426 Tage danach
Alexa
Seit ich im Krankenhaus aufgewacht bin ist vieles anders. Nicht nur, dass wir online bloßgestellt worden sind, dass Jasper im Krankenhaus liegt und Timo und Bene tot sind. Ich bin anders. Travis hat irgendetwas in mir kaputt gemacht, das habe ich gespürt als Jaspers Körper leblos zusammengesackt ist. Er hat den Teil von mir, den ich mein ganzes Leben lang irgendwie versucht habe zu kleben endgültig zerbrochen.
Mit den Händen tief in den Taschen lasse ich mich vor den beiden Steinen nieder und ziehe die Knie an die Brust. In meinem Rücken spüre ich den mir nur allzu bekannten Baum während die Sonne die Wolkendecke zerbricht. Ein Foto von Bene und Timo, in einen Stein glasiert schmückt das Grab und ich weiß genau, dass die beiden auf dem Bild so glücklich sind wie es aussieht, denn ich habe es geschossen.
Auch wenn ich gut auf mich selber aufpassen konnte, war Timo mein Held, mein Beschützer in den dunkelsten Tagen. Ich wusste immer wenn er da ist, kann mir niemand etwas antun. Schon als wir kleine Kinder waren hat er sich vor mich gestellt und bei Übernachtungen die ein oder andere Ohrfeige meines Vaters abgefangen, bis er nicht mehr bei mir übernachten durfte. Weil seine Mutter nicht wollte, dass mein Vater ihn schlägt, ihr es aber egal war was er mit mir anstellt. Desto älter wir wurden, desto weniger hat sich das geändert, er ist trotzdem immer darum bemüht gewesen auf mich acht zu geben.
Obwohl die Sonne warm am Himmel steht, habe ich eine Gänsehaut vor Kälte.
Bene war ein komischer Kautz und warum die Zwei so gute Freunde gewesen sind hat keiner verstanden, sein Humor hat mich immer zum lachen gebracht, selbst wenn mal wieder alles fürn Arsch war. Er hat niemandem von meinem Problem erzählt, er hat es all die Jahre für sich behalten und seine Schwester tut jetzt das selbe wie er, sie hütet mein Geheimnis. Das liegt wohl in der Familie.
Keiner von Beiden hatte es verdient zu sterben.
Und dennoch sind sie gestorben weil sie sich Sorgen um uns gemacht haben. Weil sie den dummen Fehler gemacht haben und wieder zurück zur Farm gekommen sind.
"Eigentlich sollte ich dich dafür hassen," Benes Schwester lässt einen Strauß Blumen auf das Grab sinken und lacht auf.
"Aber er würde es hassen, wenn ichs tue."
Sie starrt auf den Stein, der ihren Bruder jetzt am nächsten ist und streicht mit den Fingerspitzen drüber.
"Ich hab die Videos gesehen, hab gesehen was er mit euch gemacht hat. Und ich denke, all das mit der Bürde die Schuld am Tod von den Beiden zu haben, ist mehr als du verdient hast."
Mir wird warm, kochend heiß, weil sie alles in mir aufflammen lässt. Diese wenigen Worte halten mir wieder einmal vor Augen, dass jeder in dieser gottverdammten Stadt gesehen hat was passiert ist.
Bestätigend nicke ich,"ich wünsche mir mehr als du es mir glauben wirst, dass ich an diesen Tag mit ihnen gestorben wäre."
Entsetzt schüttelt sie den Kopf," dann wären sie umsonst gestorben. Du musst leben, weil sie es gewollt hätten."
Ich spüre das altbekannte Pochen in meiner Brust, den Druck durch den ich das Gefühl habe mein Oberkörper platzt. Meine Lungen die sich mit zu viel aber irgendwie auch zu wenig Luft füllen. Das Rauschen meines eigenen Blutes schallt in meinen Ohren.
Sie bekommt keine Verabschiedung als ich panisch aufstehe und davon stürze. Meine Atmung geht flach und meine Hände zittern, es ist zu viel. Die Welt dreht sich, meine Beine geben mitten auf der Straße nach und bevor ich mich versehe, knallt mein Kopf auf harten Asphalt bevor sich alles zu einer Masse formt die sich schwarz verfärbt.
Mein Schädel dröhnt leicht, als ich aufwache. An meinem Handrücken ist ein Zugang gelegt und auch so erkenne ich das Krankenhaus sofort.
Ächzend setzte ich mich auf und folge dem Schlauch bis zur Infusion, die mir Schmerzmittel in den Körper laufen lässt. Verdammt ernüchternd, dass das Zeug nicht so wirkt wie es sollte. Ich ziehe den Schlauch ab und verschließe den Teil der in meiner Hand verbleibt. Meine Schuhe stehen neben dem Bett und meine Kleidung hab ich glücklicherweise auch noch an. In dem hässlichen türkisen kleinen Wandspiegel über einem Waschbecken, erkenne ich das riesige Pflaster, welches über meiner rechten Schläfe klebt. Seufzend ziehe ich das beknackte Klemmbrett aus der Halterung vor dem Bett und überfliege die Zeilen.
Wiederholte Panikattacke, Traumatisches Erlebnis
Schnaubend stecke ich das Teil zurück, so ein Bullshit.
Draussen auf dem Flur erkenne ich sofort, in welchen Teil des Gebäudes ich mich befinde. Immerhin habe ich hier eine Menge Zeit verbracht, die ich nie wieder zurück bekommen werde.
Jasper liegt wie zu erwarten mit all diesen Schläuchen in dem selben Bett indem er seit über einem Jahr liegt. Mit der Zeit sind seine Wunden lediglich zu Narben geworden die seinen Körper jetzt für immer zieren.
Ich ziehe mir wie immer den blauen Sessel so nah es geht an sein Bett und setzte mich im Schneidersitz auf das abgenutzte Leder. Ich habe zwar kein Zuhause mehr, aber hier bei Jas, ist es immer irgendwie so als wäre ich Zuhause, so wie es früher auch war. Wenn wir zu zweit gewesen sind, ist es immer Zuhause.
"Alexandra," Jas Mutter Anna steht im Türrahmen.
Ich starre sie an.
Seitdem was bei ihnen Zuhause passiert ist, habe ich versucht Jas Eltern aus dem Weg zu gehen. Anna und Daniel waren bei den Gerichtsverhandlungen, sie haben gesehen wie die Farm ausgesehen hat als Travis mit uns fertig gewesen ist.
Jeglichen Kontaktversuch den sie seitdem unternommen haben blocke ich ab. Anna und Daniel haben mich bei sich aufgenommen als wäre ich schon immer ihr Kind gewesen und nachdem ihr eigenes auf gewisse Art und Weise von ihnen gegangen ist, bin ich es auch.
Verwirrt schrecke ich aus meinen Gedanken hoch, als ich eine weiche Hand an meinem Gesicht spüre.
Vorsichtig streichelt sie meine Wange entlang und lächelt seicht mit Tränen in den Augen.
"Es ist schön dich zu sehen," gibt sie erschöpft zu. "Dich mit ihm zu sehen, fast wie immer."
Beinahe hätte ich bitter gelacht, aber für Anna ist es auf ihre Art und Weise wirklich schön.
"Wie geht es dir?"
Sie lässt sich an Jaspers Beinen nieder und sieht ihren Sohn wehmütig an.
Ich habe die Wärme genossen die immer in dieser Familie gelegen hat. Es hat sich aber auch in dieser Hinsicht viel verändert, Daniel hat sich von Anna getrennt und ist in eine der Großstädte gezogen. Anna lenkt sich mit allen Aufgaben auf der Farm ab und kämpft nebenbei mit ihren Gefühlen weil ihr Sohn im Koma liegt.
"Gut," lächle ich gespielt und lüge Anna die nächsten zwanzig Minuten ins Gesicht.
Wir schlendern über den Flur, nachdem sie gewartet hat bis ich entlassen worden bin. Tatsächlich tut es irgendwie gut mit ihr zu reden, es gibt mir ein Stück von meinem alten Ich wieder, dass ich langsam anfange zu vergessen.
"Alexa!"
Völlig durch den Wind steht Nick am anderen Ende des Flurs und starrt mich erleichtert an.
Anna bleibt stehen als ich mit schnellen Schritten auf ihn zugehe ohne Vorwarnung nehme ich ihn in den Arm und auch er lässt seinen Helm fallen und drückt mich an seine Brust. Ich kann seinen Herzschlag an meinem Gesicht spüren und erstaunlicher Weise tut es unfassbar gut, dass er mich so hält. Es tut gut zu wissen, dass er sich Sorgen um mich gemacht hat. Mit Lucy und Jayden ist es anders, ihre Sorgen sind so mit mir verbunden. Es ist schwer zu erklären, warum es mich hier nicht stört.
"Ich verabschiede mich kurz, dann können wir gehen," erkläre ich ihm und deute mit dem Kopf auf Jas Mutter die uns lächelnd beobachtet.
Anna greift nach meinen Händen und wirft dann nochmal einen Blick über meine Schulter während sie mich glücklich anlächelt.
"Scheint als wärst du nicht ganz alleine,"merkt sie an.
In mir steigt Magensäure auf, weil ich an Jas denken muss und ich schüttle den Kopf.
"Nick ist ein Kumpel, er hilft mir bei etwas," erkläre ich. In Annas Blick liegt ein wenig Wehmut als sie nickt und mich in ihre Arme schließt.
Wir umarmen uns kurz, als ich ihre Stimme an meinem Ohr wahrnehme.
"Warte nicht auf Jas, das hätte er nicht gewollt."
Sie hebt die Hand um Nick damit zu verabschieden und macht sich zurück auf den Weg zu Jasper.
Verwirrt laufe ich neben Nick über die sterilen Krankenhausflure ind bekomme ihre Stimme nicht aus dem Kopf.
Warte nicht auf Jas, das hätte er nicht gewollt.
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What happend to us
Teen FictionWir waren vier Freunde. Jetzt sind wir das was von uns übrig ist.
