Nachdem ich ihm dieses Versprechen abgenommen hatte, ging ich ins Gästezimmer und holte meine Schuhe.
Fertig angezogen wartete ich an der Tür auf Adam.
"Können wir?", fragte er, als er endlich vollständig bekleidet vor mir stand.
"Das fragst du mich?", entgegnete ich und war schon draußen.
"Ich nehme mal an, wir fahren mit der Bahn?" Es war eher eine Feststellung als eine Frage meinerseits.
"Ja, machen wir.", antwortete er mit schiefem Grinsen.
Also erklärte ich ihm den Weg zu mir.
Während der gesamten Fahrt dachte ich unentwegt über das nach, was mir jetzt bevorstand.
Würde mein Vater mich beleidigen, wie immer?
Würde er mich rauswerfen?
Würde er mich schlagen?
Würden meine Klamotten überhaupt noch in meinem Zimmer sein, wenn ich kam, oder würde er sie verkauft haben?
Ich holte tief Luft und drückte die Klingel.
Die Tür öffnete sich nach wenigen Minuten.
"EHH Josephine! Wo-o warst du?", fragte er lallend.
"Papa, das ist Adam. Ich war bei ihm. Er hat mir geholfen.", sagte ich, so ruhig wie ich konnte.
"Adam?" Wütend funkelte Papa ihn an. "ADAM? Hast du Schwein dich an meiner Tochter vergangen?!"
"Nein, hab ich nicht...", versuchte Adam zu Erklären, doch es war zu spät - mein Vater gab ihm einen Kinnhaken, dann noch einen.
"Dad! Hör auf!", schrie ich panisch und versuchte die Prügelei, die inzwischen ausgebrochen war, zu unterbrechen.
Ein starker Schlag von Adam ließ meinen alkoholisierten Vater nach hinten fliegen, sodass er mit dem Kopf gegen die Wand schlug, auf dem Boden aufprallte und schließlich einfach da lag.
Kurz überprüfte ich, ob er noch lebte.
"Sein Herz schlägt beständig.", diagnostizierte ich nur knapp.
Ich bin wahrscheinlich ein schlechter Mensch deshalb, aber es hätte mich nicht großartig gestört, wenn Papa was passiert wäre. Dafür waren zu viele Dinge passiert, zu viele Dinge, die er mir angetan hatte.
Adam war mir wichtiger. Seine Lippe war aufgeplatzt, aber sonst hatte er wohl keine Schäden von diesem Zwischenfall getragen.
Kein Wunder, mein Vater war ja betrunken gewesen. Da konnte er nicht so gut zielen, geschweige denn Kraft aufwenden wie sonst.
"Komm ins Bad, da kann ich dir die Lippe säubern.", forderte ich Adam auf und stieg vorsichtig über meinen Vater ins Bad hinein. Adam folgte mir.
"Setz dich auf den Toilettendeckel", befahl ich und suchte in der Zeit aus dem Schrank Desinfektionsmittel.
Musste man so eine Verletzung eigentlich desinfizieren?
Ich machte es lieber, keine Ahnung, was mein Vater alles angefasst hatte.
Als die Wunde fertig verarztet war, fragte ich ihn:"Gehts besser?"
"Muss schon. Lass uns deine Anziehsachen holen und hier raus.", erwiderte er und stand auf.
Also ging ich in mein Zimmer, nahm eine große Tasche und warf wahllos Kleidungsstücke hinein.
Vermutlich waren es mehr T-Shirts als Unterhosen, weniger Jeans als T-Shirts und sehr wenig Socken, aber das war mir egal.
Ich wollte nur noch hier raus.
Doch als ich schon fast das Zimmer verlassen hatte, hielt ich inne.
Das hier war der Raum, in dem so viele Dinge passiert waren - gutes wie auch schlechtes. In diesem Raum hatte ich mit meiner Mutter und meinen neuen Spielsachen an Weihnachten gespielt, hatte mit meinen damaligen Freundinnen über unlustige Dinge gelacht und hatte mit meinem Vater das neue Puppenhaus aufgebaut als ich vier Jahre alt war. Doch wenn ich an die anderen Dinge, die schlechten Dinge dachte, die sich hier ereignet hatten, wuchs mein Hass auf dieses Zimmer, diese Wohnung, diese Familie und dieses Leben.
Ich wollte nicht mehr.
Ich sank auf das Bett und einzelne Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen. Genau so hatte ich bei meinem ersten Schnitt dagesessen, als mein Leben immer weiter zerbrach und die Tränen meinen Schmerz noch ausdrücken konnten. Wie lange ich dort saß und weinte, wusste ich nicht. Irgendwann kam Adam herein. "Hey, Jo. Was ist denn los?", sagte er mit beruhigender Stimme. "Erinnerungen.", antwortete ich nur knapp. Ich wollte nicht, dass er mehr erfuhr, immerhin war er beinahe noch ein Fremder für mich. Zwar ein sehr netter, hübscher Fremder, der sich irgendwie in mich verliebt hatte, aber ein Fremder. "Achso. Soll ich dich alleine lassen?", fragte er besorgt. "Nein." Ich wischte mir die Tränen weg und stand auf. "Lass uns gehen."
Adam stellte meine Tasche in das Gästezimmer. "Pack schonmal aus, ich mach Mittagessen.", sagte er und verließ das Zimmer schnell. "Dankesehr, du mich auch", sagte ich ironisch und packte meine Kleidung in die kleine dafür vorgesehene Kommode. Als ich damit fertig war, ging ich zu Adam in die Küche. "Wie lang dauerts noch?", fragte ich. "Noch zehn Minuten", brummte er. "Ich geh dann noch kurz duschen.", meinte ich und ging ohne eine Antwort in das Bad. Ich betrachtete mich im Spiegel. Langweilige, glatte braune Haare fielen in ein schmales, blasses Gesicht, dessen Wangen eingefallen waren, tiefe Ringe unter den blauen Augen, die traurig dreinblickten und rosane, trockene Lippen. Nein, hübsch war ich definitiv nicht. Ich hatte noch nicht mals eine große Oberweite oder einen 'geilen Arsch', etwas, das für Jungen doch wichtig war. Ich war dürr und ich war hässlich, daran bestand kein Zweifel.
Was fand Adam dann an mir?
Er könnte jede haben.
Vielleicht war das auch nur ein dummes Spiel. 'Macht die kaputten Mädchen noch kaputter.'
Vielleicht liebte er mich auch gar nicht, sondern es war nur eine Wette von ihm und seinen verdammten Freunden.
Wütend griff ich mir die Nagelschere, die auf dem Waschbeckenrand lag und schnitt einmal tief in meinen Arm hinein.
Dann stieg ich unter die Dusche und rieb ein wenig Shampoo auf den Schnitt. Es brannte höllisch, doch es tat gut.
"Jo! Komm, das Essen ist fertig!", rief Adam barsch. Woah, woher hat der denn seine schlechte Laune?
Schnell beendete ich meine Dusche, schlüpfte in den Bademantel, den ich mir ebenfalls mitgebracht hatte und ging in die Küche.
Während des Essens schwiegen wir, doch Adams missmutiges Gesicht entging mir nicht. Was hatte er denn nur?
Als wir fertig gegessen hatten stand Adam auf, schnappte sich seine Jacke und ging raus.
Ich musste also die Küche aufräumen und die Spülmaschine laufen lassen. Toll.
Eine Stunde später war er immer noch nicht zu Hause, deshalb schrieb ich ihm über WhatsApp: "Wann kommst du?"
Wenige Minuten später kam die Antwort: "Später. Habe Freunde getroffen."
"Wann ist später und warum hast du dann nicht gesagt, dass du dich mit ihnen triffst?", fragte ich verwirrt.
"Halt dich aus meinen Angelegenheiten raus." Aha. Ich soll bei ihm wohnen, aber mich aus seinen Angelegenheiten raushalten? Wie denn?
Ich schaute wieder auf mein Handy. Jetzt hatte er mich auch noch blockiert? Ernsthaft?
Mach dir keine Sorgen, sagte ich mir und schaltete den Fernseher im Wohnzimmer an.
Wenige Minuten darauf war ich eingeschlafen.
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Sorry, dass so lange nichts kam, aber über Silvester/Neujahr hat mir die Lust gefehlt und vorgestern hab ich bei einer Freundin geschlafen.
Das Kapitel ist lang (-weilig, haha) als Entschädigung.
Hoffentlich hats euch gefallen. <3
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Narben { pausiert }
Novela JuvenilACHTUNG! Dieses Buch erhält gewaltvolle und selbstverletzende Szenen. Wer damit Probleme hat, sollte diese Geschichte NICHT lesen. • • • Er ist die Ordnung, sie ist das Chaos. Aber ohne Ordnung kann es kein Chaos geben und umgekehrt. Sie brauchen si...