Sehnsucht. Es brach ihm das Herz. Er wusste, dass Allan zwischen zwei Welten stand, welche verschiedenes Chaos mit sich trugen.
Und eine davon, in der existierte er nicht.
Und dort konnte er Allan nicht beschützen.
Langsam näherte er sich seinem, nein, ihrem Haus. Er zögerte, wurde langsamer. Er konnte kein Licht hinter den Fenstern sehen. Nachdenklich zog er die Brauen zusammen. Es war doch erst kurz nach neun, dabei war ihre Arbeitszeit heute bis zehn?
Wenn keine Lichterbrannten, bedeutete dies, dass Allan nicht arbeitete. Also was tat er sonst? War er überhaupt zuhause?
Die Sorgen überkamen ihn unerbittlich, und so begann Cedric beinahe zu rennen. Hastig kramte er seinen Schlüssel aus seiner Hosentasche, lief auf die Haustür zu und rammte den Schlüssel ins Schloss. Dunkelheit erstreckte sich vor ihm, als er ins Büro trat. Er schloss die Tür hinter sich, tastete nach dem Lichtschalter. Flimmernd sprang die Deckenlampe an und entblößte ein verlassenes Büro vor ihm.
„Allan?", rief Cedric in die Stille hinein.
Kein Antwort.
Seine Finger zuckten am Waffenholster. Schnellen Schrittes machte er sich auf den Weg ins Archiv, dann in die Küche, doch beide Räume waren leer. Auch im Garten war Allan ganz offensichtlich nicht, und Cedric atmete verwirrt einen Schwall kalter Nachtluft ein. Allan musste also oben sein.
Wenn überhaupt.
Er schluckte schwer. Mit besorgtem Gesichtsausdruck verließ er die Küche und hastete die Treppenstufen hinauf ins obere Stockwerk.
„Allan, bist du hier?", rief er noch einmal in die Düsternis hinein, doch wieder blieb es still. Er steuerte auf Allans Zimmer zu.
Zögernd blieb er davor stehen. Die Tür war zugezogen, sicherlich nicht abgeschlossen, doch was, wenn Allan dort drinnen war und bloß seine Ruhe wollte?
Dennoch... er musste nachsehen. Er musste sichergehen, dass Allan überhaupt hier und in Sicherheit war.
Seine zitternde Hand legte sich auf das kalte Metall der Türklinke. Er atmete tief ein und aus, dann klopfte er kurz an und schob die Tür auf.
Er schauderte, als kalte Nachtluft auf seine Haut traf. Das Fenster war offen, man hörte das leise Prasseln des Regens. Nervös ließ er den Blick durch die Dunkelheit schweifen.
Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er Allan endlich erblickte. Ohne weiter zu überlegen, stützte er auf Allan zu, welcher in nicht gerade bequemer Position an dessen Bett lehnte, den Kopf auf die Brust gesunken.
Cedric ließ sich neben ihm auf die Knie fallen und packte ihn panisch am Arm. „Allan!", rief er, doch Allan war ganz offensichtlich nicht bei Bewusstsein.
Ruhe bewahren. Er musste ruhig bleiben, rational denken. Cedric zwang sich, vorsichtig nach Allans Kinn zu fassen, es anzuheben und sich sein Gesicht zu besehen. Zumindest hatte er keine Verletzungen. Als er zwei Finger an Allans Schlagader legte, pulsierten seine Herzschläge in schnellem, aber nicht besorgniserregendem Tempo darunter. Cedric atmete leicht auf. Vielleicht waren es nur Allans Herzprobleme, und er würde gleich wieder aufwachen...
Besorgt betrachtete er ihn. Er wusste nicht, ob er nun einen Rettungswagen bestellen sollte oder nicht. Besser war es alle Male. Doch er kannte Allan gut genug, um zu wissen, dass er jegliche Behandlungen ausschlagen würde, sobald er wieder bei Bewusstsein war.
Leise seufzte Cedric. Er fasste nach Allans Wangen, streichelte mit den Daumen darüber. „Allan, bitte wach auf", murmelte er leise.
„Hmmm..." Allans Augenlider flatterten, er sog zitternd die Luft ein. Cedrics Herz machte einen Sprung. „Allan. Aufwachen. Ich bin's, Cedric. Hörst du mich?"
Ein leichtes Nicken kam von Allan. Der Dunkelhaarige schlug schwach die Augen auf und blickte Cedric müde an.
Ein erleichtertes Lächeln wuchs auf Cedric Lippen, und er konnte nicht anders, als Allan einen Kuss auf die Stirn zu drücken. „Gottseidank", murmelte er leise, „ich habe mir solche Sorgen gemacht, Allan."
„War ich schon wieder weg?", nuschelte Allan noch immer leicht benommen.
Cedric brauchte zwei Sekunden, um zu verstehen, was Allan meinte, und verfluchte sich dabei für seine Begriffsstutzigkeit. Schließlich nickte er aber. „Ich weiß allerdings nicht, wie lange du schon hier sitzt."
„Bestimmt nicht lange", erwiderte Allan ruhig, „sonst wäre ich nicht so schnell wieder aufgewacht."
Cedric legte besorgt den Kopf schief. „Das kann sogar länger dauern?"
Allan seufzte, zuckte die Schultern. Cedric schaute ihn wehmütig an. Kurzerhand beugte er sich vor und hauchte Allan einen Kuss auf die Lippen. Sofort lief Allan rot an und wandte den Blick ab.
Cedric lächelte schelmisch. Er ließ die Hand in Allans Nacken gleiten und drehte seinen Kopf wieder zu sich, um ihn abermals zu küssen. Sein Herz hüpfte freudig, als Allan den Kuss zaghaft erwiderte.
Viel zu schnell löste Allan sich aber wieder von ihm und atmete schwer.
„Entschuldige", sagte Cedric sofort zerknirscht. „Nein", winkte Allan ab. „Es ist nicht deine Schuld. Bloß mein Herz." Er lächelte gequält.
Cedric seufzte leise. „Gut, dann ruhst du dich jetzt aus, verstanden? Etwas Schlaf wird dir guttun."
„Von mir aus", murmelte Allan und verdrehte die Augen. Dennoch gähnte er, und Cedric schmunzelte. Immerhin ging es ihm gut.
„Komm, ich helfe dir beim Aufstehen", sagte er. Allan nickte langsam und ließ sich von Cedric vorsichtig auf die Beine ziehen. Sofort ließ er sich auf die Bettkante plumpsen und stützte sich schwerfällig ab. Er ächzte leise.
„Immer noch dein Herz?" Cedric hockte sich besorgt vor ihm hin, Allans Hände noch immer in den seinen, und ließ beruhigend die Daumen darüber kreisen. Allan nickte stumm.
„Du musst wirklich ins Bett", entschied Cedric ernst. „Und nun sag nicht, dass du ein Cop bist und kein Kind mehr, dir geht es nicht gut. Also werde ich dir aus der Uniform helfen, und dann legst du dich hin und ruhst dich aus. Einverstanden?"
Allan zögerte, doch schließlich nickte er ergeben. Cedric zog seine Hände an seine Lippen und drückte einen Kuss auf seine Finger. Ein Lächeln stahl sich auf Allans Lippen, und Cedric erwiderte es.
Schließlich stand Cedric auf, schloss das Fenster und lief dann zum Kleiderschrank, um Allan andere Klamotten herauszusuchen. Er fand eine Jogginghose und ein weißes Shirt. Mit diesen Sachen ging er zurück zu Allan, welche sich schwach an der Bettkante festklammerte und krampfhaft versuchte, die Augen offen zu lassen.
Cedric hockte sich wieder vor ihm hin, die frischen Klamotten auf seinem Schoß. „Allan, darf ich dir helfen, dich umzuziehen?", fragte er geradeheraus. Allan zögerte, doch er blickte Cedric kurz mit einem wackligen Lächeln an und nickte. Cedric lächelte ebenfalls sanft. Er griff vorsichtig nach Allans Hemd, um dessen Knöpfe zu öffnen. Allan schrak kaum merklich zusammen.
„Es ist alles gut, Allan", murmelte Cedric beruhigend. „Ich bin's nur. Ich tu dir nichts."
„Ich weiß", nuschelte Allan zerknirscht. „Aber ich kann es nicht verhindern... es ist fast wie damals."
„Das ist auch in Ordnung", lächelte Cedric sanft, musste jedoch bei all den Erinnerungen schlucken. „Ich kenne dich doch gut genug, Allan. Ich..." Er zögerte, doch dann sprach er mit fester Stimme weiter. „Ich weiß, wie viel du durchgemacht hast. Deine Reaktionen sind nur nachvollziehbar und ich habe kein Problem damit. Ich mache mir bloß Sorgen um dich."
„Danke...", murmelte Allan zögerlich. Er griff nach Cedrics Händen und drückte sie leicht.
Cedric lächelte. „Immer doch, Al."
Allan erwiderte sein Lächeln traurig.
Cedric drückte ihm noch einen kurzen Kuss auf die Lippen, dann zog sich Allan um, nachdem er hartnäckig beteuert hatte, dass er es doch selbst konnte. Währenddessen drehte Cedric sich um und lief zum Fenster, um ihn ein wenig Raum zu geben, damit der sich nicht unter Druck gesetzt fühlte. Schließlich war es ihm wichtiger, langsam wieder Vertrauen aufzubauen, anstatt Allan Dinge abzuverlangen, welche ihn das Gefühl gaben, nicht gehört zu werden.
Als das Geraschel von Stoff hinter ihm aufhörte, wandte er sich langsam um und sah Allan in Jogginghose und Shirt auf seinem Bett sitzen und ihn neugierig anblicken. Als er Cedrics Blick allerdings bemerkte, lief er puterrot an.
Cedric grinste kaum merklich. Er schritt auf Allans Bett zu und ließ sich neben ihm nieder. Sanft legte er eine Hand auf sein Bein. Allan zuckte leicht zusammen, doch er griff nach seiner Hand als Zeichen der Bestätigung, dass es in Ordnung war. Cedric lächelte, in seinem Inneren schwappte eine Welle von Stolz über sein Herz. Er umfasste Allans Kinn, blickte in dessen fragenden, braunen Augen und küsste ihn schließlich zärtlich. Allan lächelte in den Kuss hinein und erwiderte ihn zaghaft. Er schlang die Arme um Cedric Hals, zog ihn näher an sich. Cedric grinste ebenfalls, und sie mussten sich voneinander lösen, so dümmlich grinsend schauten sie sich an. Cedric lachte leise, strich durch Allans dunkle Haare. Allan schnurrte selig.
„Hab ich da etwa eine Katze erwischt?", fragte er neckend.
Allan lachte auf und verdrehte die Augen. „Kater, wenn überhaupt", entgegnete er. Dann griff er nach der Hand, die Cedric in seinem Haar vergraben hatte, und umfasste sie mit einem fragenden Blick. „Bleibst du heute Nacht hier?", nuschelte er mit dunkelroten Wangen.
„Wenn du das möchtest", lächelte Cedric sanft. Er fragte sich, ob Allan sein Herz rasen hören konnte, so schnell schlug es. Allan nickte verlegen.
„Gut." Cedric drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich ziehe mich eben um, in Ordnung? Du legst dich schon einmal hin."
„Wenn's sein muss", erwiderte Allan und grinste leicht. Cedric grinste zurück. Dann machte er sich schnell auf in sein Zimmer, um seine Uniform loszuwerden und in bequeme Klamotten zu schlüpfen. Als er zurück bei Allan war, lag dieser bereits brav im Bett unter seiner Decke und wartete, bis Cedric die Tür geschlossen hatte und zu ihm ins Bett kroch, bevor er die Arme nach ihm ausstreckte. Cedric rückte grinsend an ihn heran und schlang die Arme um Allan. Er spürte ihn leicht zittern, ein klares Zeichen für Angst, doch er wusste, dass Allan dagegen ankämpfte. Beruhigend strich er über sein Haar und seinen Rücken, drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er spürte, wie Allan lächelte.
„Allan?", fragte er kaum hörbar.
„Hmm?"
„Wirst du mir irgendwann alles erzählen?"
Allan zögerte. Cedric spürte, wie er begann, mit den Fingern über seinen Arm zu streichen, und schauderte leicht. Schließlich machten sie Halt an seinem Oberarm und blieben dort warm liegen.
„Ich werde es versuchen", murmelte Allan dann leise. „Sobald ich es kann."
Cedric küsste ihn sanft. „Du hast genug Zeit, Süßer. Nimm sie dir. Ich kann warten."
Allan erwiderte seinen Kuss schüchtern. „Danke, Cedric."
Lächelnd schmiegte sich Cedric an ihn. So langsam wurde er ebenfalls müde, besonders, weil er mit Allan in dessen Bett lag und ihn in seinen Armen hielt. „Immer doch, Al."
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Nur du zählst...
RomanceNachdem der Ex-Polizist Allan Dearing bei einem Einsatz schwer verletzt wird, verdammt ihn das Schicksal ins Büro. Und so wird er als Hilfssheriff in das kleine Dorf Josephina Hill versetzt. Doch dort wird ihm klar, dass sein Job ganz anders als ruh...
