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Ihre Hoffnung, Elijah trotz der offensichtlichen Hinweise das ganze Studium über nicht sehen zu müssen, verpuffte schon in der VWL-Vorlesung zu Luft. Sie hatten sich gerade in die vorderste Reihe gesetzt, als er durch die Tür zum Vorlesungssaal spaziert kam, ganz so als gehöre ihm der Laden.

"Shit Alma, er ist hier." Sie stupste ihre Sitznachbarin mit dem Ellbogen an und deutete so unauffällig wie möglich mit dem Kinn in seine Richtung.

"Ohhh...", gab sie nur von sich. "Das ist echt der Freund meines Mitbewohners."

Shit!
Shit, Shit, Shit!

Enid entschied sich, einen auf unsichtbar zu machen und schaute in der Gegend herum, doch das Schicksal war grausam mit ihr und als sie auf den Platz rechts neben sich blickte, ließ sich dort gerade Elijah nieder.

Nein Gott, bitte nicht!

Hilfesuchend starrte sie nur Alma an, die ihre Hand drückte. Sie beugte sich zu ihrem Ohr vor und flüsterte: "Wenn du möchtest, können wir Plätze tauschen."

Enid nickte fast schon zu hektisch. Sofort klaubte sie all ihre Sachen zusammen und beide wechselten die Sitzplätze.

Elijah schien es nicht zu interessieren, es wirkte gerade so, als ob er sich schon gar nicht mehr an ihre Begegnung am See erinnerte.

Die Vorlesung verlief tatsächlich ruhig, denn Elijah gab keinen Mucks von sich. Manchmal konnte Enid nicht anders, als einen Blick auf sein Gesicht zu werfen. Es war eben ein Blickfang.

Nach der Vorlesung packte Enid schnell ihre Tasche und gab Alma zu verstehen, dass sie kurz auf die Toilette müsse und sie ruhig schon zur Mensa gehen könne. So trennten sich ihre Wege kurzzeitig und Enid beeilte sich, in die Damentoiletten zu laufen. Als sie fünf Minuten vor dem Spiegel verbracht hatte, um sich zurecht zu zupfen, gab sie es schließlich auf.

Ihre stoischen dicken dunkelbraunen Haare wollten eben nicht und mehr als ein wenig Mascara nachtragen konnte sie auch nicht. Warum tat sie das überhaupt? Etwa wegen...?

So ein Unsinn!

Jetzt war sie schon wieder ein wenig wütend. Als ob sie sich wegen dem aufhübschte. Sie musste keine Mauer hochziehen, damit er abprallen konnte, das hatte sie früher schon versucht. Erstens funktionierte das nicht und zweitens war das nicht mehr sie selbst.

Entschlossen trat sie hinaus auf den Flur und sofort sackte ihr Herz zurück in die Hose. Er stand dort an eine Säule gelehnt, unbewegt, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Zuerst sah er nicht in ihre Richtung, doch dann fiel sein Blick auf sie. Enid konnte seine Miene nicht lesen.

"Was glotzt du so dämlich?", fragte er sie schließlich. Kein anderer Mensch war gerade auf diesem Flur, was verwunderlich war und die Situation nicht gerade besser machte.

Weil sie nicht wusste, was sie antworten sollte, wollte sie einfach an ihm vorbeigehen, doch es war klar, dass das nichts werden konnte. Als sie gerade seine Säule mit gesenktem Blick passiert hatte, spürte sie einen eisernen Griff um ihr Handgelenk. Sie wollte sich losreißen, doch seine Finger versteiften sich nur noch mehr und schließlich zog er sie mit einer einzigen Bewegung wieder zurück. Beinahe wäre sie gestolpert und hingefallen, doch sie konnte sich gerade so auf den Beinen halten.

Dafür wollte sie bei der jetzt entstandenen Situation gleich wieder umkippen. Ihre Körper waren nur Zentimeter voneinander entfernt und Enid konnte seinen Atem auf ihrem Haarschopf spüren. Eine Gänsehaut stellte sich auf ihren Armen auf und sie schluckte laut hörbar.

"Deine Eltern haben wohl ziemlich versagt bei deiner Erziehung. Weißt du denn nicht, dass man Menschen nicht einfach ignoriert, wenn sie einem eine Frage stellen?" Seine Stimme war rau und tief, Enid spürte bei ihrem Klang ein leichtes Kribbeln in sich aufsteigen. Doch wenn sie so über seine Worte nachdachte, wurde ihr plötzlich heiß.

"Lass meine Eltern aus dem Spiel!", zischte sie und wagte es zum ersten Mal aufzuschauen. Seine kalten Augen blickten unbarmherzig auf sie hinab und er verzog die Lippen nur zu einem spöttischen Lächeln.

"Du hast hier keine Kommandos zu erteilen. Mich juckt es herzlich wenig, was du willst oder nicht."

Sofort fühlte sich Enid wieder saudämlich, er schaffte es einfach so, sie aus dem Konzept zu bringen. Warum nur? Lag es daran, dass er fast schon unbarmherzig, unantastbar schien?

Er zerrte sie noch näher an sich, sodass Enid gegen seinen Körper prallte und sich entsetzt versteifte.

"Pass doch auf, du Idiotin!" Er funkelte sie an, doch meinte Enid ein wenig Belustigung in seinen Augen entdecken zu können. Ihr Herz klopfte bis zum Hals.

"Lass mich einfach los", wisperte sie zittrig.

Sein kehliges Lachen ließ sie zusammenzucken, sodass sie schützend die Schultern hochzog.

"Du bist nicht die Hellste, oder? Ich sagte, was du willst, juckt mich nicht."

Nun wurde sein Blick wieder ernst.

"Wage es ja nicht, mir noch einmal zu sagen, was ich tun soll. Oder wir beide bekommen richtig Ärger." Der bedrohliche Ton seiner Stimme ließ Enid nun endgültig zu einer Salzsäure erstarren, bei dem Anblick hob Elijah einmal erwartungsvoll seine Augenbrauen. Dann beugte er sich vor, sodass seine Lippen bei jedem Wort die empfindliche Haut an ihrer Ohrmuschel berührten.

"Und jetzt sagst du mir, was der komische Aufstand am See sollte. Kennen wir uns?"

Enid wusste nicht warum, aber ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Sie waren sich zu nah... ihre Beine gaben nach, das hier war einfach zu viel für sie. Reflexartig legte sich Elijahs freier Arm um ihre Taille und hielt sie auf den Füßen. Sie schnappte nach Luft und starrte ihn mit vor Angst geweiteten Augen an. Doch er schien unbeeindruckt.

"Was gluckst du so, halt dich gefälligst selbst auf den Beinen!" Da sie nicht schnell genug für seinen Geschmack reagierte, verlor er schließlich die Lust daran, ihr zu helfen und ließ sie los. Mit einem dumpfen Laut landete Enid auf dem harten Fliesenboden. Elijah hatte derweil seine Hände wieder in die Hosentaschen gesteckt und bedachte sie von oben herab mit einem verächtlichen Blick.

Enids Rücken und Po schmerzten von dem Aufprall und es schossen ihr schon wieder Tränen in die Augen.

Ich hasse ihn!

"Mann bist du erbärmlich, wie du da sitzt und kurz vorm Heulen bist. Aber auf den Boden passt du definitiv besser als in meine Arme." Er grinste dreckig und platzierte seinen Schuh auf ihrer Hand, die sich am Boden abstützte. Entsetzt blickte Enid ihn an, doch er hatte noch nicht genug Gewicht auf die Vorderseite des Fußes verlagert, damit es weh tat.

"Antworte oder ich zerquetsch dir deine Finger: Warum dachtest du, wir kennen uns? Wir haben nicht miteinander geschlafen, sonst könnte ich mich an so ein erbärmliches Bündel Mensch wie dich sicher erinnern, gerade weil das furchtbar hätte sein müssen."

Mit Müh und Not konnte Enid ihre Tränen hinunterschlucken, doch mehr als ein Wimmern brachte sie nicht heraus. Wahrscheinlich wollte Elijah gerade wirklich zutreten, als sich Schritte näherten. Ohne zu zögern zog Elijah sie unsanft und in Windeseile wieder auf die Füße und zischte noch: "Wenn du singst, bist du Geschichte!"

Plötzlich bog Alma um die Ecke und blieb wie erstarrt stehen, als sie die Szenerie erblickte. Sofort merkte sie, dass hier etwas ganz besonders faul war und sie kam eiligen Schrittes zu Enid hinüber gelaufen, um ihr schützend die Arme um den Körper zu legen.

Enid versank dankbar in ihrer Umarmung und begann, hemmungslos zu schluchzen. Sie hörte nur wie Alma zischte: "Was ist hier passiert?" und Elijah nur mit einem Schnauben antwortete, bevor er sich davon machte.

Enid und Alma blieben allein auf dem Flur zurück, wessen Wände jeden Schluchzer tausendfach zurückwarfen.

Are you my Badboy? Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt