Kapitel 4

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Bevor ich außerhaus ging, schnappte ich mir meine braune Umhängetasche und stopfte sie mit kleinen Schachteln mit Kräutern voll. Diese warf ich mir um. Ich stand noch in meinem Zimmer und betrachtete mein Spiegelbild. Ich weiß nicht genau wieso, aber komischerweise musste ich an mein damaliges Ich denken. Ich sah das kleine Mädchen, das ich war, und betrachtete es eine Zeit lang. Schüchtern, mollig und sogar Augenringe. Ich weiß noch, das ich nachts fast nie ruhig schlafen konnte, da Vater und Mutter immer gestritten hatten. In meinem Kopf schallten ihre lauten Stimmen. Die Schmerzverzerrte meiner Mutter und die Wü-tende meines Vaters. Ich hatte nie viel davon verstanden, was sie geredet hatten, ich war ja noch ein Kind gewesen, aber eins hatte ich immer genau gewusst – es würde sich nie etwas ändern. Naja, es hatte sich etwas geändert. Eines Tages verschwanden beide spurlos, Großvater kam, meinte meine Eltern seien verreist, aber später merkte ich, das sie nicht mehr kommen würden. Nächtelang blieb ich wach, nur um am Fenster Ausschau nach ihnen zu halten. Und dann kam immer Opa, zog mich sanft vom Fenster und sang mir dann mit seiner tiefen Stimme etwas vor, bis ich einschlief. Seine Lieder erzählten über Drachen, Zwerge oder Feen, auch über böse Gestalten der Finsternis, aber diese wurden immer von dem Guten besiegt.

Eines Tages kam ich ausnahmsweise gut gelaunt und munter die Treppe herunter, doch Opa war nicht da. Tagelang fehlte jegliche Spur. Einmal am Tag kamen die Nachbarn und machten mir etwas zu essen, sagten aber nie ein Wort über ihn. Nach einer Woche kehrte er unerwartet wieder und so begann meine Lehre bei ihm. Er meinte, es sei wichtig, dass es jetzt ge-schehe. Zu dieser Zeit hatte ich dann auch Toni kennengelernt. Er war ganz anders gewesen, als ich. Aufgeweckt, für sein Alter sehr klug und immer lachte er. Er hatte mich wach gerüttelt und aus der Trance geholt, in der ich so lange gelebt hatte.

Ich bemerkte, wie mir eine Träne über die Wange lief und jetzt erst sah ich, wie traurig ich in den Spiegel starrte. Mit schief-gelegten Kopf, meine Haare hingen mir fransig ins Gesicht und die Augen liefen rot an. Ich wüschte mir mit beiden Händen übers Gesicht, um die Gedanken zu vertreiben und mich ins Hier und Jetzt zurückzuholen.

Bevor ich losging, entschloss ich mich, schnell etwas anderes anzuziehen, da mir immer kälter wurde. Also warf ich mir mein hellbraunes Kleid mit dem schönen Korsett über und noch den schwarzen Mantel, natürlich steckte ich auch den Stein noch in meine Tasche. So bewaffnet ging ich zur Haustür.

Es war noch früh, deshalb waren noch nicht viele Leute auf den Straßen Faromos. Die schmale Straße, auf der ich nun stand, war umgeben von kleinen Häusern. Mehrere Abzweigungen gab es, wie die zu meiner Linken. Wenn man diese hinunter ging, kam man zu den Geschäften, Schmieden oder Bäckereien. Faromo war zwar nur ein kleines Dorf, aber dafür hatten wir alles, was man brauchte. Zu meiner Rechten lag das Haus von Toni und seiner Mutter Erica. Sein Vater war dasselbe zugestoßen, wie meinen Eltern. Eines Tages war er weg gewesen und kam auch nicht wieder, ab da kam der Meister ins Spiel und nahm ihn, wie mich, in die Lehre. Ich drehte meinen Kopf wieder nach vorne und schritt los, immer gerade aus musste ich, um zum Wald zu kommen, also Süden. Ich stellte mir innerlich wieder die Karte vor, mit ihrer Goldschrift und den einzelnen, kunstvollen Malereien. Was mich wohl erwarten würde? Ich malte mir aus, dass, sowie bei Toni, mir ein Wolf be-gegnet, was das für einen Sinn ergeben würde, war mir selbst nicht so ganz klar.

Was Anton wohl gerade trieb? Ich musste schmunzeln, das letzte mal, als wir sprachen, war er wieder wie der kleine Toni von früher, verängstig sobald man nur von Lebewesen, wie Wölfen, sprach. Er tat immer ganz furchtlos. Immer wenn uns Opa in den Wald geschickt hatte, um Kräuter zu sammeln, dann nahm er mich immer an der Hand und tat so, als müsste er mich beschützten. Wie hatte ich ihn nicht immer genannt, ach ja, Tonchen. Ich grinste in mich hinein, bei diesem Gedanken. Vögel zwitscherten um mich herum und immer wieder stoß mein Fuß gegen ein zwei Steine oder trat auf zerbrechende Äste. Mein Blick schweifte über den blauen Himmel, die Wolken hingen hoch und am Horizont konnte man noch rote und orange Himmelsfetzen ausmachen. Meine Gedanken schwammen über zum Meister. Als ich noch kleiner war, war er oft mit mir am Morgen rausgegangen und hatte den Sonnenaufgang mit mir beobachtet. Ich hörte im Unterbewusstsein das Lied, das er immer gepfiffen hatte, wenn wir zusammen in Richtung Wald gingen. Wie ging das Lied nicht nochmal, dachte ich. Ach ja! Laut fing ich an die Melodie zu pfeifen, erst recht schief und wackelig, nach einer Weile aber schon so, wie Opa früher. So marschierte ich also auf dem Feldweg, der mich bald zum Wald führen sollte, weit war es immerhin nicht mehr. 

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