Erzwungenes Vergessen

295 19 0
                                        

Das für immer Verlorene - es kann in unserer Erinnerung weiterleben. Was ihr nun hören werdet, ist unvollkommen und bruchstückhaft, aber habt trotzdem Acht davor, denn ohne euch existiert es nicht. Ich gebe euch nun eine Erinnerung zurück, die verloren ging im traumhaften Nebel dessen, was hinter uns liegt. - Eragorn, das Vermächtnis der Drachenreiter

»Bleib wo du bist, Harry, ich warne dich!«, rief Hermione und zielte mit ihrem Zauberstab auf ihn.

Harry  war bloß im Schulsprecherquatier um die Herumtreiberkarte zu holen, mit  ihrer Hilfe hoffte er Hermione ausfindig zu machen. Doch die offen  stehende Tür zu ihrem Schlafzimmer und die Geräuschkulisse verrieten  sie. Nun stand eine junge Frau ihm gegenüber, die völlig verzweifelt  schien. Das Zimmer war leer geräumt von allen persönlichen  Habseligkeiten. Fertig gepackt stand ihr Schulkoffer neben ihr.

»Was hast du vor,«, gezielt ignorierte Harry, dass sie ihn bedrohte. »Du willst doch nicht einfach gehen?«

Leicht senkte sie ihren Arm, starrte ihn nach Worten suchend an.

»Lass mich einfach nur gehen.« Ihre Stimme war so leise und sein Herzschlag so laut, dass er sie gerade so verstehen konnte.

»Das  ist nicht dein Ernst?« Alle Alarmglocken begannen in ihm zu schrillen,  Panik erfüllte ihn. »Es gibt bestimmt einen anderen Weg.«

Stetig hatte er die Distanz zu ihr verringert.

»Bitte, Harry!«, flehte sie, bevor er ihren rechten Arm ergriff und sie in seine Arme zog.

»Es tut mir so leid.«, flüsterte sie.

»Finite Amnesia!« Ihre brüchige Stimme hallte in seinem Kopf wider, während ihn eine regelrechte Bilderflut gefangen nahm.

Krampfhaft  hielt Harry sich an Hermione fest. Er schloss seine Augen und fand sich  in einem magischen Zelt wieder. Seinen rechten Arm hatte er jetzt um  Ihre Taille gelegt, mit dem Daumen machte er sanfte, kreisende  Bewegungen, im Hintergrund spielte Musik. Weder für die Umgebung noch  für sonst irgendetwas hatte er Augen, nur für die warmen Braunen, die in  seine wie gebannt sahen. Nie zuvor waren sie sich so lange, so nahe  gewesen, wie in diesem Moment. Ihre Wangen waren prominenter, als noch  vor einigen Wochen und doch war es immer noch das Gesicht seiner besten  Freundin, was nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Sein Blick  wanderte zu ihren Lippen und er wunderte sich, wie sie sich gegen die  seinen anfühlen würden. Wie ertappt, schnellte sein Blick wieder zu  ihren Augen, nur um festzustellen, dass ihre genauso wie seine gewandert  waren. Anders als in seinen bisherigen Erinnerungen wurde die mit  Spannung geladene Nähe nicht von ihr unterbrochen, sondern intensiviert.  Langsam verkürzte Hermione den Abstand zwischen ihnen, wohl darauf  wartend er würde irgendetwas tun, um sie zu hindern. Doch er tat nichts,  er schloss die Augen und spürte nur noch wie leicht, fast flüchtig ihre  Lippen die seine berührten. Eine willkommene Wärme breitete sich in ihm  aus, bevor Harry reagieren konnte, war es wieder vorbei. In Trance, mit  einem kitzeln auf den Lippen, öffnete er wieder die Augen. Eine feine  Röte durchzog Hermiones Gesicht, vergebens versuchte sie seinem starren  Blick auszuweichen. Sie waren sich noch so nah, dass er ihren Atem  spüren konnte. Gleichzeitig schlossen nun beide die Lücke und ihre  Lippen trafen erneut aufeinander.

Die  zaghafte Berührung hatte in Harry ein Verlangen, einen Hunger  ausgelöst, von dem er nicht wusste, dass er ihn überhaupt hatte. Erst  vorsichtig berührten sich wiederholt die Münder, dann als er ihre Zunge  gegen sein fühlte, war es wie ein Überschäumen an Emotionen. Die warme  Hand, die stetig mehr unter seinen Pullover über seinen Rücken wanderte,  ließ ihn vergessen, dass außerhalb des Zelts minus Temperaturen  herrschten. Kurz löste Harry sich von ihr, um das störende Textil zu  entfernen. Gekonnt zog er seinen Pullover aus ohne seine Brille darin zu  verlieren. Die kurze Unterbrechung schien gereicht zu haben, um  Hermione zögern zu lassen. Ihr Blick war nicht mehr sicher, sondern  fragend. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und doch wollte, noch konnte  er jetzt einen Rückzieher machen. Es gab keinen Grund dem Verlangen  nicht nach zugeben. Sachte strich er ihr über die Wange. Von einem  Moment auf den anderen hatte sich alles zwischen ihnen geändert und er  ließ es zu. Auf eine merkwürdige Weise fühlte es sich befreiend an und  zeitgleich nährte es sein Bedürfnis etwas gedankenloses, gar  egoistisches zu tun.

Im Namen der LiebeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt