Mein Name ist Sila. Ich bin 16 Jahre alt und seit ich denken kann, lebe ich mit meinem Großvater zusammen. Meine Eltern sind sehr früh gestorben, ich weiß noch nicht mal wirklich einen Grund. Großvater sagte nur, es sei schwer zu erklären und traurig für mich zu hören, also stellte ich mich mit dieser Erklärung zufrieden. Wir leben mit sehr vielen Anderen, die genauso wie ich und mein Opa Elfen sind, in einem Dorf. Ich gehe bei meinem Großvater in die Magier Lehre. Als Magier ist es so, dass man bis zu seinem 18. Geburtstag eine Maske tragen muss, wegen der Identität, man muss nun mal auf sie achten.
Auf die Anweisung meines Opas hin, bin ich zu einer angeblich magischen Lichtung gegangen, um einen Edelstein ab zu holen. Jetzt rannte ich mit dem Edelstein in der Hand zurück zu unserem Dorf. Äste knackten unter meinem Gewicht, Vögel zwit-scherten um mich herum. Mein Kleid wurde vom Wind weg-gezogen, meine blonden Haare genauso. Wenn ich mich an-strenge, kann ich sehr schnell laufen, das hat mir mein bester Freund beigebracht. Er heißt Toni und ist von meinem Stamm. Er war wie ich Lehrling bei Großvater. Der Wald war vorüber und schon entdeckte ich die kleinen Häuser unseres Klans, Faromo heißt er. Meine Schritte wurden langsamer, als nun ich auch unsere Hütte erkannte.
,,Ah, da bist du ja schon wieder.", langsam drehte er sich zu mir um und lachte mich freundlich an. Großvaters Augen wurden von buschigen Augenbrauen überdeckt und sein kleiner Ziegenbart erinnerte mich an eine der Brauen. Er war sehr klein und hielt in der linken Hand immer einen Gehstock. Mittlerweile war er schon stolze 130 Jahre alt. Sein weißes Haar ging ihm bis zu den Schultern und die eingeflochtenen Perlen, die ich einst rein gemacht hatte, baumelten hin und her. Er hatte wohl gerade an einem Trank gemischt, da die getrockneten Kräuterbüschel noch auf dem Tisch lagen und die Reagenzgläser mit einer dampfenden grauen Flüssigkeit gefüllt waren. Es roch nach Rauch, aber das konnte auch von seinem Tabak kommen, den er so gerne in seiner alten Pfeife roch. Früher, wenn ich ihn immer zur Begrüßung umarmt hatte, hatte er immer nach Pfefferminz und Kirsche gerochen, das war sein Lieblingstabak.
,,Hier, das ist er doch, oder?", ich streckte die Hand aus und ließ den Stein aufblitzen. Grinsend nickte er und sagte: ,,Ja, genau. Das ist er, das Vögelchen hat dich schon nicht belogen, Sila.", er kicherte wieder vor sich hin, sodass man von seinen Augen nur Schlitze ausmachen konnte und viele Falten sich um die Augen und den Mund zogen. ,,Und was genau, hast du jetzt damit vor?" Er hörte gar nicht auf zu kichern und sich den Bauch zu halten. Egal ob er etwas wusste, was ich nicht wusste, oder nicht - er lachte immer so: ,,Behalt' ihn einfach eine Zeit lang bei dir. Und sobald etwas passiert erstattest du mir Bericht." Ich zog eine Augenbraue hoch und sah ihn verwirrt an: ,,Ich soll ihn einfach nur bei mir behalten? Großvater, was hast du mir über diesen Stein verschwiegen?"
,,Nichts, wieso sollte ich dir was verschweigen?", wieder lachte er, dieses mal hinterlistiger. Ich nickte misstrauisch und wollte gerade die Treppe hoch verschwinden. ,,Und Sila, wenn wirklich irgendetwas passieren sollte, du weißt ja noch die Abwehr-zauber, die ich dir beigebracht habe.", ich verstand nicht, nickte aber und verschwand mit dem kalten und unheilvollen Stein in der Hand. Ich stieß die Tür auf und setzte mich auf mein Bett. Die Maske legte ich neben mir ab und betrachtete den Stein. Wenn Opa so redete, dann war irgendwas los, oder irgendetwas würde pas-sieren. Ob dieses Irgendwas gut oder böse war, wusste ich noch nicht. Ich rollte ihn in der Hand hin und her, betrachtete ihn von vorn und hinten. Weiß glänzend, er leuchtete ein wenig, kalt und kantig. Wenn ich ihn gegen das Licht hielt, das von dem einfachen Fenster ins Zimmer drang, so konnte man blaue Schimmer aus-machen. Ich zog die Schublade meines Nachtkästchens auf und legte ihn rein. Ich rieb mir die Augen, ich war richtig müde ge-worden. Ich stand auf und ging zu dem Fenster, meine Finger strichen über das alte Holz. Das Glas sollte ich eigentlich mal wieder putzen, aber Opa störte es nicht, wenn mein Zimmer schmutzig aussah, es war ihm wichtiger, dass mein Schreibtisch ordentlich war. Auf ihm lagen alle Dinge, die ich zum Zaubern und für meine Lehre brauchte. Alte lederne Bücher mit Goldschrift, Kräuter-büschel, Gläser, Glasstäbe zum Umrühren und andere Substanzen, wie Krötenbüsche, Minzkapseln oder anderes. Als ich mit acht Jahren mit der Lehre begann, hatte ich mich immer vor den Mitteln geekelt. Ich meine, wer würde sich nicht anfangs vor Pferdeschleim ekeln?
Mich fröstelte es etwas, komischerweise war es irgendwie kälter geworden in dem Raum. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ein Stein gegen meine Fensterscheibe klirrte. Ich starrte erschrocken aus dem Fenster und versuchte den Übeltäter zu entdecken. Und da stand er wirklich. Unter den braunen, wilden Locken trat eine Maske hervor. Hellbraun mit einer Maserung wie Holz mit goldenen Fasern dazwischen als Schnörkelei. Er trug ein weißes schmutziges Hemd und eine kaputte dunkle Hose. Ich lächelte und bedeutete Toni, dass er hoch kommen solle.
Schon stand er in meinem Zimmer: ,,Ich hab dich er-schreckt?", er lachte und legte die Maske ab. Er schaffte es mit einer Kopfbewegung seine Haare zu richten und strahlte mich mit diesen braunen Augen an, die ich schon immer am meisten an ihm mochte. Ich kenne Anton schon seit meiner Geburt. Ich verstand mich zwar auch mit anderen Jugendlichen aus unserem Dorf, aber er ist der Einzige der immer für mich da ist, ohne etwas zurück zu verlangen und das zeigte er mir immer wieder. Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr Toni fort: ,,Hey Sila, ich muss dir was erzählen. Setzt dich.", er setzte sich auf mein Bett und bedeutete mir, mich neben ihn zu setzten. ,,Großvater hat mir aufgetragen in den Nordwald zu gehen und dort auf „Etwas zu warten". Auf was ich warten solle, hat er nicht gesagt, aber ich hab' gewartet. Stand da für ungefähr 'ne halbe Ewigkeit und auf einmal kommt 'n Wolf vorbeispaziert.", er lachte leicht frustriert und nickte nur auf meinen ungläubigen Gesichtsausdruck. ,,Das hab ich auch gedacht, Sila.", er schüttelte den Kopf, als würde er den Gedanken wegschütteln wollen und fuhr fort: ,,Ich wollte gerade eine Schutzformel aussprechen, als der Wolf auf mich zu kam und ein Päckchen aus Moos vor mich legte. Ich hab' mich total gewundert, hab' das Packet aufgehoben und wollte gerade etwas zu dem Wolf sagen, als er auf einmal weg war! Das war das Komischste.", ich kicherte leise, da er das erzählte, als sei er wieder zehn Jahre alt und wäre einer großen Spinne begegnet. Natürlich, es war komisch, dass sich dieser Wolf an ihn heran gewagt hatte. Opa hatte mir zwar mal erklärt, dass Wölfe und Magier eine innerliche Verbindung haben sollen, aber das die Wölfe nach einer Begegnung dann einfach so verschwinden würden, davon hatte er nie etwas er-wähnt. Toni starrte mich böse an und murmelte genervt: ,,Ich hab' das Packet ausgepackt und das war drin." Ich traute meinen Augen nicht. Ein Stein, genau wie meiner, nur dunkler und matter. Ich griff zur Kommode und holte meinen raus.
,,Bei mir war's genauso. Ich sollte auf die Waldlichtung im Süden gehen und dort laut pfeifen. Dann kam auf einmal eine Schwalbe angeflogen und gab ihn mir. Großvater meinte, ich solle ihn bei mir behalten, aber verstehst du, was er damit genau meint?", er zuckte mit den Schultern.
,,Sila, irgendwas ist hier faul.", ich nickte ernst und starrte wieder auf die Steine, der beigefarbene in seiner Hand und der weiß-bläuliche in meiner.
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Sila's Zauberstein
FantasiaSila ist eine Magierin, die ihre Prüfung abschließen will. Doch inwiefern soll ihr dabei ein Stein helfen? Und warum verhält sich ihre Großvater so seltsam? Noch dazu spielen ihre Gefühle Toni gegenüber verrückt.. fühlt er denn genauso?