Ein Ruck durchfuhr ihn und Harry zuckte heftig zusammen.
War er bewusstlos gewesen, oder eingeschlafen? Alles drehte sich. Ihm war schlecht, schwindelig, er wusste nicht genau, wo er war, ob er überhaupt noch lebte.
War er getroffen worden und verreckte gerade an seinen Wunden? Die Explosion war noch sehr präsent in seiner Erinnerung und die Druckwelle spürte er immer noch. Zumindest kam es ihm so vor.
Vorsichtig holte er Luft und seine Rippen taten weh, sie stachen ihm bei jedem Atemzug in die Seite. Sicherlich hatte er sie sich gebrochen, als er sich auf den Boden geworfen hatte. Die Verletzung am Kopf und die Schnittwunden im Gesicht taten weh, sein Trommelfell schien geplatzt zu sein und warmes Blut sickerte ihm den Hals hinunter. Blinzelnd öffnete er die Augen und sah die kleine Glühlampe über sich. Das Licht schaffte es kaum durch das matte Glas und sie schaukelte hin und her.
Der Geruch von Schmieröl, verschwitzten, ungewaschenen Männern, altem, eingetrocknetem Blut, Erbrochenem und Benzin drang ihm in die Nase und machte ihn sofort wieder schwindelig.
Kraftlos ließ er sich zurück auf die Liege sinken, legte den Kopf auf das kratzige, viel zu flache Kissen und streifte mit den Fingern den rauen Stoff der Militärdecke unter sich. Wie lange er hier lag, konnte er gar nicht sagen, doch es kam ihm vor, wie Wochen.
Allerdings konnte er sich auf sein Zeitgefühl schon lange nicht mehr verlassen, denn seine Uhr war schon vor Monaten kaputtgegangen und er konnte nicht einmal genau sagen, welchen Wochentag sie hatten – vom Datum ganz zu schweigen.
Aber das war auch nicht wichtig.
Wichtig war, dass er noch am Leben war, dass sein Herz noch schlug und er sich hoffentlich auf dem Weg nach Hause befand. Beim Gedanken an Zuhause zog sich alles in ihm zusammen und er wandte den Kopf zu einer Schwester, die ebenfalls mit an Bord war und die er durch einen Spalt im Vorhang sehen konnte.
„Ma'am, wo sind wir und welchen Tag haben wir?", fragte er und seine Stimme war kaum mehr, als ein Flüstern, weil er sie so lange nicht gebraucht hatte.
Die Schwester zog den Vorhang vor seiner Koje beiseite und musterte ihn erstaunt. Vielleicht hatte sie gedacht, er wäre längst tot.
„Ah, Sie sind ja wieder unter uns", sagte sie freundlich, „wir mussten unterwegs die Reise abbrechen und sind gerade noch einmal gestartet. Wenn jetzt kein erneuter Angriff der Deutschen geflogen wird, dann sollten wir in etwa fünfzehn Minuten bei der Royal Air Force in Rudloe Manor sein. Heute ist Samstag, der 23.Mai 1940."
„Wir mussten noch mal landen?", fragte Harry und die Vorstellung, wieder am Boden zu sein, an diesem schrecklichen Strand, wo die British Army seit Wochen von den Deutschen eingekesselt wurde, schnürte ihm fast die Luft ab. Wie gut, dass er diese Landung nicht mitbekommen hatte, sonst wäre er vermutlich durchgedreht.
Man sollte meinen, Männer hätten keine Angst – man hatte sie so erzogen. Ihre Väter und Großväter, die den ersten Weltkrieg mitgemacht hatten, waren harte und verhärmte Männer gewesen, die ihren Kindern nur wenig Mitgefühl entgegen bringen konnten. Jungen und Männer sollten mutig sein und für ihr Land kämpfen.
Doch Harry hatte in den letzten Wochen eine Angst kennengelernt, die er so noch nie zuvor empfunden hatte und die er nie wieder spüren wollte. Sie hatte ihn regelrecht gelähmt und gleichzeitig einen Überlebensinstinkt in ihm geweckt, den er bisher noch nicht kannte. Es war ein Wunder, dass er sich aus lauter Verzweiflung nicht einfach in die Fluten geworfen hatte. An einem Strand festzusitzen, vor sich das Meer und im Rücken die Deutsche Armee, die immer näher zu kommen schien, abgeschnitten von der Versorgung und keine Aussicht auf Rettung..noch nie hatte er sich so allein gefühlt.
Wieder sah Harry hinauf zu der schaukelnden Lampe und kniff die Augen zusammen. Er wollte sich jetzt nicht in dem Gefühl verlieren – nicht jetzt, wo er doch endlich die Hoffnung haben konnte, nach Hause zurückzukehren.
Irgendwie kam es ihm vor, als hätte er dieses Flugzeug schon einmal gesehen. In einem anderen Zustand. Aber vielleicht lag er auch schon zu lange hier drin, als dass er noch wirklich sagen konnte, ob es nicht einfach die Nacht gewesen war, die er hier erlebt hatte. Seine Ohren taten weh und er kniff die Augen zusammen, als die Turbinen kurz lauter wurden.
Waren es denn die Turbinen? Oder heulte da der Motor eines deutschen Kampfbombers auf, der sie ins Visier genommen hatte?
Griff man sie etwa wieder an?
Hier drin gab es kein Fenster und er fühlte sich schrecklich ausgeliefert. Seine Hände waren nass vor Angst und er wischte sie schnell an seiner verdreckten Kleidung ab. Um sich abzulenken, ließ er die Augen über die anderen Verletzten schweifen, von denen manche wach waren und genauso panisch aussahen, wie er, andere hatten die Augen geschlossen.
Vielleicht waren sie ja schon gar nicht mehr am Leben.
Die Splitterbombe, die den Strand vor einigen Tagen getroffen hatte, hatte viele Leben gekostet und Harry selbst hatte nur überlebt, weil er sich in einiger Entfernung in den Sand geworfen hatte. Die Druckwelle und die herumfliegenden Splitter hatten ihm trotzdem ordentlich zugesetzt - doch er lebte noch.
Und er war auf dem Weg nach Hause.
Das war sowieso das Wichtigste.
„Wir setzen jetzt zur Landung an", sagte die Krankenschwester freundlich und ein Soldat hob den Kopf: „Landen wir in Dünkirchen?"
„Nein, in Rudloe Manor."
Sie hatten den Kanal überquert.
Er war tatsächlich wieder Zuhause.
.-.-.-.
Willkommen meine lieben!
Es geht los!
Wir machen mal wieder einen Abstecher ins Geschichtsbuch und landen dieses Mal im zweiten Weltkrieg oder mehr oder weniger im zweiten Weltkrieg.
Das Thema hatte ich bisher noch nicht, mal sehen, was uns erwartet.
Seid ihr gespannt? Wie hat euch der Prolog gefallen? Harry ist ja ganz schön im Arsch...
Das dürft ihr auf jeden Fall sein. Also nicht im Arsch, sondern gespannt 🤣😂
Ich freue mich, euch wieder hier zu lesen und hoffe, dass uns dieses Buch ein wenig durch den Herbst begleitet.
Liebe Grüße
Headlong90
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Airspeed Oxford
FanfictionDie Nacht ist nicht jedermanns Sache. Louis fühlt sich im Dunkeln allerdings ganz wohl, denn da stört ihn niemand. Er ist ganz allein, als er sich in seiner Nachtschicht im Museum gemütlich in eines der alten Flugzeuge aus den 40er Jahren setzt. De...
