20. Kapitel

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Abschied

Der Weg zurück war nicht sehr spannend gewesen. Aber sie waren um so schneller wieder im Dorf gewesen. Bernstein hatte das Gift vorbereitet und stand nun mit dem Blatt voller zermalmter Blüten vor Rabe. "Bist... du dir wirklich sicher? Überleg es dir noch einmal" bestand sie darauf. Er schüttelte schwach den Kopf. "Aber wenn du das hier isst, gibt es kein zurück mehr. Du wirst auch nicht sofort sterben..." erklärte sie ihm. "Was spielt das für eine Rolle?" krächzte Rabe schwach. Bernstein kniff die Augen besorgt zusammen. Dann fiel ihr Falke ein. "Das hätte ich beinahe vergessen" erinnerte sich Bernstein und nahm die Feder. Sie legte sie vor Rabe ab. "Die ist von Falke... Er bittet um Vergebung" richtete sie aus. Rabe lächelte schwach. "Vielleicht wird aus ihm doch noch ein guter Kerl" sagte er zitternd und beugte sich nun zu den Blüten vor. Ihre innere Stimme schrie danach ihn auf zu halten. Doch sie wusste das es seine Entscheidung war. "Du musst das nicht tun... wirklich" flehte Bernstein. Rabe sah sie mit trüben schmerzerfüllten Augen an. "Versprichst du mir, dass du dir keine Vorwürfe machen wirst?" fragte er schwach. Sie zögerte. Doch sie wusste das es eh so kommen würde. Also nickte sie einfach. "Du bist nicht schuld, es ist meine Entscheidung" wiederholte er und leckte dann zitternd vor schmerzen die giftigen Blüten auf. Nun gab es kein zurück mehr.

Es war schon eine Weile her, seit Rabe das Gift zu sich genommen hatte. Sein Ende nahte mit jedem Atemzug. Symthome waren schon lange aufgetreten. Er litt unter Magenkrämpfen, übelkeit und hohem Fieber. Bernstein ging zu ihm und hielt ihr Ohr an seine Brust. Auch sein Herz schlug unregelmässig. Sie konnte es nicht fassen. Konnte dies nicht einfach ein Traum sein? Mond und Sonnenseelen, warum liessen sie so etwas nur zu? Sie wusste ja, dass es besser für Rabe war, aber sie wollte es nicht hinnehmen. Noch heute würde sie Rabe verlieren. Dieser Gedanke nagte an ihr und schien sie zu verschlingen. Sie durfte nicht daran denken. "Wirds schlimmer?" fragte sie heiser. Rabe nickte nur mit zusammengepresstem Auge. Bernstein legte die Ohren an. Ihr blieb nur noch zu warten, bis das Gift in seinem Körper siegte. Warum hatte sie das zugelassen? Rot kam mit einer neuen Ladung Kräuter. "Was ist den los?" hauchte die schülerin geschockt, als sie sah wie sehr sich Rabes Zustand verschlechtert hatte. Bernstein sah sie an. Wie sollte sie es ihr schonend beibringen? "Rot hör bitte zu, Rabe leidet sehr. Und er wird nicht gesund werden, er hat mich gebeten sein Leiden zu verkürzen" versuchte sie zu erklären. "Was?!" rief Rot aus und sah zu den Blütenresten. "Hast du ihn vergiftet?" rief Rot schockiert aus. "Er wollte es so" erklärte sie. "Ich dachte du bist Schamanin!" Rot klang wütend und verwirrt. "Es gibt keine Heilung für ihn." Die rote Füchsin schüttelte den Kopf. "Du sagtest aber..." Bernstein unterbrach sie:"Es gibt keine. Ich hab das nicht nur dir eingeredet, auch mir selbst!" versuchte sie ihr klar zu machen. Doch sie schüttelte en Kopf. "Du tötest ihn. Du wirst schuld an seinem Tod sein! Dieser tagelange Kampf, wofür? Nichts!" Rot verliess den Bau und lies sie alleine. Bernstein überkamen Zweifel. Rabe sah so gequält aus. Noch mehr als sonst. Als würde er schreien wollen:"Es soll aufhören, wann sterbe ich endlich? Ich leide..." Es versetzte ihr immer einen Stich ins Herz den Bernstein erstarren liess. Die Schamanin konnte sich so oft fragen, warum das passieren musste, eine Antwort bekam sie eh nicht. "Es ist das richtige, glaub mir. Und Rabe weiss es auch, sonst hätte er diese Entscheidung nicht getroffen" Bernstein zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte ihren Grossvater nich hineinkommen hören. "Das weiss ich ja, trotzdem fühlt es sich nich richtig an." Ahorn legte tröstend seinen Kopf auf ihrem ab. "Ich weiss es ist schwer. Aber du musst stark sein, was denkst du denn, wie es für Rabe ist?" fragte der alte Fuchs und deutete mit der Schnauze auf ihren Gefährten. Bernstein blieb stumm. Ahorn sah sie wieder an. "Es tut mit leid, wegen heute Morgen..." entschuldigte sich Bernstein. "Deine Reaktion ist verständlich. Es geht hier um den Fuchs, den du liebst. Deswegen... habe ich damals auch so gehandelt. Nur schlimmer. Niemand ist perfekt, wir alle haben unseren Schatten" erklärte der rotbraune Fuchs. "Bernstein" hauchte Rabe plötzlich schwach. Sie stand sofort auf und kauerte sich zu ihm. Ahorn verliess den Bau ohne ein Wort. "Was ist los?" fragte sie. "Ich spüre, wie mein Ende naht... Ich will einfach nur deine Stimme hören..." erklärte der schwarze Fuchs. "Und ich deine..." flüsterte sie. Bernstein nahm die Feder auf und legte sie näher zu ihm. Doch Rabe stiess sie mit seiner Pfote wieder zurück zu ihr. Er schüttelte den Kopf so gut es eben ging. "Ich brauche sie nicht... Ich will, dass sie dir gehört" krächzte er leise. Bernstrein sah ihn mit glasigen Augen an. "Wozu?" Rabe holte kurz Atem und antwortete:"Damit du dich an mich erinnerst und du weisst, das du eine richtige Corva bist. Ich verdanke dir so viel. Dank dir hatte ich diese glücklichen Momente. Ich wünschte sie wären länger... Ohne dich, hätte ich mich vielleicht schon in den Tod gestürzt..." er wollte weiter reden, aber es fehlte ihm die Kraft. "Ich wünschte, dass unsere Zeit zusammen nie endet..." erklärte sie, schloss die Augen und liess den Kopf hängen. Rabe legte seine Pfote auf ihre. "Ich werde bei der Sonne auf dich warten. Nein, ich werde immer bei dir sein. Egal was es kostet ich werde dich weiter beschützen... Und ich bin sicher du wirst gut auf die Corvas aufpassen... Unser Vermächtnis..." keuchte er. Bernstein sah schmerzlich auf seine Pfote die auf ihrer lag. "Ich werde dich auch bei den Sonnenseelen lieben..." fügte er noch hinzu. Bernstein legte traurig ihren Kopf auf seiner Flanke ab. "Ich will nicht das du gehst... du gehörst hier her! Bei mir..." schluchzte sie. Rabe antwortete nicht. "Rabe?" flüsterte sie. Doch es blieb still. Voller Trauer und Schmerz lauschte sie wie sein Atem ganz plötzlich aussetzte und sein letzter Herzschlag folgte. Bernstein biss die Zähne zusammen und unterdrückte ein Jaulen. Sie schloss die Augen und schluchzte vor sich hin. Nun war sie allein. Rabe war fort... "Mögest du sicher bei den Sonnenseelen angekommen sein. Und grüss deine Eltern und Geschwister von mir..." sagte sie und versuchte etwas zu lächeln. Er würde sie nun endlich wiedersehen... Seine Familie. Bernstein versuchte sich auf die Pfoten zu kämpfen. Aber es war so unglaublich schwer, dass sie bei ihm liegen blieb. Sie hörte wie sich jemand hecktisch in den Bau zwängte. Sie sah zum Eingang und sah ihrem Vater in die Augen. Er blickte zuerst sie an, dann blickte er zu Rabe. Er schien gerannt zu sein und blickte traurig und geschockt. Schneejäger wollte es wohl auch nicht glauben. Sie konnte ihm nicht länger in die Augen schauen. Schluchzend und wimmernd schloss sie die Augen. Ihr Vater kauerte sich schnell zu ihr und drückte sich an sie. "Ganz ruhig. Es ist vorbei..." versuchte er seine Tochter zu beruhigen. Das ist es ja! Es ist vorbei! "Er ist tot, Papa... Er ist nich mehr da, niemehr!" brachte sie stotternd hervor. "Er wird immer bei uns sein und uns beschützen" antwortete ihr Vater tröstend. "Warum er..." wimmerte Bernstein und verstummte vor Trauer. Schneejäger seufzte, antwortete aber nicht und legte nur seinen Kopf auf ihre Stirn. Lichtung und Biberdamm kamen hinein. Sie blickten auch fassungslos zu Rabe. "Bringt ihn raus" befahl ihr Vater den Wächtern. "Komm Bernstein, es ist besser wenn du jetzt etwas raus kannst" riet der weisse Fuchs, während Lichtung und Biberdamm sich an Rabes Leiche wandten. "Seid vorsichtig mit ihm" mahnte sie traurig. Dann folgte sie Schneejäger hinaus. Die Sonne ging schon unter. Schneejäger führte sie zu einem abgelegenen Platz. "Setz dich etwas." Bernstein tat was er sagte. Dieses warum hallte in ihren Gedanken. Sie sah aus dem Augenwinkel, dass Borke sich von einem Gespräch mit Ahorn löste und auf sie zu sprang. Doch Schneejäger stellte sich ihm in den Weg. "Lass sie gerade lieber etwas in ruhe" riet der weisse Fuchs seinem Sohn. Sie brauchte gerade niemanden bei sich, da hatte ihr Vater recht. Sie brauchte doch nur Rabe bei ihr... Ihr Vater stapfte wütend auf Ahorn zu. "Warum hast du das getan?! Ich hätte nie schweigen sollen!" Bernstein sah auf und beobachtete das ganze schluchzend. "Es musste so passieren" engegnete ihr Grossvater nur. Ihr Vater musste sehr wütend sein. Nur weshalb? "Ohne diese Abmachung würde Rabe jetzt leben!" Abmachung? Bernstein stand auf und trottete zu ihnen. "Was redet ihr da?" fragte sie verwirrt. Die beiden sahen sie überrascht an, weil sie plötzlich da war. Schneejäger und Ahornwald warfen sich kurze Blicke zu. Dann drehte sich ihr Vater ganz zu ihr um. "Bernstein... als ich Ahorn wieder sah, musste ich ihm versprechen dir nicht zu sagen, dass ich Sternenhimmel für die Schuldige halte. Er sagte, es sei wichtig, denn sonst würde etwas nich passieren, was passieren muss. Damit war Rabes Tod gemeint" erklärte ihr Vater verärgert über Ahorn. "Ich habe ihn zu der Jagdrotte geschickt, damit er von deiner Zeremonie hört, weil Ahorn meinte er würde dann sicher zu dir wollen. Für die Wahrheit..." Bernsteins Beine schienen wieder nach zu geben. Ahorn hatte das alles gewusst und sogar darauf zugesteuert! Wie konnte Grossvater ihr das antun!? "Er hätte nicht sterben müssen? Er wäre jetzt hier? Bei mir?" fragte Bernstein fassungslos und stotternd. "Es tut mir Leid Bernstein.... du wirst verstehen warum, irgendwann. Es musste Rabes  Schicksal sein..." wandte der rotbraune Fuchs ein. "Nein! Ich will es nicht verstehen!" Es gab nun kein zurück mehr. Keine Möglichkeit Rabe zurück zu holen. Gar nichts! Das alles war viel zu viel für sie. Die Wächter hatten Rabes Leiche in der Dorfmitte abgelegten. So sprang Bernstein zu der Leiche. Dort legte sie sich zu ihm. Sie lag sehr lange schluchzend dort. Doch sie nahm die Zeit die verging nicht mehr war. Dann schloss sie die Augen und fiel in den Schlaf...

Es war der nächste Morgen, als Bernstein aufwachte. Sie öffnete verschlafen die Augen und bemerkte, dass sie neben Rabe eingeschlafen war. Sein Körper war ganz kalt. Bernstein lief ein schaudern über den Rücken. Ihre Augen wurden wieder ganz feucht. Es war also doch wahr. Der Alptraum hielt an... Wirbelwind trat von einer Fuchsgruppe auf sie zu. "Hey, magst du vielleicht etwas essen?" fragte er scheu. Sie schüttelte nur den Kopf. Sie hatte kein Hunger. Wie konnte man jetzt an Essen denken? "Verstehe..." murmelte er und setzte sich. Es blieb Still. Es schien im ganzen Dorf eine bedrückte Stimmung zu sein. Der Anführer war wohl wirklich das Herz jedes Stammes. "Weisst du... ich habe Rabe immer bewundert, seit ich hier war" sagte Wind dann. Bernstein sah auf. "Er wusste immer was zu tun war und hatte nie Angst" erklärte Wirbelwind. "Er war nicht immer so" sagte sie. "Nicht?" fragte er und kauerte sich neben sie. "Er war früher sehr brummig und still, wollte nichts mit anderen Füchsen zutun haben" erklärte sie und lächelte dabei als sie an ihre erste Zeit mit Rabe dachte. "Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Hier war er sehr offen, hat sich immer zu Gruppen gesellt, hat bei jeder Gelegenheit von dir geredet" erzählte ihr der Wächter. "Hat er das?" fragte sie und musste lächeln. "Oh ja, du kannst alle fragen" versicherte er belustigt. "Darf ich kurz stören?" fragte Lichtung, die plötzlich bei ihnen war. Die Füchse hatten sich kurz erschreckt, weil sie die Wächterin nicht hatten kommen hören. Lichtung sah sie mitfühlend  an. "Meine Kollegen wollten wissen, ob du weisst wo Rabe gerne seine Ruhestätte haben wollen würde..." erklärte die weisse Füchsin zögernd. Bernsteins lächeln verging wieder. "Ich weiss nicht..." murmelte Bernstein und sah sich um. Rabe mochte es, alles im Blick zu haben. Ihr blick festigte sich an einem Baum der auf dem Hügel lag, welcher das Dorf einkesselte. Dort würde es Rabe gefallen. Würde... Es war so komisch von Rabe in der Vergangenheit zu sprechen. Es schmerzte jedes Mal...

Es war gerade Mittag als der Stamm sich bei dem Baum versammelt hatte. Das Grab in der Mitte war nicht nur ein Loch in der Erde. Es fühlte sich an wie ein Loch in ihrem Herzen als sie Rabe dort hinein legten. Bernstein zitterte und verkniff sich die Schluchzer. Ihr Vater stand dicht neben ihr und stand ihr bei. Auch ihr Bruder und Ahorn waren bei ihr. Trotzdem überflutete sie die Trauer. Die Wächter traten beiseite als sie Rabe ins Grab gelegt hatten. Alle Füchse hatten die Köpfe gesenkt und den Schweif zwischen die Hinterbeine geklemmt, um dem Toten Respekt zu zeigen. "Willst du noch etwas sagen?" flüsterte ihr Vater sanft. Wollte sie überhaupt? Konnte sie es? "Du musst nicht" Bernstein schüttelte den Kopf. "Er hat es verdient" erklärte sie und trat voran zum Grab ihres Gefährten. Zuerst dachte sie, sie ertrug es nicht, als sie Rabe in diesem Loch sah, doch sie atmete durch und wandte sich dann an ihr Volk. "Corvas... Ich weiss eigentlich genau so wenig wie ihr, was ich dazu sagen soll..." fing sie an. "Ein Fuchs ist von uns gegangen. Ein Fuchs, den ich schon lange kenne, der mich begleitet hat, auf meiner Suche nach der Wahrheit. Wir haben sie gefunden und es kostete sie sein Leben." Bernstein sah zu Boden und sammelte ihre Worte. Dann sah sie auf. Sie konnte Rot ausmachen. Die Schülerin sass abseits  und sah zu Boden. Die rote Füchsin nahm es ihr wirklich sehr übel... "Ohne ihn, würden wir hier heute nicht stehen. Er hat an die Corvas geglaubt, oder eher gesagt, er hat an euch geglaubt. Sorgen wir dafür, dass er nicht umsonst gestorben ist." Die Wächter liesen Erde auf Rabe nieder rieseln. Und so verschlossen sie das Grab langsam. Ein anderer Wächter trug den flachen Grabstein her und setzten ihn auf die lockere Erde. Bernstein stellte sich vor das Grab. Schneejäger brachte ihr einen Stein so scharf wie eine Klinge. Sie sah ihn kurz an. Dann schnitt sie ihre Pfotenballe damit auf. Sofort rann Blut aus der Schnittwunde. Sie zeichnete mit ihrem Blut so gut es ging einen fliegenden Raben. Freiheit. Dies war immer sein Traum gewesen. "Ruhe als Teil der Sonne. Möge sie uns erleuchten. Möge sie uns wärmen. Möge sie uns beschützen und Rabe bei sich aufnehmen, bis wir ihn bei der Sonne wiedersehen, bis wir bei dir bleiben" sprach Schneejäger neben ihr. Der ganze Stamm sprach:" Bis wir dich wiedersehen, bis wir bei dir bleiben." Sie konnte sich ein Schlutzen nicht verkneifen als der ganze Stamm gesprochen hatte. Plötzlich erklang ein krächzender Laut. Ein Rabe flog aus dem Baum. Bernstein hatte sich nicht erinnern können, dass dort ein Rabe gesessen hatte. Er flog zur Sonne hin. Bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Ihr Herz wollte zerspringen. War dies seine Seele gewesen, die zur Sonne geflogen war? Es spielte keine Rolle ob er es gewesen war. Bernstein musste zuende bringen, was Rabe wollte. Es war Zeit Sonne und Mond zu vereinen...

Legends Of The SunGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt