"Du musst dieses Trauma überwinden, Enid. Und dieser Kerl braucht einen Einlauf, einen gewaltigen. Wenn er Blut geleckt hat, wird er dich nicht mehr in Ruhe lassen, so wie bei den anderen Frauen, die er bereits hatte auch. Mein Mitbewohner erzählt öfter von ihm und es ist echt entsetzlich. Also, wir müssen etwas tun!"
"Was sollen wir denn bitte tun, Alma?"
Sie saßen auf dem Bett in Enids Zimmer im Studentenwohnheim. Alma hatte den Tag in der Uni nach dem Vorfall für beendet erklärt und so saßen sie hier nun bei Schokopudding, den Alma für sie gekocht hatte. Und der war wirklich tröstlich.
"Wir verarschen ihn und stellen ihn bloß, so wie er es mit dir früher getan hat."
Skeptisch, aber unfähig, sich in ihrem momentanen Zustand zur Wehr zu setzen, zog Enid nur die Brauen hoch.
"Vertrau mir, wir machen ihn zum Gespött der Uni."
"Und wie?"
"Ganz einfach: Wir müssen ihn dazu bringen, sich in dich zu verlieben. Dann lässt du ihn fallen und offenbarst deine Identität. Du bist doch bei der Studentenzeitung? Du könntest einen Artikel darüber verfassen." Schelmisch blickte Alma sie an.
"Das ist Wahnsinn."
"Ich glaube, du könntest das. Möchtest du ihm denn nicht mal seine Arroganz aus dem selbstgefälligen Gesicht schmieren?"
"Schon... aber ich bin schwach, Alma. Er bringt mein Selbstbewusstsein zum Einsturz wie ein Kartenhaus."
Mitfühlend nickte sie und strich ihr über den Rücken.
"Du hast Recht, tut mir leid, Liebes. Ich habe nicht nachgedacht. Wir müssen wirklich etwas dagegen unternehmen. Dieses Arschloch sollte dir nicht dein ganzes Leben zerstören."
Beide schwiegen, bis Alma eine neue Idee hatte.
"Dann mach ich es."
Ihre Augen strahlten vor Vorfreude, doch sobald Enid realisierte, was ihre Worte bedeuteten, entgegnete sie hastig und etwas zu laut: "Nein!"
Verwundert über den plötzlichen emotionalen Ausbruch sah Alma sie fragend an.
"Es ist nur so", begann Enid nun wieder leiser sich zu erklären, "das ist eine Sache zwischen ihm und mir. Da will ich dich nicht mit reinziehen. Außerdem... was ist mit Stephano?"
"Ja du hast Recht, das war eine dumme Idee. Aber was machen wir dann?"
"Keine Ahnung."
Enid dachte nach. Sie wollte es ihm so gerne heimzahlen. Konnte sie ihm selbstbewusster gegenübertreten im Anbetracht dessen, dass alles nur ein Spiel war?
"Ich mach es", sagte sie schließlich in die Stille hinein. "Wenn es zu schlimm wird, brechen wir einfach ab. Ich glaube mit dem Gedanken, dass ich ihn verarsche und nicht umgekehrt, kann ich ihm anders gegenübertreten als sonst."
Aufgeregt klatschte Alma in die Hände.
"Wirklich? Oh, Enid das wird ein Spaß! Wir müssen dich richtig aufbitchen und machen aus dir eine Maneaterin."
Grinsend verdrehte Enid die Augen.
"Du bist doch gestört."
"Glaub mir, du wirst es lieben!"
_________________________
Am nächsten Morgen klingelte Alma um halb elf sturm. Sie wollten shoppen gehen, besser gesagt, Alma wollte. In ihren Augen war Enid viel zu brav für Elijah und man musste ihr lassen, dass sie wirklich Geschmack hatte. Seit ein paar Jahren schon bloggte sie, auch wenn sie nicht genügend Leser hatte, um dadurch irgendwas zu verdienen.
Verschlafen öffnete Enid die Tür in Top und kurzen Shorts, die Haare zu einem unordentlichen Dutt aufgetürmt.
"Oh Mann, wie siehst du denn aus? Wir wollten doch um halb elf los."
Alma umarmte sie und Enid verdrehte die Augen.
"Ich hab verschlafen. Sorry."
Sie war ein Nachtmensch und Wecker nicht gerade ihre besten Freunde.
"Na gut, dann gebe ich dir noch ein halbes Stündchen, aber dann müssen wir Auto fahren."
"Ich gebe dir Spritgeld."
Abwehrend hob Alma die Hände. "Kommt nicht infrage. Ich habe das hier vorgeschlagen, ich zahle. Und ich habe noch einige Überraschungen für dich parat, Liebes!"
Enid hatte sich gerade eine Zahnbürste zwischen die Beißer geschoben, als sie sich bei diesen Worten doch wieder skeptisch umdrehen musste.
"Isch hasche Übehaschungen!"
Alma kicherte leise.
"Es wird dir gefallen, versprochen."
Nach einer halben Stunde und drei Outfits später, die Alma allesamt mehr oder weniger kritisch beäugt und kommentiert hatte, stiegen sie endlich in den alten roten Polo von Enids Freundin. Schlussendlich trug Enid eine hellblaue Jeans, Sneakers und ein schlichtes weißes Top. Alma hatte es mit "Der Look der New Faces, sowas geht immer!" kommentiert, Enid hatte nur Bahnhof verstanden, vermutete aber irgendwelchen Blogging oder Modelkram. Auf ihrer Website fotografierte Alma auch viel, ab und zu hatte sie sogar Shootings mit professionellen Models. Sie wollte Fotografin werden, hielt es aber für eine recht unsichere Berufswahl, deshalb hatte sie sich zur Sicherheit dazu entschieden, Kommunikationswissenschaften und -ökonomie zu studieren, weshalb sie auch die VWL-Vorlesung zusammen hatten. Im Gegensatz zu ihr studierte Enid nämlich Wirtschaftspsychologie.
"Okay, dann mal los."
Der Motor des uralten Vehikels hustete beim Anlassen, eine Sekunde später brachte Alma es zum Absaufen. Ach ja, Alma war eine furchtbare Autofahrerin, sie hatte einen Bleifuß, aber man durfte es nicht vor ihr erwähnen, da war sie sehr empfindlich. Enid musste zugeben, dass es sie amüsierte.
Beim zweiten Versuch klappte dann alles und die Kiste setzte sich stotternd in Bewegung.
Bis in die Innenstadt waren es mit dem Auto nur zehn Minuten, zum Glück war ein Parkplatz schnell gefunden, denn um diese Uhrzeit war das Parkhaus noch relativ leer, vor allem mitten in der Woche.
"Okay, wo wollen wir als erstes hin? Urban Outfitters? Brandy? Monki?"
"Ich wäre eher für H&M, da kaufe ich immer ein", grummelte Enid angesichts der Bombardierung mit den Namen einiger von Almas Lieblingsläden.
"Okay, dann eben zuerst H&M. Aber in die anderen Geschäfte müssen wir auch."
Sie verließen das Parkhaus und befanden sich schon bald auf einer der großen Einkaufsstraßen der Stadt. Es war ein lauer Herbsttag, fast noch sommerlich, obwohl es schon Ende September war. Zur Sicherheit hatte Enid eine Strickjacke mitgenommen, aber es sah nicht so aus, als ob Sie diese innerhalb der nächsten Stunden gebrauchen konnte.
"Los, hör auf in Gedanken zu schwelgen und komm mit." Alma packte sie bei der Hand und zog sie hinter sich her.
Oh Shit, dachte sich Enid, jetzt wird sie richtig zur Höchstform auflaufen!

DU LIEST GERADE
Are you my Badboy?
Romance- Für jeden Tag, an dem mich Elija Androwis seit meinem siebten Geburtstag schikaniert, beleidigt oder gedemütigt hat, habe ich einen Euro in mein Sparschwein, welches eigentlich ein dicker brauner Beagle ist, geworfen. Mit achtzehn Jahren hatte ic...