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Die Wochen vergingen und Noah und Colin kamen sich immer näher. Sie verbrachten fast jede freie Minute miteinander, wenn Colin nicht gerade mit Joel für das Zukunftsmodul arbeitete – eine Sache, die er am ersten Tag ebenfalls nicht vorhergesehen hatte – oder Noah mal wieder verschwunden war, ohne jemandem zu verraten, wo er steckte. Colin wollte Noah nicht drängen, ihm zu erzählen, wo er hinging, doch Joel hatte eine andere Einstellung zu der ganzen Sache. Nachdem Colin ihn nicht davon hatte überzeugen können, dass Noah kein Serienmörder war, Joel ihm in den Wald gefolgt und dabei sein Handy verloren hatte, gab sich Colin schließlich geschlagen und ging mit Joel, um es zu suchen.

Sie fanden das Handy recht schnell und hörten dann plötzlich seltsame Geräusche. Colin war jetzt doch zu neugierig um wieder umzukehren und folgte dem komischen Knurren.

Während Joel sein Testament aufnahm, war sich Colin weiterhin sicher, dass ihm keine Gefahr drohte – zumindest nicht, wenn Noah die Ursache hinter allem war.

Er trat zwischen zwei Bäumen hervor und da sah er sie: einen kleinen Hund, der geräuschvoll auf einem Schuh herumkaute, und Noah, der ihn liebevoll lächelnd beobachtete- zumindest so lange bis Joel auf einen knackenden Ast trat und Noah aufschreckte.

„Was macht ihr denn hier?", rief er und nahm sofort den Hund zu sich. „Seid ihr mir etwa gefolgt?"

„Nein!", beschwichtigte Colin ihn und kam langsam näher. Es gab seinem Herz einen kleinen Stich, als Noah vor ihm zurückwich und das Tier versteckte. „Wir sind zufällig hier vorbeigekommen. Wir haben seltsame Geräusche gehört, das war wohl dein Hund. Das ist doch dein Hund, oder?", fragte Colin nach, obwohl es recht offensichtlich schien. Wenn Noah hier sein Haustier versteckt hatte, war es kein Wunder, dass er so oft verschwinden musste.

Noah senkte geschlagen den Kopf, dann kniete er sich hin und kraulte den Hund am Kopf.

„Das ist Freddy. Meine Eltern wollten ihn ins Tierheim stecken, aber das konnte ich nicht zulassen.", erklärte er.

„Aber ihn hier zu verstecken ist doch auch keine Lösung! Zumindest keine dauerhafte.", mischte sich jetzt Joel ein. Noah warf ihm einen bösen Blick zu.

„Wehe du verrätst mich!", warnte der Blonde.

„Wir werden beide kein Wort sagen, versprochen!", sagte Colin, bevor Joel überhaupt den Mund aufmachen konnte. Dieser hob nur augenverdrehend die Arme und wandte sich dann zum Gehen. Noah sah ihm besorgt hinterher und Colin legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Er wird dichthalten, dafür sorge ich schon. Und es tut mir leid, dass ich es jetzt so rausgefunden habe, ohne dass du entscheiden konntest, es mir zu erzählen, aber wenn du willst, dann helfe ich dir mit Freddy."

Noah sah ihn mit großen Augen an, dann formte sich nach einigen Momenten ein kleines, dankbares Lächeln auf seinem Gesicht.

Die drei Mitbewohner entwickelten fast eine Art Routine und kümmerten sich abwechselnd um Freddy, wobei Colin der einzige war, dem Noah nach anfänglichem Zögern seinen Hund anvertraute. Joel half eher, indem er Noah bei seinen Schulangelegenheiten unterstützte und ihn, wenn nötig, bei Frau Schiller deckte.

Colin schloss Freddy schnell ins Herz, doch am meisten genoss er die Zeit, wenn Noah und er gemeinsam mit dem Hund Gassi gingen und einfach reden konnten. Noah war klug, lustig, interessant und hatte eine sanfte Seite an sich, die er fast niemandem zeigte. Colin schätzte sich glücklich, dass er sie zu Gesicht bekam. Bei Noah fühlte er sich so wohl, dass er nie das Gefühl hatte, sich verstellen zu müssen. Er konnte einfach so sein wie er war und hoffte, dass Noah sich bei ihm genauso sicher fühlte.

Die Geschwindigkeit, mit der er sich in den Jungen verliebte, war fast ein wenig erschreckend für Colin, doch er wusste, dass es, egal zu welchem Zeitpunkt, unausweichlich passiert wäre. Also akzeptierte er es einfach und hoffte, dass Noah vielleicht genauso für ihn empfand. Wenn sie zusammen waren, fühlte sich alles einfach richtig an, alles schien so viel besser mit Noah an seiner Seite und Colin wollte, dass es ewig so weiterging.

Umso schlimmer war es, als Freddy ihm eines Tages abhaute und Herr Chung ihn erwischte. Noah war am Boden zerstört, wehrte alle Entschuldigungsversuche von Colin ab und sprach kein Wort mehr mit ihm. Er war davon überzeugt, dass Freddy ihm jetzt weggenommen wurde und natürlich war Colin dafür verantwortlich.

Colin fühlte sich extrem schuldig und schlecht und wünschte, er könnte alles ungeschehen machen. Der Kontaktabbruch setzte ihm mehr zu als er gedacht hätte. Noah war ihm in so kurzer Zeit so wichtig geworden, dass es sich jetzt anfühlte, als würde ein Teil von ihm fehlen. Auch Noah sah nicht gut aus, doch das lag vermutlich nur daran, dass er sich Sorgen wegen Freddy machte, und nicht, weil er Colin vermisste.

Colins letzter Versuch der Wiedergutmachung mithilfe von zwei Kinokarten zu einer Horrorfilmpremiere scheiterte genau wie alle anderen zuvor. Völlig niedergeschlagen zerriss Colin die Karten und verzog sich auf sein Zimmer, wo er sich auf sein Bett legte, Kopfhörer aufsetzte und sich innerlich völlig leer fühlte.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als auf einmal die Tür aufging und Noah sich zu ihm aufs Bett setzte. Zögerlich richtete sich Colin ein wenig auf und nahm die Kopfhörer ab.

„Es tut mir echt leid, wie ich dich behandelt habe, das war nicht fair von mir. Ich hatte nur so Angst, dass ich Freddy nie wiedersehe. Er war lange Zeit einfach alles, was ich hatte, er bedeutet mir so viel. Und der Gedanke, dass sie ihn mir wegnehmen... das war einfach alles zu viel. Das ist keine gute Entschuldigung für mein Verhalten, aber ich hoffe, du kannst das ein wenig verstehen.", sagte Noah leise.

„Natürlich, Noah. Es tut mir so unfassbar leid, ich wollte nie, dass -"

„Ich weiß.", unterbrach ihn Noah. „Und es ist nicht deine Schuld. Früher oder später wäre es wohl eh aufgeflogen und ich weiß sowieso nicht, wie es im Winter funktioniert hätte. Aber Herr Chung nimmt ihn jetzt bei sich auf und ich darf ihn so oft sehen, wie ich will.", erzählte Noah lächelnd und Colin hatte zum ersten Mal seit Tagen das Gefühl, wieder richtig atmen zu können.

„Also wenn du noch willst..." Noah hielt zwei zusammengeklebte Kinokarten hoch und Colins Herz schlug einen Purzelbaum.

„Gib her!", grinste er.

Nolin | UnconditionallyWo Geschichten leben. Entdecke jetzt