„Du hast was getan?", du gabst dir die Größte Mühe ernst zu bleiben, während du deine Teetasse absetztest. Ein leises Kichern konntest du dir jedoch nicht verkneifen. Nikolai blickte zur Seite. Trotzdem konntest du die Rötung seiner Wangen sehen. Dein Lachen wurde etwas lauter. Es dauerte eine Weile, bis du wieder vollkommen ernst sein konntest.
„Du hast ihr einen Antrag gemacht? Diesen kleinen, zierlichen Mädchen mit den weißen Haaren? Du hast ihr einen Antrag gemacht, obwohl du genau weißt, dass sie ihren hübschen Fährtensucher liebt?"
Du gabst dein Bestes, nicht wieder los zu kichern. Dieses Mal funktionierte es sogar. Eigentlich fandest du die Situation überhaupt nicht so unglaublich belustigend. Eigentlich warst du in Wahrheit einfach nur furchtbar eifersüchtig, auf dieses Mädchen, das die Kraft des Lichts besaß, während Ravka in Dunkelheit versank.
Nicht dass du als Heilige verehrt werden wolltest. Du wolltest nur dass er dich so ansah, wie er drein schaute wenn er von Alina Starkov sprach. Du wolltest, er hätte dir den Ring mit den funkelten Smaragden gegeben. Er sollte mehr, als nur einen Freund in dir sehen.
„Ich habe ihr erklärt, wie hilfreich es wäre, wenn sie zustimmen würde, meine Zarin zu sein."
Wieder grinstest du breit, obwohl du am liebsten sein wunderschönes Gesicht zerkratzt hättest. „Gehe ich recht in der Annahme, dass sie dich abserviert hat?"
Er richtete den Blick zur gläsernen Kuppel über euren Köpfen ohne zu antworten. Du lehntest dich auf den kleinen Sofa zurück und betrachtetest den Prinzen.
Wann genau ihr euch kennengelernt hattet, wusstest du nicht mehr. Irgendwann wart ihr schließlich dem, was man Freunde nannte, ziemlich nahe gekommen. Und dann war dir aufgefallen, dass du ihn eigentlich noch viel mehr mochtest.
Damals war er noch Sturmhond gewesen. Als Nikolai war er natürlich genauso umwerfend. Er spielte alle seine Rollen perfekt. Er war dafür gemacht, dieses Spiel zu spielen, in dem es um den Thron und das gesamte Reich ging.
Es kam dir unglaubwürdig vor, dass ihr im Grunde gleich wart. Einfache Menschen. Sterblich. Vergänglich.
Und doch war er irgendwie anders, als du. Er war umwerfend schön, fast wie die Grisha. Und so gewieft, dass du dich manchmal fragtest ob nicht etwas mehr als pure Intelligenz dahinter steckte.
Du beobachtetest wie er mit langsamen Schritten auf dich zu kam und sich seufzend neben dich auf die gepolsterte Holzplatte fallen ließ. Tröstend tätscheltest du sein Knie.
„Irgendwann findest du bestimmt jemanden, der mit dich heiraten möchte. Immerhin bist du ein Prinz. Mädchen stehen auf sowas. Manche jedenfalls."
„Sie denken, Zarin zu sein bedeutet nichts weiter, als schön auszusehen, lächeln und mit mir ins Bett zu steigen. Immer sehr beruhigend, zu hören, dass man meinen hohen Stand und mein hübsches Gesicht liebt."
Er lächelte verloren und griff nach deiner Hand. Beinahe wärst du zurückgeschreckt. Unsicher sahst du zu, wie er deine Finger musterte.
„Warum kann es nicht so einfach sein?", murmelte er.
„Was meinst du?" Deine Stimme war heiser, als du diese Worte sprachst.
„Warum kann ich nicht einfach krönen, wen ich liebe?"
Du versuchtest den Stich in deinem Herzen zu ignorieren, zogst jedoch deine Hand zurück. Seine Worte schlugen tiefere Wunden, als Klingen aus Stahl es je vermocht hätten. Manchmal hasstest du ihn. Weil es so schwer war, ihn zu lieben, ohne dass er Wind davon bekam.
„Warum krönst du nicht einfach den nächsten Schmetterling, der vorbei fliegt und alles ist wieder gut?", schlugst du enthusiastisch vor. Er sollte nicht merken, wie verletzlich du warst.
„Hier gibt es keine Schmetterlinge. Keine Krone für die Insekten."
„Ich hasse die Berge."
Nikolai zuckte mit den Schultern. „Solange der Dunkle uns nicht findet."
Du seufztest dramatisch und griffst nach deiner Tasse. Nikolai verfolgte deine Bewegungen mit müden Blick. Wann hatte er das letzte Mal länger, als nur ein paar Stunden geschlafen?
„Du solltest dich ausruhen", rietst du ihm. „Du siehst aus, als wärst du gerade aus deinem eigenen Grab geklettert."
„Du bist charmant wie immer, Y/N." Ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Du zucktest mit den Schultern.
„Nicht einmal du kannst immer total umwerfend aussehen."
„Ist das ein Kompliment?"
„Soll ich dich wieder beleidigen?"
Nikolai winkte ab. „Ich verzichte."
Du lachtest leise auf und nipptest an deinem Tee.
„Vermisst du das Meer?", fragte er plötzlich. „Die Freiheit? Die Unabhängigkeit?"
„Ich vermisse es, dich unbeschwert zu sehen. Ohne dunkle Ringe unter den Augen. Ich vermisse es, nicht zu wissen, dass du eigentlich der Erbe dieses Reiches bist. Ich vermisse es, mir vorzustellen, ich hätte eine Chance, ohne mir im Klaren darüber zu sein, dass du mich ohnehin niemals lieben kannst."
Du hattest die Worte gesprochen, ehe dir bewusst wurde, was du eigentlich sagtest. Erst als Nikolai dich entsetzt anstarrte, erkanntest du deinen Fehler.
„Ich...", fingst du an, doch Nikolai unterbrach dich.
„Sag das noch einmal", forderte er leise. Du konntest die Sehnsucht in seiner Stimme hören. Dein Herz schlug einen schnelleren Ton an.
„Sag mir, dass du mich liebst, Y/N."
Du stelltest die Tasse auf das kleine Tischchen zurück, ansonsten hättest du sie womöglich fallen gelassen.
„Nikolai ... ", flüstertest du heiser.
„Brich mein Herz."
Seine Hand schien auf deiner kühlen Wange zu brennen, als er dein Gesicht umfasste. Sein Blick war so intensiv, als würde er auf den Grund deiner Seele schauen können. Du schaudertest.
„Nikolai ...", wiederholtest du, immer noch fassungslos, während er dich weiter erwartungsvoll ansah. Vielleicht war dies nun doch der rechte Augenblick für die Wahrheit.
„Bitte, Y/N."
Du holtest tief Luft. Machtest dich breit, deine Gedanken der letzen Minuten laut auszusprechen.
„Ich hasse dich", fingst du an. Das Entsetzten auf Nikolais Gesicht zauberte dir ein Lächeln auf die Lippen. „Ich hasse alles an dir. Die Art, wie du lachst. Die Tatsache, dass du so furchtbar unwiderstehlich bist. So charmant. So unglaublich wunderschön, dass mein Herz manchmal aussetzt, wenn ich dich nur ansehe. Ich hasse dich, weil es so schwierig ist dich zu lieben. Und ich tue genau das. Ich liebe dich, Nikolai. Ganz gleich, welche Masken du trägst und welche Rollen du spielst. Ich liebe dich. Habe ich schon immer getan. Seit du mir als Sturmhond einen Platz in deiner Mannschaft angeboten hast. Seit du mir einen Platz an deiner Seite angeboten hast."
Du hieltst einen Moment inne, um Luft zu holen, doch du kamst gar nicht mehr dazu weiter zu sprechen. Nikolais Lippen pressten sich auf deinen Mund, ehe du noch einen weiteren Gedanken fassen konntest.
In diesen Moment, war dein Glück vollständig. Dies war alles, wovon du geträumt hattest. Jedoch war dieser Traum nur von kurzer Dauer.
Noch bevor der nächste Tag anbrach, startete der Dunkle seinen Angriff.
Es geschah ganz plötzlich. Von einem Moment auf den nächsten war Nikolai in die Haupthalle gestürmt. Natürlich warst ihm nach gelaufen, obwohl er es dir ausdrücklich verboten hatte.
Du hättest auf ihn hören sollen. Du hättest ihm vertrauen sollen. Stattdessen erblicktest du die schwarzen Schatten, die vom Himmel fielen, wie Regentropfen. Du hörtest die Schreie der Menschen, die von den dunklen Wesen zerfetzt wurden. Der metallische Geruch von Blut erfüllte die Luft. Die Präsenz des Todes war beinahe greifbar.
Der Schrecken ließ dich erstarren. Mit weit aufgerissenen Augen starrtest du nach oben. Eine der schwarzen Gestalten schoss direkt auf dich zu. Du warst dazu ausgebildet worden, Leben zu nehmen. Du hattest in der ersten Armee gedient, bevor du weggelaufen warst, weil du es nicht ertragen hattest, zu Töten. Du warst schwach und dessen warst du dir auch durchaus bewusst, doch noch nie hattest du es so gehasst, wie in diesen Moment.
Irgendwo in der Ferne rief jemand deinen Namen. Du erkanntest Nikolais Stimme. Hörtest das Grauen darin und bereutest deine eigene Dummheit.
Du blicktest dem Monster entgegen. Jegliche Furcht wich von dir. Im Angesicht des Todes wurdest du vollkommen ruhig. Du hattest schon öfter darüber nachgedacht, wie sich Sterben wohl anfühlen würde. Jetzt fändest du es heraus.
Die klauenartige Hand streckte sich nach dir aus. Du spürtest die Kälte, die von dem Wesen ausging. Schmerz explodierte dumpf, als deine Brust zerfetzt wurde.
Erst jetzt fiel dir auf, dass du dich noch gar nicht verabschiedet hattest. Dabei gab es noch so viel, dass du Nikolai sagen wolltest. Wenigstens ein letztes Lebewohl.
Er würde bestimmt furchtbar entsetzt sein. Du lächeltest, als du an ihn dachtest.
Danktest ihm im Stillen dafür, dass er dein Leben ein kleines bisschen reicher gemacht hatte. Ein kleines bisschen besser.
Und bevor du noch einen weiteren Gedanken fassen konntest ertrankst du in der Dunkelheit, die du als Tod erkanntest.
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Random Oneshots
FanfictionGeschichten, die mir so durch den Kopf gehen Manchmal zu einzelnen Charaktere, manchmal zu Shippings Hauptsächlich dramatisch und traurig Erwartet nichts Umwerfendes Für Logik- und Rechtschreibfehler wird nicht gehaftet
