Die Sonnenstrahlen auf meiner Haut weckten mich. Ich zwinkerte kurz, weil es so hell war und setzte mich dann langsam auf. Ich strich meine Haare zur Seite. Der erste Gedanke, der mir ins Bewusstsein kam, war der Stein. Ich tastete die Schublade ab, aber...da war keiner. Ich runzelte die Stirn und wühlte noch einmal darin. Meine Finger trafen nur auf blankes Holz, sonst nichts. Panik breitete sich unweigerlich in mir aus, obwohl ich selbst nicht ver-stand, warum mir der Stein auf einmal so wertvoll vor kam. Hatte ich einfach nur vor der Strafe, die ich von Großvater bekäme Angst oder war mir der Edelstein wirklich plötzlich wichtig? Meine Ge-danken überschlugen sich. Ok, alles wird gut, vielleicht habe ich ihn am Fensterbrett liegen gelassen oder auf dem Schreibtisch, redete ich mir ein, aber insgeheim wusste ich, dass er an keinem der beiden Plätze liegen würde. Aber trotzdem, wo war er? Ich befreite mich von der Wärme spendenen Decke, es war immer noch so kalt, und schritt in meinem Zimmer hin und her. Der Schrank, der halb gefüllt war mit Büchern über Kräuter und Formeln und mit Kleidern, fiel mir ins Auge. Die Schranktür war halb geöffnet, ich erinnerte mich an den letzten Abend. Ich hatte mein weißes Kleid aus-gezogen und das Nachthemd übergestreift. Das Kleid hatte ich an einen Kleiderhaken gehängt und die Tür wieder mit dem bronzenen Schüssel verschlossen, wieso also war jetzt die Tür geöffnet? Meine Nackenhaare stellten sich auf und zu der bereits vorhandenen Panik kam nun auch noch Angst. Ich war noch nie wirklich sehr mutig gewesen und erschreckte mich dazu noch häufig an einfälltigen Dingen. Wenn man dies bedachte, war es klar, dass ich innerlich halb ausflippte, wenn urplötzlich und aus Geister Hand meine Schranktür aufgeschlossen und offen war. Langsam trat ich auf den Schrank zu und machte mich innerlich schon darauf gefasst, gleich eine der Schutzformel auszusprechen und legte mir gleichzeitig schon mal eine wirksame zurecht. Ich streckte meine zitternde Hand vor und zog die Tür ruckartig auf. Ich wollte gerade eine Formel über die Lippen bringen, als ich stirnrunzelnd feststellte, dass der gesuchte Stein auf dem Schrankboden lag. ,,Was soll das denn jetzt?", ich beugte mich nach dem Stein und hob ihn auf. Na gut, wenn du unbedingt spielen willst, dann spielen wir das Spiel später weiter, dachte ich genervt. Ich zog mir schnell mein weißes Kleid über, kämmte mir die Haare und wusch mir zügig das Gesicht. Die Maske band ich mir um und starrte in den Spiegel, der mir gegenüber an der Wand hang. Meine grünen Augen starrten mich einerseits fragend, andererseits sehr wohl wissend entgegen. Ich verstand diesen Blick selbst nicht so ganz, aber das war egal. Ich ließ den Stein in die kleine Tasche an der Seite des Kleides fallen und rannte aus dem Zimmer, hinunter in die Küche. Opa stand schon an dem alten Ofen und briet etwas wohl duftendes in einer Pfanne. Dampfender Kamillentee stand schon auf dem kleinen Tisch, der in der Ecke des kleinen Raums stand. ,,Guten Morgen Meister. Jetzt versteh' ich endlich, was du mir verschwiegen hast: der Stein ist schon mal nicht ganz normal und er spielt gerne Verstecken.", ich legte den Kopf schräg und hörte das altbekannte Kichern von Opa. ,,Er spielt Verstecken mit dir? Klingt doch lustig!"
,,Großvater, wie schafft es bitte ein Stein eine Schranktür, die wohl gemerkt verschlossen war, aufzusperren?", er drehte sich zu mir um und zog eine Augenbraue spöttisch hoch. ,,Ach Sila, schau nicht so grimmig, ist doch witzig. Meiner war früher nie so freundlich zu mir."
Er beschäftigte sich wieder mit seinem Braten. Er hatte den Gehstock an den Herd gelehnt und beugte sich über die Pfanne, schwenkte sie hin und her und rührte mit einem Pfannenwender um. ,,Willst du mir nicht doch endlich sagen, was es sich mit ihm auf sich hat?", meine Hand fuhr in die Tasche, in der er lag und meine Finger fuhren über die kalte Oberfläche. Er strahlte die Kälte richtig aus, sodass mir nur durch die Berührung ein wenig kälter wurde. ,,Langsam macht er mir wirklich Angst.", murmelte ich leise vor mich her. ,,Setzt dich und trink lieber etwas von dem Tee. Die Eier sind auch gleich fertig. Hol' zuvor noch Besteck und Teller raus.", ich nickte widerwillig und machte mich ans Werk.
Während dem Essen dachte ich nur über den Stein in meiner Tasche nach. An der Stelle, auf die der Stoff der Tasche traf, war mein Bein schon sehr kalt. Immer wieder fuhr ich mit der Hand über die Stelle, um sicher zu gehen, dass nichts einfror. Wie es wohl Toni mit dem Ding erging, fragte ich mich. Wahrscheinlich spielte seiner nicht Verstecken mit ihm. Ich grinste innerlich, als ich mir vor-stellte, wie Toni durch seine Wohnung lief und laut ,,Steini, komm raus!" schrie. Bisher hatte ich schon oft so etwas durchmachen müssen. Einmal wollte Opa, dass ich mit ihm in die Hauptstadt der Elfen ging, nach Quarin. Er meinte, er würde schnell einen Freund suchen, dafür wolle er an die Grenzenuhr gehen, eine alte Uhr, die einst von sehr, sehr alten Vorfahren gemacht wurde. Er blieb un-gefähr eine gefühlte Ewigkeit weg, also machte ich mich auf den Weg ihn zu suchen. Die ganze Geschichte ging damit aus, dass ich zwei Stunden damit verbrachte wieder nach Hause zu laufen, da ich Großvater nach einer Stunde Suchen einfach nicht gefunden hatte und als ich daheim war, sah ich wie er Tee schlürfend in seinem Sessel saß und mich grinsend ansah. Er hatte mir das so erklärt, dass ich meine Orientierung schärfen müsste und er das nur des-halb gemacht hatte. Wahrscheinlich war das nicht der einzige Grund gewesen, ich sage nur: seine Belustigung.
,,Was schaust du denn so verärgert?", Opa riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah ihn böse an: ,,Wieso sagst du mir nicht einfach, was die Lektion dahinter sein soll, dann muss ich auch nicht mehr diese Kälte ertragen, die von dem Ding ausgeht.", sein Blick wurde ernst und er kniff die Augen zusammen, das hieß nichts Gutes.
,,Wie meinst du? Kälte? Das ging aber schnell.", den letzten Satz murmelte er leise in sich hinein, als sollte ich es nicht hören. Ich zog fragend eine Augenbraue hoch. Opa drehte seinen Kopf wieder zu mir und starrte mich nachdenklich an, als hätte ich irgendetwas unglaublich wichtiges gesagt, aber ich verstand nicht, ob es was mit der Kälte, die ich erwähnt hatte, zu tun hatte. ,,Sila, du musst etwas für mich erledigen.", das sagte er so unnatürlich ernst. Großvater war ein kleiner und witziger Elf, der immer grinste und nie ernst blickte. ,,Ist etwas?", besorgt sah ich ihn an.
,,Nein, aber du musst etwas erledigen. Komm' mit.", schnell stand er auf, ging mit seinem Gehstock in Richtung Wohnzimmer, das er auch immer zum Experimentieren benutzte. Ich folgte ihm flink. Wir standen um seinen Tisch und dem Sessel herum. Auf dem Tisch lagen verstreut Landkarte, alte Bücher mit Ledermantel und verschiedene Tintenfässer mit Federn. Er setzte sich auf den großen dunkelbraunen Sessel, in dem er fast versank und kramte zwischen den Karten, bis er die eine, nach der er gesucht hatte, fand und sie aufband. Er breitete sie auf dem großen Schreibtisch auf und ich bemerkte, dass er mir diese bisher nur einmal gezeigt hatte. Näm-lich als er mir den Weg zu der Lichtung im Süden gezeigt hatte. Sie war schon sehr alt und an vielen Ecken und Kanten eingerissen. Goldene verzerrte Schrift zog sich über Landschaften. Bäume und Wälder waren als hochgewachsene Dreiecke abgebildet. Ich hätte einen halben Tag hier stehen können und einfach nur die einzelnen Zeichnungen ansehen können, aber dafür ließ er mir keine Zeit. Mit den runzeligen alten Fingern zeichnete er einen Feldweg mitten durch den Wald nach. Daneben war eine dünne blaue Linie gemalt, wahrscheinlich ein Bach oder Fluss. Der Weg endete im Nirgendwo, die Karte zeigte nämlich nicht ihr Ende. ,,Geh' wieder nach Süden, folge diesem Feldweg."
,,Bis wohin? Ich sehe kein Ende auf dieser Karte."
,,Wahrscheinlich wirst du auch nicht so weit gehen müssen.", als ich ihn stirnrunzelnd anstarrte, fuhr er fort: ,,Du gehst soweit, wie du meinst, es richtig ist, ja? Wenn du meinst, es ist Zeit umzudrehen, dann drehe um, aber nicht früher." Ich hätte fragen können, aber außer diesen Satz hätte er mir eh nichts gesagt, also stellte ich mich damit zufrieden und nickte. Ich ging aus dem Zimmer und hörte noch den freundlichen Gruß von Opa: ,,Pass auf dich auf, Sila!"
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Sila's Zauberstein
FantasySila ist eine Magierin, die ihre Prüfung abschließen will. Doch inwiefern soll ihr dabei ein Stein helfen? Und warum verhält sich ihre Großvater so seltsam? Noch dazu spielen ihre Gefühle Toni gegenüber verrückt.. fühlt er denn genauso?