Das Wochenende verlief relativ träge. Meine Laune ist im Keller und ich habe nur meinen Freund mit dem ich reden kann, aber selbst der hört mir nicht zu.
So wie die Woche aufgehört hat, fängt sie auch wieder an. Ich sitze im Englischunterricht und wir machen Stationsarbeit. Ganz praktisch, wie ich finde. Konzentrieren kann ich mich trotzdem nicht. Immer wenn ich meine Lehrerin sehe, möchte ich am liebsten heulen. Ganz dem Motto 'wenn man vom Teufel spricht', steht sie plötzlich vor mir und bittet mich, erneut mit ihr draußen zu reden.
Darauf habe ich echt keine Lust. Ich lass mich doch nicht ein weiteres Mal anpampen! Aber letztendlich geh ich trotzdem mit raus. Zu meinen erstaunen ist sie plötzlich ganz nett zu mir:
"Moni, es tut mir leid was ich alles Freitag zu dir gesagt habe. Das war nicht pädagogisch wertvoll. Ich war nur so frustriert, weil ich sowas nicht von dir erwartet habe. Bitte entschuldige."
Ich weiß nicht was ich sagen soll. "Äh, ja, ist schon ok. Verstehe ich."
"Na danm lass uns wieder rein gehen."
Ich kanns kaum glauben! Hat sie sich eben wirklich entschuldigt? Der Tag ist gerettet!
Und tatsächlich laufen die nächsten Stunden ganz gut. Wie wird es wohl zu Hause sein? Auf dem Weg zum Fahrrad begegne ich einer guten Bekannten, die eine Stufe unter mir ist. Wir reden und schreiben immer mal wieder gerne.
"Wie geht es dir?", fragt sie mich.
"Gut und dir?", meine Standardantwort.
"Wirklich?"
"Ja klar."
"Hmm. Irgendwas stimmt doch nicht. Wir schreiben nachher!", und schon geht sie. Sie hatte schon immer ein feines Gefühl für Menschen. Aber im Prinzip vertraue ich ihr mehr als anderen. Ich weiß auch nicht warum.
Später beim Mittagessen ist meine Mutter ziemlich gesprächig und gut gelaunt. Komisch. Hat sie irgendwas genommen? So kann der Tag doch weiter gehen! Wenn ich mich daran erinner, wie schlecht es mir in letzter Zeit ging, ist der heutige Tag wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Dementsprechend haue ich richtig rein beim Essen. Drei Teller Nudeln mit Soße. Verdammt lecker! Kaum haben wir abgeräumt und ich bin in mein Zimmer gegangen um Hausaufgaben zu machen, betrachte ich mich im Spiegel. Ich sehe fett aus. Ich wiege auch einfach viel zu viel! Was genau weiß ich nicht, aber es dürfte knapp unter 80kg sein. Ich höre die Haustür zufallen. Meine Mutter geht in den Keller. Das ist die Chance! Ich renne ins Badezimmer, beuge mich über die Toilette und würge so viel wie möglich raus. Es muss schnell gehen, bevor meine Mutter wieder oben ist.
Ich fühle mich besser. Nicht perfekt, aber ok. Kotzen ist eine gute Notlösung wenn es wirklich mal zu viel war.
Nun sitze ich vor meinen Hausaufgaben und werde von meinem Handy abgelenkt. Ich bin in einer tollen WhatsApp Gruppe, wo sich alle gegenseitig unterstützen. Viele haben psychische Probleme: Svv, Depressionen, Borderline und auch Selbstmordgedanken. Es tut gut Menschen zu haben, die einen verstehen und die einem gute Ratschläge geben können. Dann schreibt mich meine Bekannte von vorhin an:
"Hey, sag mal was ist los? Ich weiß das irgendwas nicht mit dir stimmt."
Sie hat recht, ich habe ein Problem. Mir ist bewusst das sie nicht locker lassen wird, also gebe ich mir einen Ruck und schreibe ihr in Kurzversion alles: Über meine Familiensituation, Svv, meiner Lehrerin, der Therapie und selbst von meinen Selbstmordgedanken.
"Dann bist du jetzt nicht wirklich stabil oder?"
"Doch, doch. Heute geht es mir sehr gut!"
"Ich habe lange überlegt und glaube das es besser ist, wenn ich dir etwas erzähle."
"Was ist denn los?", mir wird aufeinmal ganz mulmig zur Mute. Es beunruhigt mich sehr!
Dann kommen mehrere Screenshots von einem Chat.
"Das ist der Klassenchat von meiner Parallelklasse. Meine Freundin hat es mir geschickt, weil sie weiß das ich dich kenne und sie wollte wissen ob es stimmt."
Ich lese mir den Chat aufmerksam durch. Ich bin geschockt. Ich weiß nicht mehr weiter.
"Woher wissen die das?"
"Also stimmt das Gerücht?"
"Nicht ganz. Es stimmt nicht das meine Lehrerin mich schon mehrmals vom Suizid abhalten musste. Wir haben Freitag geredet und ja ich habe ihr eine Mail geschickt. Aber mehr auch nicht!"
Ich schreibe ihr nun doch noch ausführlicher was in den letzten Tagen passiert ist. Aber ich kann es immernoch nicht glauben: Im Chat ist ein Foto von mir. Ich erkenne an der Kleidung, dass es Freitag aufgenommen wurde und da man mich von rechts im Klassenraum sieht, muss es meine ach so liebe Klassenkameradin gewesen sein. Ich weiß schon warum ich sie hasse! Und dann diese Diskussion, von wegen ich hätte mich schon oft von meiner Lehrerin aufhalten müssen weil ich mich umbringen wollte. So ein Quatsch! Und was für eine Frechheit so ein Foto in Umlauf zu bringen! Ich bin verdammt wütend.
"Es tut mir leid, ich wusste das ich es dir nicht hätte erzählen sollen."
"Nein, das ist schon ok! Ich rede morgen mit unserer Schulsozialarbeiterin darüber und dann ist gut."
"Ich glaube dir zwar nicht ganz, aber du kannst mir ruhig schreiben wenn es dir wieder schlechter geht."
Hausaufgaben werde ich heute nicht mehr machen. Dafür bin ich nicht mehr in der Lage. Ich schreibe meinem Freund, der genauso geschockt ist wie ich. Wenigstens versteht er mich heute. Am Wochenende kommt er wieder zu mir, aber vorher habe ich am Freitag wenigstens noch etwas besseres vor: Ich tanze mit einem neuen Tanzpartner! Ich liebe Standard und Latein Tanz! Dann habe ich einen Tag in der Woche, worauf ich mich freuen kann und abschalten kann.
Im Bett zwinge ich mich am Abend, mich nicht zu verletzen. Ich will das durchstehen! Ich denke einfach ans Tanzen und schlafe friedlich ein.
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Hungerliebe
Fiksi Remaja18, weiblich, Schülerin. Das ist Moni. Sie kämpft mit sich selbst und gegen ihre innere fremde Stimme, die sie in den Abgrund trägt. Am Anfang merkt noch niemand, wie sehr sie leidet, bis es schließlich fast zu spät ist. Ich möchte davor warnen...
