Kapitel 24

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Mutig steckte ich mir ein Pfefferspray in die Hosentasche und schulterte meinen Rucksack. Einen Moment überlegte ich noch, ob ich Sämtliches einpackte, was ich benötigte. Wenn ich etwas vergaß, konnte ich mir nicht viele Dinge besorgen. Das wenige Geld was ich zuvor einpackte, reichte für ein paar wenige Tage zu Essen. Ungeachtet dessen ging ich nicht davon aus, dass ich eine Ewigkeit blieb. Ich wollte es so schnell wie möglich hinter mir haben. Ich musste lediglich meine Mutter finden und sie fragen, was sie über meinen leiblichen Vater wusste, auch wenn es bloß ein Name war. Mehr nicht. Damit sollte auch Daryl klarkommen. Um den Rest konnte er sich selbst kümmern. Ich wollte mit dem Ganzen so wenig wie möglich zu tun haben.

Noch einmal schaute ich mich in meinen vertrauten vier Wänden um. Alles stand an seinem Platz und war aufgeräumt. So wie ich es mochte. Auch mein Bett war gemacht. Es sah aus, als kam ich jeden Moment wieder zurück. So wie sonst auch. Das Geld für Baltimore steckte ich ebenso in die Hosentasche. Zuvor informierte ich mich, welcher Bus mich direkt dorthin fuhr, ohne groß umzusteigen. Die Kohle für einen Direktflug hatte ich nicht. Aus diesem Grund blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Bus zu fahren. Das störte mich nicht. Es waren fast 200 Meilen. Die Fahrt dauerte vielleicht etwas über drei Stunden.

Wenn ich nur daran dachte, dass meine Vergangenheit schon in greifbarer Nähe war, wurde mir echt übel. Anbei schob ich mir die Kapuze über den Kopf. Es erinnerte mich an das Leben auf der Straße. Fast hätte ich nicht geglaubt, dass ich mich genau an jede Bewegung, an alles erinnerte, um zu verstecken, dass ich ein Mädchen war. Nun machte ich es nicht anders. Ich band mir mit Bandagen, die ich mir noch zuvor besorgte meine Brust soweit ab, dass ich nicht als solche durchging. Die weiten Klamotten und die Kapuze tat ihr Übriges. Somit dachte man ich sei ein Junge. Das reichte fürs Erste. Meine Haare schnitt ich nicht wieder ab. Dennoch wollte ich in eine Stadt, die als die gefährlichste Amerikas galt. Drogenprobleme, Vergewaltigung und Mord waren dort an der Tagesordnung.

Am liebsten wäre ich doch zu Ethan gegangen, um ihn zu bitten gleich mit mir mitzukommen. Jedoch wusste ich wie ich es anstellen musste unsichtbar zu sein. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, umklammerte den Henkel meines Rucksacks fester und entschied mich zu gehen, bevor ich es mir anders überlegte. Als ich einen Schritt auf den Gehweg machte, war es noch dunkel. Die Straßen leergefegt, als wussten sie genau, was ich vorhatte. Ethan saß sicher am Fenster und versuchte einen letzten Blick auf mich zu erhaschen. Ich kannte ihn zu gut. Die Sorge um mich fraß ihn innerlich auf. Aus diesem Grund installierte ich mir eine App auf meinem Handy, die ihm zeigte, wo ich mich genau befand. Das war gar nicht so schlecht. So konnte er mich finden, falls mir doch etwas passierte. Dennoch wollte ich nicht länger an diesem Ort wie nötig bleiben. Ich musste also wie ein Geist auch wieder verschwinden.

Mit einem Blick auf meine Uhr sah ich, dass es kurz vor fünf Uhr am Morgen war. Ich suchte mir diese Uhrzeit mit Grund aus. Ich wollte nämlich nicht abends dort ankommen. Des Weiteren kümmerte sich Ethan darum, dass ich ein Motel bekam, was auch schon bezahlt wurde. Zu Fuß war es leicht dieses zu erreichen, wenn man in das heruntergekommene Viertel wollte, in dem sich damals meine Mutter befand. »Was mache ich hier überhaupt?«, fragte ich mich selbst leise und schüttelte kaum merklich mit dem Kopf. »Du bist total bescheuert. Wie kann man bloß so hirnverbrannt sein und so etwas tun?«

Warum machte ich das überhaupt für jemanden, der es nicht für nötig hielt mich richtig aufzuklären. Noch immer wusste ich nichts weiter. Einerseits erzählte mir zwar Ethan einige Dinge, aber im Grunde wäre Daryl dafür vorgesehen gewesen, mir zu sagen weswegen ich das überhaupt auf mich nehmen musste. In meinem Kopf allerdings versuchte mich augenblicklich eine Erinnerung zu überschwemmen. »Verschwinde!«, zischte ich und rieb mir über die Schläfe. Im Anschluss spähte ich nach links und rechts und überquerte hastig eine mehrspurige Straße. Da noch nicht viele Autos unterwegs waren, blinkte lediglich das gelbe Licht in der Mitte einer Ampel, was die Dunkelheit etwas erhellte und fast schon schmerzlich ins Auge stach, wenn man nach oben schaute.

Midnight - Ruf der WölfeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt