Hilfsbedürftig

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Mycroft stand noch immer zitternd und verwirrt im Badezimmer. Er hielt sich am Waschbecken fest und starrte sich selbst im Spiegel an. Wie lange stand er hier jetzt schon? Er wusste es nicht.

Die Situation war seltsam; absurd; so konnte es nicht weiter gehen. Aber wie sollte es weitergehen? Er wusste es nicht.

Klar, sie würden reden müssen. Das Problem war nur, er wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte Gregory sicher sehr enttäuscht ... ja, der war zärtlich und verständnisvoll, aber ... was sollte er mit einem Lebensgefährten, der nicht in der Lage war, sich ihm anzuvertrauen? Sich ihm zu öffnen und ihm hinzugeben?

Gregory hatte jemand besseren verdient.

Er seufzte.

Ein paar mal noch hatte sein Freund an die Tür geklopft, leise nach ihm gerufen und versucht, ihn dazu zu bewegen, die Tür zu öffnen.

Er konnte es nicht.

Er stand einfach da, starrte und versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.

Irgendwann war es still geworden.

Er riss sich zusammen, wandte sich der Tür zu und öffnete sie leise.

Zu seinem Erstaunen, aber auch irgendwie zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass Gregory neben der Tür hockte und offenbar eingeschlafen war. Kein Wunder, sie waren spät zum Schlafen gekommen, früh wieder erwacht und die Sorge um ihn, Mycroft, musste Gregory erschöpft haben.

Er schob die Tür ganz leise weiter auf und schlüpfte hindurch.

Was sollte er jetzt tun?

Er wollte ... er würde ...

Ohne wirklich darüber nachzudenken, was er hier eigentlich tat, zog er sich ein paar Socken und eine Unterhose, ein Hemd, Pullover und Jeans über.

Und ehe er sichs versah, stand er draußen auf der Straße, noch immer verwirrt und völlig durcheinander.

Er streckte die Hand aus und hielt das nächst beste Taxi an.

Der Wagen hielt und der Fahrer öffnete ihm die Tür. Mycrofts natürliche Würde und Autorität schien ihm auch jetzt nicht verloren gegangen zu sein, jedenfalls wurde er vom Cabbie mit Respekt behandelt.

„Wo darf ich Sie hinbringen, Sir?"

Tja, wohin?

Er könnte natürlich in jedes verfügbare Hotel fahren. Sich die besten Zimmer leisten.

Er könnte in seine Räumlichkeiten im Diogenes-Club fahren, die ihm dort immer noch zur Verfügung standen, obwohl er sie, seit er mit Gregory zusammen war, kaum noch genutzt hatte. Ja selbst sein Büro, in dem er seine „untergeordnete Regierungstätigkeit" ausübte, und das in Wahrheit das Zentrum des britischen Empire war, hatte einen Ruheraum mit einer bequemen Schlafliege und allem, was man für einen mehrtägigen Aufenthalt benötigte.

Aber ...

Er wollte nicht allein sein.

Nicht jetzt.

Er hatte sich offenbar während der Zeit mit Gregory verändert. Gregory hatte ihn verändert.

Er war nicht mehr der „Eismann".

Nun, nach außen hin war er das immer noch.

Aber in seinem Inneren hatte er sich verändert. Früher hatte es ihn nicht gestört, niemanden an sich heranzulassen. Eine Insel inmitten des Ozeans von Menschen und zwischenmenschlichen Beziehungen zu sein.

Er hatte das gefördert, wo er nur konnte, hatte alle Versuche, ihn zu mögen, regelrecht abgeschreckt.

Aber jetzt ...

Es war anders.

In diesem Augenblick, wo es ihm schlecht ging und er zugeben musste, dass er konfus war und nicht wusste, was er tun sollte, sehnte er sich nach Familie.

Und deswegen sagte er: „ 221 B Baker Street."

„Okay, Sir. 221 B Baker Street", sagte der Fahrer und startete den Wagen.

Ernsthaft? Er wollte zu seinem Bruder?

Ja, tatsächlich, er wollte reden, er brauchte Hilfe, und die ersten, die ihm dazu einfielen, waren Sherlock und John.

Dann wurde ihm bewusst, das Sherlock gar nicht in London war. Er war irgendwo auf dem Lande und verfolgte dort einen Fall.

Nun, vielleicht war das gar nicht so schlecht. Denn John Watson, der kleine Doktor und Verlobte seines Bruders, war inzwischen auch Familie für ihn. Er war selber erstaunt, als er das feststellte, aber ja, John gehörte für ihn dazu.

John wäre in der Tat sogar der bessere Partner zum Reden als Sherlock, der sofort über alles Bescheid wissen würde mit nur einem einzigen Blick. John dagegen war derjenige, der mit all den Fallstricken des menschlichen Miteinanders wesentlich erfahrener war. Er würde ihm zuhören, und er würde sicher wissen, was er tun sollte. Nun, zumindest würde er ihn nicht verspotten, wie es Sherlock tun würde. John war eindeutig im Augenblick die bessere Wahl.

Er lehnte sich zurück in die Polster des Wagens und ließ Häuser, Autos, Menschen an sich vorüber gleiten.

Ob Gregory noch schliefe? Oder war der wohl inzwischen aufgewacht?

Sicher würde er ihn suchen und sicher wäre eine der ersten Dinge, die er tun würde, ein Anruf bei Sherlock und John. Aber das war okay, denn er, Mycroft, wollte sich ja nicht wirklich vor Greg verstecken. Er wollte nur ...

Tja, was wollte er eigentlich?

Er wusste es selber nicht genau, er wusste nur dass er sich ungewohnter Weise in einer Situation befand, die er trotz allem diplomatischen Geschick und all seiner Intelligenz nicht alleine bewältigen konnte.

Er seufzte.

Und er war froh, als der Wagen schließlich in der Baker Street vor dem Haus der Mrs. Hudson hielt.

BauchschmerzenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt