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Ein Vibrieren ließ Joanna Deankin aus dem Schlaf fahren. Als sie auf ihren Wecker schaute, zeigte dieser ihr 0:41 an. Verwirrt schaute sie sich nach dem Ursprung des Lärmes um, bis sie realisierte, dass ihr Handy klingelte, welches sie vergessen hatte auszuschalten.
Ein Blick auf das Display verriet, dass ihr ältester Sohn anrief. Wer auch sonst?
Seufzend stand Joanna auf und griff nach dem Handy

,,Louis, mein Schatz, einen Moment'', flüsterte sie und verließ so leise wie möglich den Raum, um ihren Mann nicht zu wecken. Dann schlich sie den Flur entlang ins Wohnzimmer und knipste das Licht an. ,,So''

,,Hab ich dich geweckt?'' fragte ihr Sohn etwas schuldbewusst. Joanna kicherte bei dieser Frage.
,,Ja, hast du. Weißt du, normale Menschen schlafen um diese Uhrzeit. Aber das ist nicht schlimm, ich denke es gibt einen Grund für deinen Anruf. Oder bist du mal wieder auf der anderen Seite der Weltkugel und hast die Zeitzone vergessen?''

,,Mum, du weißt, dass ich grad' nicht auf Tour bin."  Sie konnte Louis schmunzeln hören, bevor er fortfuhr.

,,Aber einen Grund gibt es wirklich.''
,,Na das will ich hoffen"

Louis zögerte kurz, dann sagte er:
,,Mum, vielleicht solltest du dich besser hinsetzen. Also... Nur zur Sicherheit.''

Joanna stutzte. Dass es dann doch so ernst war, hatte sie nicht gedacht. Sie hatte eher damit gerechnet, dass Louis einfach mal wieder eine Zuhörerin brauchte. Sowas war schon öfter vorgekommen, in der Zeit, in der Louis nicht zuhause war.
,,Na gut. So, ich sitze.''
Mit einem mal war Joanna mulmig zumute, doch Louis fing an, zu sprechen.
,,Weißt du, Briana hat mich heute mit einer Nachricht überrascht und... naja ich weiß nicht, wie ich damit jetzt umgehen soll, aber ich möchte ihr helfen und ich weiß nicht, wie.''

Sie seufzte. Wenn ihr Sohn um den heißen Brei herumredete, wusste Joanna, dass wirklich etwas nicht stimmte. Und sie wusste, dass sie das nur mit Klartext aus ihm herausbekam.
,,Louis, was ist mit Briana?"
Er zögerte. Sehr lange.
,,Louis?"
,,Und du sitzt auch wirklich?"
,,Ja, auf meinem Sofa. Also bitte hau raus.''
Erneute Stille. Joanna wusste, dass ihr Sohn gerade am anderen Ende mit Worten kämpfte, die ihm nicht über die Lippen kamen.
,,Na gut.'' Er zögerte noch einmal.
,,Briana ist... also sie ist...-''
Louis druckste herum und seiner Mutter schossen alle möglichen Dinge durch den Kopf.
,,Louis, rede jetzt bitte, sonst leg-''
,,Mum, du wirst Oma.''

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,,Oh'', war alles, was Joanna dazu sagen konnte. Ihr Innerstes zog sich freudig zusammen und ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht.

,,Wirklich? Ich meine - damit habe ich ja überhaupt nicht gerechnet.''

,,Ja Mum. Ich hab damit auch nicht gerechnet. Aber sie hat mir vor ein Paar Stunden den Test gezeigt.''

Sie freute sich mächtigig über diese Nachricht.
Nicht so, wie Louis, wie sie bemerkte, als er tief seufzte.
,,Lou, ich freu mich riesig für euch. Warum tust du das nicht?''

Eine kurze Stille entstamd, ehe Louis antwortete.
,,Ich glaube, ich bin einfach noch nicht bereit für ein Kind. Ich meine, das ist doch eine riesen Verantwortung.''
Er zögerte.
,,Ich weiß nicht, ob ich das schon kann.''

Seine Sorge verwunderte sie nicht im Geringsten, trotzdem wollte Joanna wissen, was Louis dazu bewegte, so zu denken.
,,Warum glaubst du das?''

Erneutes Zögern am anderen Ende der Leitung.

,,Weißt du, Mum, vor drei Monaten bin ich noch um die halbe Welt getourt. Da habe ich manches Hotelzimmer besser gekannt, als meine eigene Wohnung. Da konnte ich noch mit Liam irgendeinen Müll auf der Bühne veranstalten oder hab den Anderen Hasenohren gezeigt. Da war ich selber noch ein Kind.
Aber jetzt ist auf einmal alles so ernst. Ich soll mit meiner Musik alleine weitermachen und jetzt ist meine Freundin auch noch schwanger. Ich kann vielleicht zwei Gerichte vernünftig kochen und auch sonst gerade mal genug Verantwortung für mich selbst übernehmen, dass ich nicht bei vollem Kühlschrank verhungere. Das war's aber dann schon wieder.
Wie soll ich denn ein guter Vater sein?''

,,Du möchtest sagen, du fühlst dich noch nicht erwachsen genug?"

Von Louis kam nichts, doch das war ihr schon Antwort genug.

,,Lou, du kannst doch rechnen, oder?''
,,Was? Natürlich kann ich rechnen.''

,,Dann rechne doch mal. Ich werde bald 43, du bist vor kurzem 24 geworden. Wie alt war ich, als ich mit dir Schwanger war?''

Louis musste nicht lange überlegen.
,,Du warst 18. Aber die Geschi-"

,,Mir ist egal, ob du die Geschichte schon kennst. Glaubst du ich habe mich mit 18 erwachsen gefühlt? Ich habe genauso gedacht, wie du, Louis. Kein Stück anders. Aber weißt du, was verrückt ist? Der Junge, für den ich dachte, ich wäre noch nicht bereit sitzt jetzt am anderen Ende der Leitung und hat etwas geschafft, wofür ihn Millonen von Menschen beneiden würden. Er hat es nähmlich geschafft, seinen Traum zu leben.''

Joanna musste grinsen, bei der Vorstellung, dass ihr Sohn gerade dabei war, zu erröten.

,,Lou. Du bist mein ältester Sohn. Du warst dabei, als Lottie, Fizzy, Daisy, Pheobe und Ernest und Doris kamen. Du hast mir, auch als ich Hebamme war, immer geholfen. Sag nicht, dass du keine Verantwortung tragen kannst.
Ich kenne dich, ich weiß, dass du das kannst. Auch wenn es bestimmt nicht leicht werden wird, weiß ich, Lou, wenn ich das geschafft habe, wirst du es zu einhundert Prozent auch schaffen.''

Louis schwieg, doch sie wusste, dass ihr ältester Sohn über ihre Worte nachdenken würde. Das hatte er immer schon gemacht und Joanna wollte ihm dabei ganz sich selbst überlassen.
Sie gähnte herzhaft und erklärte ihrem Sohn, dass sie nun wieder ins Bett gehen würde.
Bevor sie sich jedoch ganz von ihm verabschiedete, fiel ihr noch ein, was Louis' eigentlicher Grund für den nächtlichen Anruf war.

,,Achso, und Louis? Wenn du Briana jetzt helfen willst, dann habe ich noch einen Tipo für dich. Versucht erstmal, euer Leben so weit wie möglich normal weiter zu führen. Noch wird es ja nicht von einem kleinen Fratz beeinflusst. Gib ihr einfach ein wenig halt, ja?''

Als Louis antwortete, zitterte seine Stimme vernehmlich.
,,Das werde ich machen, Mum.''

,,Ach, und nochwas.''

,,hm?''

,,Du kannst mich immer anrufen. Vorzugsweise vielleicht nicht nachts, aber sonst immer. Ich hoffe, du weißt das.''

Und als Antwort hörte sie sein Geflüster:
,,Danke, Mum. Für alles.''
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Midnight Sun


Still Wanted. - Larry StylinsonWo Geschichten leben. Entdecke jetzt