Schweigend saß ich auf einem der gebrechlich aussehenden, weißen Klappstühle im Krankenhaus, mit dem beißenden Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase und dem Geräusch von piependen Geräten im Ohr.
Teilnahmslos starrte ich in die Luft, nahm die vielen Menschen gar nicht wahr, die geschäftig an mir vorbeiliefen
Ich war gefangen in meinem eigenen Kopf, war in der Realität nicht anwesend. Ja, physisch doch nicht geistlich.
Dieser hing fest in der Vergangenheit, hatte sich festgeklammert an alten Erinnerungen. Erinnerung, die glücklich waren, sorglos.
An denen, die mir nun fremd schienen, als wären es nicht meine eigenen. Denn es war nun alles anders, als hätte sich die Welt gewendet. Von Grund auf erneuert.
War das überhaupt möglich oder schlummerte tief unter der sorglosen Fassade unseres jungen Lebens schon immer die Dunkelheit?
Die Zukunft, die damals noch in den Sternen gestanden hatte und die nun zu erschreckenden Gegenwart geworden war.
Die Bilder, die von meinem inneren Auge in einer schnellen Abfolge abliefern brachten die Gefühle nur noch echter zurück. So viel intensiver, dass ich nicht wusste, ob ich lachen, schreien oder weinen sollte.
Die Mauer aus Eis, die ich in den letzten Monaten mühsam um mein gebrochenes Herz aufgebaut hatte, wurde regelrecht gesprengt, schmolz unter der heißen Wut einfach davon.
Dazu kam auch noch der pochende Schmerz, der auf Höhe meiner Nieren meinen Körper lehnte. Ich fühlte mich taub und wie in Worte gepackt.
Es war ein Gefühl der Hilflosigkeit und das löste Übelkeit in mir aus. Alles um mich herum drehte sich, ließ mich fühlen, als würde ich fallen.
Frustriert erhob ich mich, taumelte einen Augenblick, denn mein Kreislauf versagte und ging dann zielstrebig auf das weiß leuchtende Toilettenschild am anderen Ende des Ganges zu.
Vorsichtig drückte ich die schwere Tür auf und betrat den kleinen Raum. Es war alles in weiß gehalten und vermittelte somit einen Eindruck von Leere. Der einzige Farbfleck stammte von einer kleinen Plastikpflanze, die auf dem Waschbecken einsam platziert worden war.
Anscheinend sollte das etwas Leben in dieses trostlose Gebäude bringen, doch ich fand ehrlich gesagt, dass es genau das Gegenteil bewirkte und die Gänge nur noch mehr mit Hoffnungslosigkeit verpestete.
Es stank beinahe nach Schmerz.
Schnell drehte ich den metallenen Schlüssel in seinem Schloss um, um sicher zu gehen, dass ich meine Ruhe hatte.
Dann ließ ich mich mit dem Rücken am kühlen Holz hinunter gleiten, schlang die Arme um meine Knie, um die Kälte in meinem Inneren zu vertreiben und mein Zittern abzuschütteln.
Doch weder das plötzliche Zucken meiner Muskeln verschwand nach ein paar Minuten, die ich dort saß, noch das Flimmern in meinem Blick, jedes Mal, wenn ich blinzelte.
Es war totenstill, das einzige Geräusch war das, meines keuchenden Atems, denn die Wände des Krankenhauses schienen gut isoliert zu sein so dass kaum ein Laut durch sie hindurch drang.
Doch auf einmal viel mehr etwas auf, dass mir vorher wohl entgangen war. Langsam erhob ich mich, stieß mich mit einer Hand vom kalten, gefliesten Boden ab.
Mit vorsichtigen Bewegungen trat ich näher an den glitzernden Kristallspiegel heran, hinter dem ein Stück Papier hervor lugte das aussah wie ein Brief.
Ich streckte eine zitternde Hand aus und Zug das raue Pergament hervor. Es sah alt aus, war an den Enden schon vergilbt und die geschwungene Handschrift verschmiert.
Ich erstarrte, doch es waren nicht die Worte, die mir, wie die leuchtenden Buchstaben auf einem Werbeplakat entgegen sprang, noch die Schrift, die ich sofort identifiziert hatte oder die Tatsache, dass das trockene Papier, nachdem ich es für wenige Sekunden in den Fingern gehalten hatte ins smaragdgrüne Flammen aufging und verbrannte, sondern der schwache Geruch von Dunkelheit mit einem Akzent von Vanille.
Er hing nur leicht in der Luft, jagte sie mir einen Schauer über den Rücken. Es roch nach ihm, er war hier gewesen. Auch, wenn ich wusste, dass dies unmöglich war. Es war doch erst wenige Minuten her gewesen, dass ich ihn in meinem Zimmer eingesperrt hatte.
Er konnte nicht vor mir hier gewesen sein. Das war einfach nicht möglich, es konnte nicht sein Punkt und doch hatten dort klar und deutlich die Worte "ich beobachte dich" gestanden. Gefolgt von einer Adresse.
Eine Adresse, die ich kannte, so wie meine eigene. Es war der Ort, an dem er gewohnt hatte, bevor seine Schwester gestorben und er eingesperrt worden war.
Der Ort, an dem der fröhliche Luc aufgewachsen war, nicht seine kranke Seite, der Teil von ihm der echt gewesen war, denn die Dunkelheit, die ich in seinen Augen gesehen hatte, konnte einfach nicht echt sein.
Das wollte ich nicht wahrhaben, ich sträubte mich noch immer dagegen. Mir war es egal, dass ich mit eigenen Augen gesehen hatte, zu was er im Stande gewesen war, denn ich glaubte dem, was ich sah schon seit einer Weile nicht, denn ich wusste nicht, ob das, was ich erblickte real war oder nur eine Halluzination, Einbildung, die mir mein paranoides hören in den Kopf setzte.
Wie betäubt sah ich zu, wie die Asche, die einzig und allein noch von dem Brief übrig war zu Boden rieselte und die makellos polierten Fliesen mit einer feinen Staubschicht bedeckte.
Meine Ohren klingelten durch die Stille und mir war, als würde ein kühler Luftzug durch mein Haar streichen, doch es war kein Fenster in der Nähe, wodurch Luft herein strömen könnte.
Ich wurde mir selbst langsam unheimlich.
Auf einmal schlich sich eine Welle von Gedanken in meinen Kopf, brach hinter der Tür hervor, die ich mit aller Kraft versucht hatte verschlossen zu halten.
Was auch immer gerade hier vor sich ging, es war unnatürlich. Und das macht mir Angst.
Eine Heidenangst, die mein Herz Antrieb schneller zu schlagen und das Adrenalin durch meine Adern zu jagen. Was auch immer als nächstes geschehen würde, es war meine Schuld, denn immer wieder erinnerte ich mich daran, wie das alles begonnen hatte.
Ich konnte die Bitterkeit beinahe auf meiner Zunge schmecken. Doch ich schluckte es einfach herunter und verließ das kleine Bad ohne einen weiteren Blick zurück zu werfen.
Immer noch liefen auf den Fluren vereinzelt Menschen herum. Ihre Schritte hallten in meinen Ohren und von den kalt wirkenden Wänden wieder.
Ich warf einen Blick durch das spiegelnde Fensterglas in den Raum hinein, in dem immer noch meine ganze Familie stand und auf das Krankenbett hinab sah.
Ihre besorgten Gesichter waren in ein gedämpftes Licht getaucht, das weniger nach Krankenhaus schrie. Doch es konnte nicht davon ablenken, wie bedrückt und angespannt die Stimmung hier war.
Schweren Herzens wandte ich den Blick ab, denn ich wusste, dass ich etwas tun musste. Irgendetwas, um weitere Opfer und weiteren Schmerz zu verhindern. Und es war mir egal, ob es schwer werden würde, es war mir egal wer oder was dort draußen auf mich warten würde, denn ich musste die Fehler meiner Vergangenheit wieder gerade biegen.
Oder es wenigstens versuchen
Mit zügigen Schritten stapfte ich in Richtung Ausgang, bahnte mir einen Weg durch die Menschen und Ärzte, die hastig an mir vorbei liefen.
Doch plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir, die meinen Namen rief: "Angie!" Ich fuhr herum, mein Herz pochte zwischen meinen Rippen.
Es war Sarah, die vor mir stand, das Gesicht leicht verdreckt und die Hände immer noch blutverschmiert. Ihre hellblonden Haare fielen ihr unordentlich über die Schultern und ihre Augen starrten mich besorgt an oder direkt durch mich hindurch, wie es mir schien.
"Wo willst du hin?" Fragte sie heiser und ihre Stimme bebte. Ich biss auf meine Unterlippe, niemand sollte mir folgen.
"Es ist alles meine Schuld! Ich muss etwas tun." Flüsterte ich mit erstickter Stimme und wollte schon weiter gehen, hielt aber noch einmal inne und drehte mich zurück zu ihr.
"Es tut mir so leid." Dann ging ich und ließ sie dort auf dem Flur allein stehen, wie ich es immer tat.
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Home Sweet Hell
Misteri / ThrillerDas alles hat erst vor zwei Jahren begonnen. All die grausamen Dinge, die man nicht wahrhaben will und das Trauma, das man versucht zu verstecken. Was, wenn es einen irgendwann wieder einholt? Wenn es nur darauf gewartet hat, dass du schwach wirst...
