Goal erwachte ganz allein. Sie setzte sich auf, leichte Kopfschmerzen hinderten sie für einen Moment, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Sie lag auf einem Feldbett. Schummeriges Licht erleuchtete die grünen Wände ihres Zeltes, das gerade einmal groß genug für das Bett und einen kleinen provisorischen Tisch war. Was war passiert? Sie rieb sich die Augen und versuchte, aufzustehen. Etwas wackelig auf den Beinen schaute sie an sich herunter. Sie trug noch immer die selbe Kleidung, aber frisch schien sie schon lange nicht mehr zu sein. Sie schüttelte kurz ihren Kopf und öffnete ihren Zopf. Dann griff sie sich ihren Rucksack, der neben dem Feldbett stand und verließ das Zelt.
„Goal! Du bist endlich wach!" Eine vertraute Stimme drang an ihr Ohr und Elaine kam auf sie zugeeilt. Hinter ihr kamen auch Abbas und Mia zum Vorschein. Ihnen ging es deutlich besser als ihr, sie waren weniger dreckig und schienen mit der jetzigen Situation vertrauter. Goal blickte sich um: Sie befand sich auf einer Waldlichtung, auf der sich rund zwei Dutzend Zelte befanden, einige so klein wie ihres, andere fast viermal so groß. In der Mitte des Platzes bauten einige Zwerge und zwei Genasi gerade ein kleines Holzhaus, das Grundgerüst stand jedenfalls schonmal.
„Was ist passiert? Wo sind wir?", fragte Goal verwirrt und wandte sich an ihre Gefährten. Die blickten einander kurz unentschlossen an, ehe Abbas das Wort ergriff: „Wir befinden uns zwischen Jita und Rotwasser. Woran erinnerst du dich noch?" „Dunkelheit", sagte Goal, aber es lang mehr nach einer Frage. Abbas nickte: „Yep. Wir können uns an vielmehr auch nicht erinnern. Anscheinend wurde aber das gesamte Gildengebäude zerstört und auch Jita in Mitleidenschaft gezogen." „Du kannst echt von Glück reden, dass du noch lebst, es sind viele umgekommen, habe ich gehört", raunte Mia leise. Goals Augen weiteten sich und sie erinnerte sich schlagartig. Panik breitete sich in ihr aus und ihr Herz begann heftig zu klopfen: „Milly-?" „Keine Sorge. Ihr geht es gut, sie ist hier irgendwo", Abbas legte ihr beruhigend den Rüssel auf die Schulter. „Valmenor übrigens auch", warf Elaine ein und die anderen nickten. „Wir sollten nachher zu ihr gehen. Sie meinte, sie will über deinen Gesundheitszustand informiert bleiben." Goal runzelte die Stirn: „Warum denn das?" Der Loxodon zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung." „Vorher solltest du dich aber auf jeden Fall waschen und vielleicht etwas essen", sagte Mia und grinste. Erst jetzt bemerkte Goal, wie hungrig sie war und nickte eifrig. „Komm, ich zeige dir den Bach", meinte Mia und hakte sich bei der Halbling ein.
Abbas schaute den beiden hinterher und seufzte. „Was ist los?", fragte Elaine und beäugte ihn argwöhnisch. „Ach nichts!", winkte er schnell ab und schenkte ihr ein Lächeln. Das war gelogen. Abbas fühlte sich unwohl. Nur zu gut kannte er Situationen wie diese. Früher hatte er oft Tage, wenn nicht sogar Monate in provisorischen Zeltlagern verbracht. Und es hatte nie etwas gutes gebracht, sondern früher oder später immer nur den Tod.
„He, du da!", riss ihn eine piepsige Stimme aus den Gedanken. Einer der Zwerge, die an dem Holzhaus arbeiteten, winkte zu Abbas herüber, „Magst du uns vielleicht ein wenig zu Hand gehen und die Baumstämme von dahinten holen?" Er deutete auf den Waldabschnitt hinter Goals Zelt. Abbas trötete, nickte und schaute Elaine auffordernd an: „Komm! Besser wir machen uns nützlich, als hier festzuwachsen."
Am Nachmittag versammelten sich die Vier vor einem großen, dunkelroten Zelt, dessen Eingang mit dunklen Tücher abgedeckt war. Im Inneren sah es fast so ähnlich aus wie Goals Zelt. Ein Feldbett stand in einer Ecke, ein Holztisch dominierte den übrigen Raum. An einer Seite standen ein paar große Kisten, die als Ablagefläche für Schüsseln und Krüge dienten. Kleidung lag mühelos zusammengefaltet vor den Kisten auf dem Boden, Schreibmaterialien und Bücher pflasterten den schmutzigen Waldboden. Valmenor erwartete sie bereits. Sie lehnte über den Tisch und machte sich einige Notizen. Wie auch zuvor sah sie gestresst aus und besorgt, schenkte ihnen jedoch ein kleines freundliches Lächeln, als sich Abbas zwischen den anderen ins Zelt quetschte.
„Ich sehe, du bist endlich aufgewacht", sagte sie zu Goal und legte ihren Federhalter beiseite. „Das ist schön zu erfahren. Es tut mir leid, dass wir unser Gildengebäude verloren haben, so kurz nach eurer Ankunft." Ehrlichkeit lag in ihrer tiefen Stimme während ihre Smaragdgrünen Augen von einem zum anderen wanderten. Mia zuckte mit den Schultern und Goal erwiderte: „Es war ja nicht Ihre Schuld." Valmenor stieß ein kurzes, abfälliges Lachen aus: „Das nicht, aber dennoch bin ich verantwortlich für die Sicherheit unserer Gilde und ich habe auf allen Ebenen versagt. Wir haben viele gute Seelen verloren. Ich hoffe, euch ist das bewusst." Ihre Schützlinge nickten langsam. „Wenn ich fragen darf", murmelte Abbas und räusperte sich, „Was genau ist vor zwei Tagen passiert? Ich erinnere mich nur noch an zwei Gestalten und plötzliche Dunkelheit." Valmenors Blick blieb einige Sekunden lang auf ihm hängen, ehe sie antwortete: „Genaues weiß ich nicht darüber. Niemand tut es. Es ist eine alte Prophezeihung, die besagt, dass sich die Dunkelheit über uns erheben wird. Vielleicht kennt ihr sie?" Alle schüttelten den Kopf. „Es wurde vorhergesagt, damals, während des Dunklen Kriegs, dass sich die Mächte erneut erheben würden, wenn genug Zeit verstrichen war." Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, blickte aber wieder nur in ratlose Gesichter. „Was war der ‚Dunkle Krieg'?", fragte Elaine. Abbas Gehirn ratterte. Der Name kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht so recht, wieso oder woher. Valmenor seufzte und streckte ihren Rücken durch, wodurch sie ein bisschen größer war als Elaine.
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Der Gefallene Gott
FantasyEigentlich wollten Abbas, Elaine, Goal und Mia nur einen stabilen, sicheren neuen Lebensabschnitt als Mitglieder der Handelsgilde beginnen - Doch ein Chaos aus Ereignissen zieht sie tiefer hinab in das Netz der Legenden und Mythen einer längst verge...
