Elaine konnte nicht schlafen. Sie starrte auf den bewölkten Himmel über sich und versuchte, den Mond zu finden, aber alles, was sie ausmachen konnte, war sein dunstig kalter Schein durch die Wolkendecke hindurch. Nachdenklich fasste sie an die Kette um ihren Hals und fuhr mit den Fingern die geschliffenen Ränder Kjall’s nach.
Sie dachte an Goal’s Worte und blickte instinktiv zur Halbling hinüber, um sicherzugehen, dass es ihr gut ging. Goal schlief eingerollt auf ihrem Schlafsack und atmete friedlich. Doch das beruhigte Elaine nicht so, wie sie gehofft hatte.
Frustriert seufzte sie und stand leise auf. Vielleicht würde es helfen, etwas am Fluss entlang zu gehen. Der Yangar lag dunkel und plätschernd neben ihnen.
Das Manta-Archipel war Elaine schmerzlicherweise ein bekannter Begriff. Man brauchte knapp eine Tagesseereise vom Nördlichen Hafen Westwend’s bis zu einer seiner äußeren Inseln. Warum hatte niemand über den Vorfall des Angriffes berichtet? Elaine schüttelte den Kopf. Sie hätte es nicht mitbekommen können. Sie war seit circa 10 Jahren nicht mehr in der Stadt gewesen. Trotzdem fühlte sie sich schlecht.
Die Elfe setzte sich an eine ruhige Stelle am Wasser und streckte die Hand aus. Alyssa’s Trick strich gedanklich durch ihren Geist und Elaine konnte nicht anders als es zu versuchen. Sie beschwor einen leise knisternden Feuerball und nutzte ihre andere Hand, um die züngelnden Flammen zu formen, wie Blütenblätter, die langsam wachsen. Kjall summte im Einklang mit ihrer Magie und sie musste zugeben, dass es durch ihn deutlich einfacher war, Zauber zu wirken.
Das rot-orangene Licht der Flamme spiegelte sich im Wasser und Elaine riskierte einen Blick auf ihr Spiegelbild. Sie bereute es im nächsten Augenblick.
Ihre lilafarbenen Augen glänzten in einem traurigen Purpur, das ungewaschene Haar fiel ihr in dunkelblauen Strähnen ins Gesicht. Es war ein wenig länger gewachsen und Elaine hasste es. Es machte sie zu dem, was sie nicht an sich mochte.
„Alles in Ordnung?“, hörte sie eine bekannte Stimme neben sich und Mia setzte sich zu ihr. Sofort nutze Elaine ihre Magie, um sich umzuändern. Die blauen Strähnen färbten sich braun und wurden zu einem Haarknoten an ihrem Hinterkopf. Mia seufzte: „Du musst das nicht tun.“ Sie legte behutsam ihre Hand auf Elaine’s Schulter und versuchte sich an einem Lächeln: „Ich weiß, wie du ohne Magie aussiehst – ziemlich gut. Du musst das nicht vor uns verstecken.“ „Warum bist du wach?“ Die Elfe versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie sich unwohl fühlte, auch wenn es dafür vermutlich schon zu spät war. „Ich habe gehört, wie du aufgestanden bist“, gab Mia zu und deutete auf den Fluss, „Und der Yangar ist jetzt auch nicht der leiseste Fluss der Welt. Ich habe keine Ahnung, wie die anderen bei dem Getöse schlafen können…“ Elaine konnte nicht anders, als zu kichern. Die Halbling stupste sie freundschaftlich mit der Schulter an: „Also, was ist los?“
Elaine zuckte mit den Schultern, antwortete aber dennoch: „Hast du manchmal auch das Gefühl, nicht richtig zu sein, wie du bist?“ Die Frage stand einen Moment still in der Luft, wurde vom Rauschen des Yangar hin und her getrieben, ehe Mia die richtigen Worte fand. „Viel zu oft“, flüsterte sie und holte ihren Dolch heraus. „Als Goal vorhin von ihrer Familie erzählt hat, war ich kurz neidisch“, lachte die Halbling trocken, aber es lag kein Humor in ihrer Stimme,
„Ich hatte sowas nicht. Ein Zuhause. Einen Ort, an den ich gehöre.“
Es war nicht ganz das, was Elaine eigentlich hatte ansprechen wollen, aber sie hörte Mia zu und nickte wissend: „Manchmal ist ein Zuhause aber auch kein Ort mehr, der sich heimisch anfühlt…“ „Das kann schon sein“, murmelte Mia schulterzuckend und hob einen Stein auf, den sie ins Wasser warf. Plätschernd durchbrach er die Oberfläche.
Ihre Worte waren rau und missgünstig: „Ich wünschte nur, ich hätte zumindest einmal die Chance auf ein normales Leben gehabt.“ „Hey sieh uns an“, schmunzelte Elaine, „Wir sind fünf komische Abenteurer in einem Wald, irgendwo im Süden und auf der Suche nach einem weiteren magischen Artefakt, um einen magischen Vielleicht-Krieg abzuwenden, der uns alle ins Verderben stürzen könnte – Also Normaler geht’s doch kaum!“ Jetzt musste die Halbling schallend lachen. Elaine zischte verschwörerisch: „Hey nicht so laut, sonst weckst du vielleicht die anderen-“
Weiter kam Elaine nicht, als sich mit einem Satz eine dunkle Gestalt auf sie stürzte und Mia mit dem Rücken zu Boden stieß. In der Dunkelheit hatte die Halbling Probleme, genau zu verstehen, was passiert war, aber den Geruch, der ihr entgegenschlug, als die zwei Kämpfenden ins Wasser taumelten, war ihr nur allzu sehr bekannt. Sie sprang auf und rannte in Richtung des Lagers und schrie aus voller Kehle: „WOLFSANGRIFF!“
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Abbas war sofort hellwach. Muskelgedächtnis und jahrzehntelanges Training halfen ihm innerhalb von Sekunden auf die Beinen und machten ihn angriffsbereit.
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Der Gefallene Gott
FantasyEigentlich wollten Abbas, Elaine, Goal und Mia nur einen stabilen, sicheren neuen Lebensabschnitt als Mitglieder der Handelsgilde beginnen - Doch ein Chaos aus Ereignissen zieht sie tiefer hinab in das Netz der Legenden und Mythen einer längst verge...
